Verkehrsmeldungen aus Hamburg
Staus, Baustellen, Gefahrenhinweise - die aktuelle Verkehrslage mehr
Die Rote Flora: Vom Glamour vergangener Tage ist heute nichts mehr zu erkennen.
Die gelbe Farbe bröckelt von der Fassade, die Wände sind beschmiert mit politischen Parolen: "Viva la Revolución" oder "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Dabei gehörte zum Gebäude selbst einmal ein Palast - der sogenannte Crystallpalast. Das war 1890. Damals hieß Hamburgs Rote Flora noch Gesellschafts- und Concerthaus Flora und erstreckte sich vom Schulterblatt bis an die Häuser der heutigen Lippmannstraße. Bis nach dem Ersten Weltkrieg fanden im 1895 in Flora-Theater umbenannten Konzerthaus erfolgreich Konzerte, Varietés und Theateraufführungen statt.
Vom einst prunkvollen Flora-Theater ist heute nur noch der Kopfbau erhalten. Der Haupteingang ist verrammelt, davor liegen Obdachlose in Schlafsäcke gerollt - ein starker Kontrast zu den hübsch sanierten Altbauten, kleinen Boutiquen und Szenecafés in der Umgebung.
Die Rote Flora ist zu einer Ikone der "linksautonomen" Szene geworden - und das über die deutschen Grenzen hinaus. Sie ist das einzige Haus in Deutschland, das seit mehr als 20 Jahren besetzt ist. Zwei Mal im Jahr rückt sie ins Zentrum der Berichterstattung, am 1. Mai und zum Stadtteilfest. Dann strömen Linke aus Hamburg und dem Umland ins Schanzenviertel und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Mülltonnen brennen, Steine fliegen, Wasserwerfer werden eingesetzt. Für seine "widerständige Aura" wird das "halb verwitterte Anarcho-Theater", vor dem "noch einige echte Punks auf dem Gehsteig herumlungern", in Reiseführern als Sehenswürdigkeit gelobt.
Die Rote Flora steht inmitten von frisch sanierten Altbauten am Hamburger Schulterblatt.
Eine Stahltür an der Seite führt hinein. Davor stehen Sören, 34, und Alexander, 27. Die beiden sind seit mehreren Jahren aktiv. Sprecher sind sie nicht, denn Sprecher gibt es in der Flora nicht. Hier hat niemand das Sagen, grundlegende Entscheidungen werden auf der Vollversammlung, dem obersten Gremium, im Konsens getroffen. Weniger grundlegende Entscheidungen, zum Beispiel welcher Reporter empfangen wird, werden im wöchentlichen Plenum diskutiert, zu dem verschiedene Gruppen Delegierte schicken können. Dort wird dann so lange diskutiert, bis alle einverstanden sind. Das kann Tage oder Nächte dauern, manchmal auch Wochen. "Es ist der Versuch, alle Interessen in Einklang zu bringen", sagt Alexander. Der Student kam 2002 über die Proteste für den Erhalt des Bauwagenplatzes Bambule im Karolinenviertel zur Flora. "Es war ein Ort, wo ich einfach sein konnte, ohne ein enges Korsett von Regeln", sagt er jetzt.
Die Decken im Eingangsbereich sind hoch, die Wände bunt bemalt. Es riecht ein wenig muffig und feucht, nach abgestandenem Bier. Ein Stück weiter an der Wand eine Art Hausordnung: "Wir dulden kein gewalttätiges, sexistisches, homophobes, faschistisches, rassistisches, antisemitisches Verhalten." "Diese Liste lässt sich noch unendlich fortsetzen", fügt Alexander hinzu. Im Erdgeschoss befindet sich der große Veranstaltungssaal. Hier finden Konzerte und Feiern, aber auch Theater, Lesungen oder Workshops statt. Geht man weiter durch, kommt man in die "Vokü", die Volxküche. Zwei Mal die Woche wird hier gekocht, für Schüler, Studenten, Obdachlose und Hartz-IV-Empfänger. Das Essen ist kostenlos - wer es sich leisten kann, gibt eine Spende. Die Zutaten bekommen die "Floristen" von Gemüsehökern in der Umgebung.
Es gehe in der Roten Flora um den Versuch, "ein anderes Miteinander zu praktizieren", sagt Alexander. Doch auch in diesem Gegenentwurf gibt es gewisse Regeln: Alkohol wird nicht ausgeschenkt, nur abends zu Veranstaltungen. Aber auch dann gibt es keinen "Hart-Alk", nur Bier, Sekt und Wein. Auch Drogen sind verboten, genauso wie das Fotografieren im Innern. "Wer sehen möchte, wie es hier aussieht, soll selber herkommen", sagt Sören.
Eine alte Treppe führt in den Keller. Hier geht es zu Bandproberäumen, einer Fahrrad- und einer Motorradwerkstatt. Die ist jeden Montag geöffnet, und jeder, der kommt, kann sie nutzen - umsonst. Gegen Eigentum, Kommerz und Profit - das war und ist das Prinzip der Roten Flora.
Vor 22 Jahren fing alles an: Nach langem Leerstand wollte der Senat das Haus an einen Musical-Produzenten verkaufen. Aus Angst, das Viertel würde sich zu einer Touristen-Meile entwickeln, wehrten sich Anwohner und politische Initiativen. Einige besetzten das Haus, leisteten Widerstand. Nach zahlreichen politischen Aktionen und gewalttätigen Auseinandersetzungen gab der Investor schließlich nach. Die Rote Flora blieb besetzt, die Diskussion über eine Räumung hielt jedoch an.
Um endlich Ruhe zu haben und das leidige Thema aus dem Wahlkampf herauszuhalten, überschrieb der SPD-geführte Senat das marode Gebäude am 26. März 2001 für 370.000 DM an den Immobilieninvestor Klausmartin Kretschmer. Wiederkaufsrecht: zehn Jahre. Diese zehn Jahre sind Ende März abgelaufen - ausgerechnet wenige Wochen, nachdem die SPD die Macht in der Hansestadt wieder übernommen hatte. Ein Weiterverkauf des Gebäudes bedarf nun nicht mehr der Zustimmung der Stadt.