Stand: 21.04.2017 17:26 Uhr

Wie sicher sind Radfahrstreifen wirklich?

von Güven Purtul, 45 Min
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Bieten aufgemalte Spuren auf der Straße Radfahrern wirklich ausreichend Sicherheit?

Weiße Linien auf der Fahrbahn markieren einen etwa 1,50 Meter breiten Streifen zwischen parkenden Autos und fließendem Verkehr. Statt auf herkömmlichen Radwegen sollen Radfahrer in Hamburg und anderen Städten an immer mehr Straßen auf so gekennzeichneten Spuren fahren. Konflikte mit Fußgängern ließen sich dadurch vermeiden, sagt Kirsten Pfaue, zudem fahre es sich so "sicher und komfortabel".

Die Radverkehrskoordinatorin will Hamburg zur Fahrradstadt machen und den Radverkehrsanteil verdoppeln. Doch viele Radwege in der Hansestadt sind dafür bisher kaum geeignet: schmal und in schlechtem Zustand. Eine Alternative wären breite Radwege, die baulich von der Straße getrennt sind, so wie in den Niederlanden oder in Kopenhagen. Stattdessen setzt Pfaue vor allem auf Radfahrstreifen und Schutzstreifen, denn die sind günstig. Meist reicht etwas weiße Farbe für weiße Linien und Fahrrad-Piktogramme.

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Nähe zu Autos und Lkw bedeutet für viele Radfahrer Stress

Es gibt da nur ein Problem: Die Nähe zum motorisierten Verkehr. Sportliche Radler wie Pfaue stören sich nicht daran, doch viele Senioren, Familien mit Kindern und defensive Radfahrer fühlen sich auf der Straße unsicher, vor allem, wenn schwere Lkw dicht an ihnen vorbeirauschen.

Zumal auf den Radfahrstreifen oft Autos halten, obwohl das verboten ist. Radler müssen dann in den fließenden Verkehr ausweichen und das ist gefährlich. Statt mit Fußgängern kommt es also zu Konflikten mit Autofahrern. Die müssen zudem immer über die Radstreifen fahren, wollen sie ein- oder ausparken. Im dichten Berufsverkehr provoziert das Gefahren.

Dass sich viele Radfahrer dabei wie im "Nahkampf" mit den Autos fühlen, glaubt Radverkehrskoordinatorin Pfaue aber nicht: "Da ist ausreichend Platz, das ist auch real abgetrennt durch die deutliche Linie vom Kfz-Verkehr". Auf der Straße seien Radfahrer vielmehr besonders sicher, denn da befänden sie sich "im Blickfeld der Autofahrer".

Lässt sich die Sicherheit von Radfahrstreifen statistisch belegen?

Ist die gefühlte Sicherheit auf den mit dem Fußweg kombiniertem Radweg, dem sogenannten Hochbord-Radweg, also nur subjektiv? Fährt es sich tatsächlich sicherer auf der Straße? Schwer zu sagen, denn die amtliche Statistik enthält keine Angaben darüber, ob sich ein Verkehrsunfall auf einem Radweg oder einem Radstreifen ereignet hat.

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Doch es gibt Studien, vor allem von der Bundesanstalt für das Straßenwesen (BASt). Die Stadt Hamburg verweist auf eine Studie aus dem Jahr 2009 mit dem Titel "Unfallrisiko, Konfliktpotenzial und Akzeptanz der Verkehrsregelungen von Fahrradfahrern". Diese kommt zum Ergebnis, dass die Unfallgefahr auf Radwegen etwas höher ist als auf Radstreifen.

Das Studienergebnis ist aber weniger eindeutig als es klingt. Denn die Autoren relativieren es selbst umgehend, indem sie schreiben: "Eine generelle Präferenz für einen Anlagentyp kann aufgrund der Untersuchungsergebnisse nicht getroffen werden." Tatsächlich ist ein Vergleich von Radstreifen mit baufälligen, handtuchbreiten Radwegen wenig aussagekräftig. Vor allem, da letztere eher an verkehrsreichen Straßen liegen, wo ohnehin mehr Unfälle zu erwarten sind.

Die größte Unfallgefahr geht von "Geisterradfahrern" aus

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Hinzu kommt: Viele Unfälle auf Radwegen sind auf das Befahren in falscher Richtung zurückzuführen. Vor allem auf Strecken mit vielen Grundstückszufahrten fahren "Geisterradler" ein hohes Risiko, denn kein Autofahrer rechnet mit ihnen. Wären alle rechts unterwegs, wäre die Unfallrate zwischen Radwegen und Radstreifen vergleichbar, schlussfolgern die Autoren der BASt-Studie.

