Stand: 04.02.2016 17:55 Uhr

Fischeinkauf: Wie gut ist das MSC-Siegel?

von Irene Altenmüller, NDR.de

Ein blaues Logo mit einem stilisierten Fisch steht seit 1997 für das gute Gewissen der Fischindustrie und der Verbraucher. Das MSC-Siegel soll signalisieren, dass der gekaufte Fisch umweltschonend gefangen wurde. Hält das Label, was es verspricht?

Was ist der MSC und wofür steht das Siegel?

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Knapp zehn Prozent der weltweit wild gefangenen Fische werden von MSC-zertifizierten Fischereien gefangen.

Die Organisation MSC (englisch für Marine Stewardship Council) betreibt ein internationales Zertifizierungsprogramm für Fisch und Meeresfrüchte aus nachhaltiger Fischerei. Offizielles Ziel des MSC ist die Sicherung der Fischbestände für die Zukunft. Gegründet wurde der MSC durch den Lebensmittelkonzern Unilever und die Umweltschutzorganisation WWF, ist aber mittlerweile unabhängig. Die Organisation finanziert sich zum Großteil aus Spenden und aus den Lizenzgebühren, die die zertifizierten Unternehmen für die Nutzung des Siegels auf ihren Fischprodukten zahlen. Für die Zertifizierung selbst erhält der MSC kein Geld. MSC-zertifizierter Fisch hat in Deutschland laut Umweltbundesamt bei wild gefangenem Fisch bereits einen Marktanteil von rund 50 Prozent.

Ein Fischprodukt, das das Siegel trägt, muss laut MSC drei Voraussetzungen erfüllen: 1. Die Fischbestände dürfen nicht überfischt werden, müssen sich also immer wieder erholen können. 2. Es darf nur so gefischt werden, dass Artenvielfalt und Funktionsfähigkeit der betroffenen Ökosysteme erhalten bleiben. 3. Ein effektives Management muss dafür sorgen, dass alle regionalen und internationalen Gesetze eingehalten werden.

Welche Kritik gibt es am MSC-Siegel?

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Seelachs aus der Nordsee ist mit MSC-Zertifikat erhältlich. Doch Kritiker stufen den Bestand als gefährdet ein.

Trotz seines Zieles, die weltweiten Fischbestände zu sichern, sieht etwa die Umweltschutzorganisation Greenpeace das MSC-Label kritisch. "Es klaffen immer noch Lücken", sagt Sandra Schöttner, Meeresexpertin bei Greenpeace. Der MSC vergebe seine Zertifikate zu früh - allein auf die Aussicht hin, dass eine Fischerei künftig nachhaltige Kriterien anwenden werde. "Beim MSC reicht das Versprechen, dass sich etwas verbessert für die Zertifizierung. Wir sind der Meinung, es muss sich erst etwas verbessern", erklärt Schöttner. Außerdem erhielten auch Fischereien eine Zertifizierung, die weiter problematische Fangmethoden einsetzten. "Es gibt MSC-zertifizierte Fischereien, die nicht nachhaltig sind", so Schöttner. Ein Beispiel dafür sei der Alaska-Seelachs, der zu den beliebtesten Speisefischen der Deutschen zählt und unter anderem zur Herstellung von Fischstäbchen verwendet wird. Zwar seien die Bestände momentan nicht gefährdet. Die MSC-zertifizierten Fischereien setzten aber Fangmethoden ein, die am Meeresboden große Schäden anrichten.

"Zu hart befischt"

Auch einige Fischereiwissenschaftler sehen das Label kritisch. "Im Jahr 2015 waren drei Fischbestände mit MSC-zertifizierten Fischereien außerhalb sicherer biologischer Grenzen, also viel zu klein", erklärt etwa Rainer Froese vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Dazu zählten unter anderem der Seelachs aus der Nordsee und der Wolfsbarsch. "Fünf Bestände wurden zu hart befischt", so Froese, darunter Seezunge aus der Nordsee und Seelachs von den Faröern.

"Lieber genau auf Kennzeichnungen achten"

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Greenpeace rät davon ab, nur auf Zertifikate zu vertrauen. Verbraucher sollten beim Kauf genauer hinschauen.

"Der MSC hat bei vielen Menschen zu einem Umdenken beigetragen. Trotzdem können wir das Label nicht empfehlen. Das ist auch in anderen Fällen und nicht nur beim MSC-Siegel so", fasst Schöttner die Haltung von Greenpeace zusammen. Sie rät dazu, sich beim Fischkauf nicht allein auf Zertifizierungen zu verlassen, sondern darauf zu schauen, woher der Fisch kommt und mit welcher Methode er gefangen wurde. Der Greenpeace-Fischratgeber gebe eine Hilfestellung, welche Fanggebiete und -methoden bei den einzelnen Fischarten laut der Umweltschutzorganisation vertretbar seien.

Wie antwortet der MSC auf Kritik?

"Greenpeace spricht generelle Kaufempfehlungen für ganze Fischarten aus, beziehungsweise rät von ihnen ab", entgegnet Gerlinde Geltinger vom MSC in Berlin mit Blick auf das rot-grüne Ampelsystem, mit dem Greenpeace in seinem Ratgeber arbeitet. "Der MSC bewertet dagegen immer den Einzelfall. Jede Fischerei, die sich um das MSC-Siegel bewirbt, wird dabei einzeln bewertet". Dieser Vorgang dauere im Durchschnitt 18 Monate. Zudem arbeite Greenpeace mit K.O.-Kriterien. Ein solches K.O.-Kriterium sei für Greenpeace beispielsweise die Fischerei mit Grundschleppnetzen. Diese sei aber, je nach Ökosystem, in manchen Fällen durchaus vertretbar, so Geltinger. Ein Beispiel dafür sei etwa die Schollenfischerei in der Nordsee.

Wie beurteilen Verbraucherzentralen das MSC-Siegel?

Anders als Greenpeace sehen Verbraucherschützer das MSC-Label vorwiegend positiv. Das Siegel sei ein "Schritt in die richtige Richtung", so Silke Schwartau von der Verbraucherzentrale Hamburg. "Die Leute wollen ja gern nachhaltig gefangenen Fisch kaufen". Allerdings laufe der Prozess der Zertifizierung nicht ausreichend transparent ab. Die Praxis, nach der die Zertifizierung bereits erteilt werde, bevor die Fischerei alle Kriterien des MSC erfüllt habe, sei problematisch. Hier sei es wünschenswert, dies kenntlich zu machen - etwa mit einem abgestuften Label, das verdeutlicht, ob bereits alle Anforderungen erfüllt seien oder nicht. Die Empfehlungen von Greenpeace hält die Verbraucherschützerin dagegen für wenig praktikabel und zu kompliziert.

Schwartau sieht vor allem die Politik in der Pflicht, ein staatliches Nachhaltigkeitssiegel mit einheitlichen Kriterien und neutralen Kontrollen zu schaffen. Dass solch ein Label noch immer nicht existiere, sei ein "ganz großes Politikversagen". Vor diesem Hintergrund seien die Verbraucherzentralen froh, dass es das MSC-Siegel gebe. "Das hat ganz viel bewegt," so Silke Schwartau.

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