Sendedatum: 26.11.2012 22:00 Uhr

Dämmen oder nicht dämmen?

Welche Alternativen gibt es zu den ja offenbar fragwürdigen Wärmedämmverbundsystemen für die nachträgliche energetische Sanierung?

Experten-Interview

Gibt es Alternativen zur Polystyrol-Dämmung?

Wie kann ich mein Haus nachträglich dämmen? Welche Materialien es zur Wärmedämmung gibt und welche Vor- und Nachteile sie haben, erklärt Diplom-Ingenieurin Heike Böhmer. mehr

Kossin: Gerade hier in Norddeutschland wurden früher viele Häuser mit zweischaligem Mauerwerk gebaut. Zwischen Außen- und Innenwand wurde ein Luftspalt von sechs bis neun Zentimetern gelassen. Gedacht war er dafür, in die Wand eindringende Feuchtigkeit abzuführen. Aber er transportiert eben auch viel teure Wärme ab und die Innenwände sind im Winter eiskalt. Es gibt verschiedene Dämmstoffe, die in diesen Luftspalt eingeblasen werden können. Die Methode hat zwar einige Nachteile, aber sie kostet auch nur rund ein Drittel eines Wärmedämmverbundsystems. Man sollte seine Wand und die bauphysikalischen Gegebenheiten aber wie vor jeder Art von Eingriff sachverständig und unabhängig untersuchen lassen.

Ziehe ich aus Ihrer Recherche den richtigen Schluss, dass selbst ein Altbau manchmal vielleicht besser ungedämmt bleibt, weil die Nachteile die Vorteile überwiegen?

Kossin: Manche Altbauten sind sicher größere Energieschleudern als moderne Häuser. Aber so schlecht, wie sie von interessierten Kreisen geredet und gerechnet werden, sind sie oft nicht. Wohnhäuser aus der Jahrhundertwendezeit haben schöne dicke Mauern, die sich tagsüber aufheizen und diese Wärme abends lange halten. Wärmedämmverbundsysteme machen diese "solaren Einstrahlungsgewinne" zunichte - und verschandeln die prächtigen Fassaden.

Gibt es die von Ihnen beschriebenen Probleme eigentlich auch bei Neubauten oder werden da andere Materialien verwendet?

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Risse im Putz können gravierende Schäden nach sich ziehen, wenn dadurch Feuchtigkeit in die Dämmschicht eindringt.

Kossin: Wir haben uns für den ersten Film ja eher auf die Sanierung von Altbauten konzentriert. Da sind Eingriffe immer Kompromisse und bauphysikalisch riskant.

Es gibt aber auch im Neubaubereich vergleichbare Probleme. Der Pfusch, den uns der Sachverständige Frank Hessing im ersten Teil unserer Dokumentation gezeigt hat, der betraf ja ein neues Haus. Zwar lassen sich bei Neubauten die einzelnen Komponenten gezielter aufeinander abstimmen. Aber schiefgehen kann es trotzdem. Und auch im Neubaubereich wird überwiegend Polystyrol verwendet. Eine gute Alternative zu WDVS wäre ein zweischaliger Wandaufbau, in der Mitte ein nicht brennbarer Dämmstoff wie etwa Mineralwolle und außen davor Klinker. Das ist zwar deutlich teurer als ein WDVS, aber so langlebig und wartungsarm, dass es sich langfristig rechnen sollte.

Welches Ihrer Rechercheergebnisse bei diesem an erschreckenden Erkenntnissen ja nicht gerade armen Film hat Sie am meisten erstaunt?

Kossin: Die realitätsferne Zulassungsprüfung für Polystyrol. Um als "schwer entflammbar" eingestuft zu werden, muss der Baustoff einen "Brandschachttest" bestehen. Erstaunlich war, dass eigentlich klar ist, dass dieser Test rein gar nichts beweist; schon gar nicht eine schwere Entflammbarkeit. Und dennoch hält die Zulassungsbehörde daran fest.

Purtul: Der erfolgreiche Coup der Haustechnik-Lobby. Mittels der DIN-1946-6 hat sie Lüftungstechnik bei jedem Neubau obligatorisch gemacht. Dabei sagt einem doch schon der gesunde Menschenverstand, dass es eine Alternative zu Schlitzen in Fensterdichtungen und kontrollierten Wohnungslüftungen gibt: Fenster öffnen und durchlüften. Dabei gibt es aber für die Lobby nichts zu verdienen. Und so hält wartungsintensive Technik Einzug ins Haus und verteuert das Wohnen weiter.

Informationen zur Sendung
mit Video

Die Wärmedämmerung

16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

Der Dämmstoff Polystyrol soll Heizkosten deutlich senken. Wie gut ist seine Wärmedämmung wirklich? Und wie sieht es mit der Brandgefahr und der Umweltbilanz des Materials aus? mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 26.11.2012 | 22:00 Uhr

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16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

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