Nicht zuletzt sagt die Zahl der Unfälle nichts über Art und Schwere aus. Tatsächlich kommt es auf viel befahrenen Radwegen, die zu schmal sind, häufig zu Unfällen beim Überholen von Radfahrern untereinander. Ungleich schlimmere Folgen können plötzlich aufgestoßene Autotüren haben. Sogenannte Dooring-Unfälle enden nicht selten mit schwersten Verletzungen oder gar tödlich für Radfahrer. Diese Gefahr ist auf der Fahrbahnseite größer als auf Hochbordradwegen, da sich Fahrertüren viel häufiger öffnen.

Viele Autofahrer verzichten auf den Schulterblick

Am gefährlichsten sind aber Kreuzungen: Viele Radler kommen durch abbiegende Kfz ums Leben. Experten betonen, wie wichtig ausreichende Sichtbeziehungen im Kreuzungsbereich sind. Eine Garantie für mehr Sicherheit sind sie jedoch nicht, denn manche Autofahrer verzichten aus Bequemlichkeit auf den Schulterblick und nehmen geradeaus fahrenden Radlern die Vorfahrt. Diese Gefahr besteht auch bei Radfahrstreifen. 

Osnabrück: Radfahrstreifen werden kaum genutzt

Das zeigt sich zum Beispiel in Osnabrück, wo Radstreifen schon lange eine wichtige Rolle spielen. An einer Kreuzung am Johannistorwall kamen bereits mehrere Radfahrer ums Leben, obwohl sie dort - gut sichtbar - auf der Straße fahren. An dieser Stelle starben 2014 zwei Radler durch abbiegende Lkw.

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Der Fahrradaktivist und Blogger Daniel Doerk wünscht sich deshalb "gute, sichere Radwege für Leute, die noch nicht Rad fahren". Nur so lasse sich der Radverkehrsanteil signifikant steigern: "Die Leute wollen möglichst getrennt vom Autoverkehr fahren, weil sie sich dann sicherer fühlen".

Die gähnende Leere auf den Osnabrücker Radfahrstreifen ist auch den Verantwortlichen der Stadt aufgefallen: Auf "zu schmalen Radfahrstreifen an Straßen mit hoher Kfz-Verkehrsbelastung", werde die subjektive Sicherheit "als schlecht wahrgenommen" und es komme "vermehrt zum Vermeiden der Strecken oder Gehwegfahrern", heißt es auf Anfrage.

Die Radstreifen stellt sie deshalb aber nicht in Frage: Neuere, breitere Radstreifen würden von den Bürgern deutlich besser angenommen. Die betroffene Kreuzung werde zudem durch eine veränderte Ampelschaltung entschärft. Um den Radverkehr zu fördern, hat die Stadt zudem mehrere Fahrradstraßen ausgewiesen. Dennoch entfallen auf das Rad keine 20 Prozent Anteil am Binnenverkehr.

Hoher Fahrrad-Anteil am Verkehr in Oldenburg

Ganz anders sieht es in der hundert Kilometer nördlich gelegenen Stadt Oldenburg aus, die hinsichtlich Größe und Struktur vergleichbar ist. Radstreifen spielen dort so gut wie keine Rolle. Fast überall verlaufen Hochbord-Radwege auf dem Bürgersteig. Der Fahrrad-Anteil am Verkehrsmix liegt in Oldenburg bei weit über 40 Prozent.

Davon profitiert auch die Sicherheit: Rein statistisch müssten in Oldenburg eigentlich mehr als doppelt so viele Radfahrer ums Leben kommen wie in Osnabrück. Doch tatsächlich sind es weniger: Starben in Oldenburg von 2009 bis 2016 vier Radfahrer bei Unfällen, waren es in Osnabrück zehn.

Radstreifen sind vor allem günstig

Doch warum sind Radstreifen bei den Städten überhaupt so beliebt? "Das ist die einfachste Lösung, weil es oft nur mit ein bisschen Farbe verbunden ist, die auf die Fahrbahn gebracht wird", meint Doerk. Dass es auch anders geht, beweist die dänische Hauptstadt, die als weltweites Vorbild in Sachen Radverkehr gilt: Die Radwege in Kopenhagen wurden konsequent verbreitert und baulich vom Fuß- und Autoverkehr getrennt. Der Erfolg: Dort fahren mehr Menschen mit dem Rad als mit dem Auto - Umwelt, Gesundheit und Lebensqualität der Bürger profitieren.

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