Stand: 09.10.2013 19:55 Uhr  | Archiv

Der hohe Preis für billigen Orangensaft

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Nach Angaben der Gewerkschaft arbeiten die meisten Erntehelfer nur mit Saisonverträgen. Zwei Tonnen Orangen müssen sie am Tag pflücken.

Orangensaft ist gesund und lecker. Die Deutschen trinken ihn literweise - gerade jetzt, wenn es draußen ungemütlich wird und die Erkältungssaison beginnt. Viele Supermärkte bieten ihre eigenen Marken an. Früchte und Saftkonzentrat dafür kommen zum größten Teil aus Brasilien. Dort, auf den Feldern und in den Fabriken, müssten viele Arbeiter unter unwürdigen Bedingungen schuften, sagen Gewerkschaftsvertreter. Hierzulande bekommt kaum einer etwas davon mit.

Von der Plantage in den Supermarkt

Die Gewerkschaft ver.di hat nun - gemeinsam mit der Organisation Christliche Initiative Romero (CIR) - die gesamte Orangensaft-Lieferkette von den Plantagen Brasiliens bis in die deutschen Supermärkte nachgezeichnet und die prekären Bedingungen aufgedeckt. Blind seien die Konzerne für Arbeitsrechte in Brasilien, heißt es in der Studie. Immer weniger Groß-Konzerne beeinflussten die Lieferketten der Lebensmittel und würden ihre Macht missbrauchen, indem sie die Preise gnadenlos drücken.

Moralische Verantwortung

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Orangenpflückerin Cicera Coltro (dritte von links) und Anwalt Marcio Prophetz Sormani Bortolucci (links) sind aus Brasilien angereist, um über Missstände auf den Plantagen zu berichten.

Im Fokus steht unter anderem das Hamburger Unternehmen Edeka: Europas größter Fruchtimporteur und Branchenprimus im Einzelhandel. "Der Vorstandsvorsitzende Markus Mosa tut so, als hätte Edeka keinen Einfluss", sagt die Gewerkschafterin Katharina Wesenick im Gepräch mit NDR.de. "Und er versteckt sich dahinter, dass rechtlich nichts zu machen sei."

Dabei habe das Unternehmen auch eine moralische Verantwortung, sagen ver.di und CIR, die den Edeka-Chef am Mittwochmorgen in Hamburg mit den Ergebnissen konfrontieren wollten. Doch weder er noch sonst jemand habe sich bereit erklärt, die Studie in Empfang zu nehmen, so ver.di. "Enttäuscht und wütend" seien die Verfasser, auch weil extra angereiste Gäste aus Brasilien einfach ignoriert worden seien. Laut Edeka lief es jedoch anders ab: Weil ver.di den Besuch nicht angekündigt habe, sei das Unternehmen darauf nicht vorbereitet gewesen. Aber man habe sich bereit erklärt, die Studie entgegenzunehmen und die Besucher ins Gebäude gebeten.

Edeka will Einfluss auf Lieferkette nehmen

Edeka äußerte sich zudem in einer Stellungnahme zu den Vorwürfen der Studie: Die Produktion der Orangensaft-Konzentrate sei von wenigen Anbietern beherrscht, das schränke den Einfluss der Abnehmer deutlich ein. "Dennoch sehen wir als Lebensmittelhändler unsere Verantwortung darin, gemeinsam mit unseren Lieferanten im Rahmen unserer Möglichkeiten Einfluss auf die Lieferkette zu nehmen", sagte Sprecher Gernot Kasel.

Lieferanten sollen internationale Standards einhalten

Der Inhalt der Studie sei Edeka bekannt. Man habe die Hinweise ernst genommen, sie überprüft und bereits teilweise umgesetzt. "In den vergangenen Monaten haben wir alle Orangensaft-Lieferanten unserer Eigenmarken konkret dazu aufgefordert, ihre Produkte - also auch die eingesetzten Rohstoffe - durch den international anerkannten Standard der BSCI (Business Social Compliance Initiative) oder vergleichbare unabhängige Systeme abzusichern", erklärt Kasel. Mit der Unterzeichnung des BSCI-Verhaltenskodex verpflichten sich Unternehmen, den Schutz von Arbeitnehmerrechten einzuhalten.

Nahezu alle Lieferanten hätten mittlerweile reagiert. Der Großteil habe sich zum BSCI-Standard bekannt, andere haben sich auf der SEDEX-Plattform registriert - eine Organisation, die sich für Verbesserungen in globalen Lieferketten engagiert. Zielsetzung von Edeka sei es, zukünftig nur noch Produkte von Lieferanten zu handeln, die durch BSCI oder vergleichbare Organisationen beziehungsweise Standards abgesichert seien.

Schlangen, Spinnen, Pestizide

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Cicera Coltro hat auf den Orangen-Plantagen in Brasilien gearbeitet - bis ihr Rücken kaputt war.

Für die frühere Erntehelferin Cicera Coltro kommen diese Verbesserungen zu spät. Sie hätte in der Edeka-Zentrale gerne ihre Geschichte erzählt: Orangen pflücken im Akkord, zwei Tonnen täglich. Auf dem Boden lauern Schlangen und Spinnen, Pestizide verpesten die Luft. Längst nicht alle Arbeiter auf den Plantagen in Brasilien tragen Schutzkleidung. Eindrucksvoll schildert die 44-Jährige die katastrophalen Bedingungen auf den Plantagen. Umgerechnet neun Euro bekommen sie am Tag. Doch selbst dieser Lohn wird nicht immer ausgezahlt.

Dieses Thema im Programm:

NDR//Aktuell | 09.10.2013 | 15:00 Uhr

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