Sendedatum: 06.08.2012 20:15 Uhr  | Archiv

Hat Obst früher mehr Vitamine enthalten?

von Christine Buth und Sara Rainer

Gemüse und Obst, das wir im Supermarkt kaufen, hat oft weite Reisen hinter sich, wurde im Gewächshaus schnell hochgezogen und gekühlt monatelang gelagert. Was passiert dabei mit den gesunden Inhaltsstoffen? Enthalten Obst und Gemüse noch so viele Vitamine wie früher?

Die Mär vom Mangel

Der Vitaminpillen-Hersteller Orthomol behauptet in einer Werbebroschüre: "Heutzutage wird es immer schwieriger, den Organismus mit den notwendigen Mikronährstoffen zu versorgen." Und warnt vor "Unzureichende[r] Versorgung über die Nahrung"! Beim Mitbewerber Centrum ist die Rede vom "Mangel trotz Überfluss". Ausgelöst auch durch den "Verlust von Vitaminen und Mineralien durch unreife Ernte, Transport, Lagerung ..." Und auch Eunova spricht von "Versorgungslücken." Haben die Vitaminpillenhersteller mit diesen Warnungen Recht? Brauchen wir deshalb Multivitaminpillen als Nahrungsergänzung?

Wir haben stichprobenartig Obst und Gemüse eingekauft und in das Labor des Lebensmittelinstitutes KIN e.V. gebracht. Dort wird untersucht, ob in Karotten ausreichend Vitamin A sowie in Tomaten und Paprika ausreichend Vitamin C steckt. Das hat Labor-Leiter Michael Benner für uns analysiert. Das Ergebnis beim Gemüse ist durchweg positiv. "Die rote Paprika hat einen sehr hohen Vitamin-C-Gehalt, der über den durchschnittlichen Werten liegt", erklärt Benner. Tomaten und Karotten liegen voll im Schnitt. Ob konventionell oder bio angebaut, machte beim Vitamingehalt unserer Analyse keinen Unterschied.

Ausreißer Apfel

Nur eine Obstsorte fiel negativ auf: Die Jonagold-Äpfel aus dem Alten Land enthielten so wenig Vitamin C, dass es kaum messbar war. "Die Äpfel waren leider die große Ausnahme", erklärt Michael Benner, "wohl weil sie im vergangenen Jahr geerntet wurden und dann während der langen Lagerung das sehr empfindliche Vitamin C abgebaut worden ist, sodass es jetzt nicht mehr nachweisbar ist."

Viele Einflüsse wirken auf den Vitamingehalt in Obst und Gemüse ein, erklärt Dr. Dirk Köpcke von der Obstbauversuchsanstalt in Jork im Alten Land. Beim Apfel kommt es auf die Sorte an, auf den Standort des Baumes und den Wuchsort im Baum. "Da können Sie auch mal Pech haben", erklärt Köpcke. Vor Vitamin C-Mangel muss man deshalb noch lange keine Angst haben. "Der Apfel enthält noch viele andere gesunde Inhaltsstoffe wie Pektin, Mineral- und Ballaststoffe. Und Vitamin C bekommen wir so viel über andere Lebensmittel zugeführt, dass es darauf nicht so ankommt", betont Köpcke.

Ausreichend Vitamine und Mineralstoffe in frischen Früchten

Auch Prof. Bernhard Watzl vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung in Karlsruhe ist überzeugt, dass wir ausreichend versorgt sind. Über viele Jahre haben die Wissenschaftler hier tonnenweise Obst und Gemüse analysiert: "Wir haben in den heutigen Obst- und Gemüsesorten ausreichend Vitamine und Mineralstoffe. Wir können sicher sagen, dass wir über Obst und Gemüse die wertgebenden Inhaltsstoffe in ausreichenden Mengen bekommen können", sagt Watzl. Wir müssen nur genug davon essen.

Wir haben die Hersteller der Multivitaminpillen mit unseren Ergebnissen konfrontiert. Orthomol schreibt, sie würden lediglich darauf hinweisen, dass der Nährstoffgehalt von Obst und Gemüse schwanken könne. Eunova und Zentrum geben zu: Vitaminpillen könnten eine gesunde Ernährung nicht ersetzen.

Einfach gesund essen

Sich gesund zu ernähren, sei einfacher, als viele glauben, meint der Ernährungsmediziner Dr. Matthias Riedl. "Tatsächlich reicht aber schon eine halbe Paprika, um den Tagesbedarf an Vitamin C zu decken", erklärt Riedl. Ähnlich einfach geht es bei den anderen Vitaminen. Ein Blatt Grünkohl reicht für den Tagesbedarf an Vitamin A, ein Ei für Vitamin B12 und fünf bis sechs Esslöffel Olivenöl für den an Vitamin E.

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Gefährlicher Vitamin-D-Mangel im Norden

Die Vitamin-D-Versorgung durch Sonneneinstrahlung und Ernährung reicht oft nicht aus. 80 Prozent der Norddeutschen leiden an einem Vitamin-D-Mangel. mehr

Schwieriger ist die Aufnahme an Vitamin D, das nicht in so vielen Nahrungsmitteln enthalten ist. Um den Tagesbedarf zu decken, müssten es schon eine Avocado oder vier Eier sein. Die beste Quelle aber ist Sonnenlicht, denn das regt die körpereigene Vitamin-D-Produktion an. Täglich eine halbe Stunde Sonne zu tanken, reicht dafür aus. "Wir haben hier im Norden eher Vitamin D-Mangel als in Nürnberg, im Süden sind sie ein bisschen sonnenbegünstigt", erklärt Dr. Matthias Riedl. "Der normale gesunde Deutsche, der sich abwechslungsreich ernährt, hat keinen Vitaminmangel."

Dieses Thema im Programm:

Markt | 06.08.2012 | 20:15 Uhr

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