Stand: 21.09.2011 06:00 Uhr  | Archiv

Die Folgen für Mieter und Hausbesitzer

von Nicolai Kwasniewski, NDR Info
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Die Fassadendämmung soll für geringe Heizkosten sorgen - doch häufig sind die Sanierungskosten sehr hoch.

Monika Schlumbohm ist eine von Tausenden deutscher Immobilienbesitzer, die über eine energetische Sanierung nachdenken. Ihre Eigentumswohnung im Hamburger Stadtteil Stellingen hat sie gekauft, sie liegt in einer typischen 60er-Jahre-Siedlung: Vier Blöcke mit 72 Wohnungen hinter den Backsteinfassaden. Bisher hat die Eigentümergemeinschaft nur die Giebel gedämmt, bei einigen Wohnungen wurden neue Fenster eingebaut. Seit Jahren diskutieren die Eigentümer über eine energetische Sanierung.

Als Hauptgrund nennt die frühere Architektin Schlumbohm die Heizkosten: "Manche Bewohner erzählen mir im Vertrauen, dass sie pro Jahr 1.000 Euro Heizkosten nachzahlen müssen und im Winter bei 15 Grad in ihrer Wohnung sitzen. Ich finde, wir müssen da etwas tun." Gerade die älteren Bewohner scheuen aber den aufwendigen Umbau: Sie fürchten monatelangen Lärm und Dreck, sie müssten ihre Keller und Dachböden räumen und es würde teuer: Trotz hoher Rücklage rechnet Schlumbohm mit mindestens 10.000 Euro Sanierungskosten pro Wohnung.

Sanierungskosten lassen sich nur schwer wieder einsparen

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Alleine über geringere Heizkosten lässt sich das kaum einsparen, auch wenn viele Energieberater das versprechen, sagt Frank Essmann, selbst Energieberater: "Man muss bei diesen Wirtschaftlichkeitsberechnungen sehr vorsichtig sein, man kann da sehr viel manipulieren. Zum Beispiel setzt man die jährliche Steigerung der Energiekosten sehr hoch an, dann hat sich die Sanierung schnell gelohnt. Oder man verzichtet darauf, alle Schwierigkeiten bei der Fassadenverkleidung aufzulisten, komplizierte Ecken und Überhänge etwa oder Satellitenschüsseln. Auch die Kosten für das Gerüst werden häufig nicht eingerechnet und dann kann eine Sanierung, die vielleicht mit 60.000 Euro kalkuliert wurde, auf einmal 100.000 Euro teuer sein."

Das liege auch daran, dass viele sogenannte Energieberater nur oberflächliche Wochenendkurse belegten, klagt Essmann. Die Software, mit der sie das Energiesparpotenzial berechnen, wird zudem häufig von Dämmstoffherstellern programmiert.

Umstrittene Vorgaben der Energie-Einsparverordnung

Der Hauptfehler aber liegt in den Vorgaben der Energie-Einsparverordnung, sagt der Energieberater: "Das, was ich technisch ausrechne, das ist der sogenannte Energiebedarf. Der kann von dem tatsächlichen Energieverbrauch, den dieses Gebäude über die letzten Jahre hatte, deutlich abweichen." Häufig wird also viel weniger Energie und damit viel weniger Kosten gespart, als berechnet.

Das hat vor allem Folgen für die Mieter: Während ihre Heizkosten kaum sinken, dürfen Vermieter sie neuerdings mit jährlich 11 Prozent an den Sanierungskosten beteiligen. Zwar können die Besitzer die höheren Mieten nicht überall durchsetzen, aber gerade in Großstädten stiegen die Mietpreise immer weiter, klagt der Deutsche Mieterbund.

Nach Dämmung muss regelmäßig gelüftet werden

Und noch etwas droht den Bewohnern frisch sanierter Häuser: Gerade wenn vor der Fassadendämmung erst einmal die Fenster getauscht werden, droht Schimmel an den Wänden. Die Bewohner gedämmter Häuser müssten sich an einen strikten Lüftungsplan halten, warnt der Bauphysiker Essmann: "Bei alten Fenstern war das Lüftungsverhalten egal, die haben sich automatisch gelüftet. Bei neuen Fenstern müsste die Wohnung zwei- bis dreimal täglich komplett durchgelüftet werden. Das ist für viele, die berufstätig sind kaum zu schaffen." Weil moderne Fenster nämlich besser dämmen als die Wände, schlägt sich die Feuchtigkeit nicht mehr an den Scheiben nieder, sondern gerne in den Ecken.

Auch deshalb gibt es eine eigene Lüftungsnorm, die das korrekte Lüftungsverhalten beschreibt. Weil das nicht sehr wirklichkeitsnah ist, kämpft auch Schlumbohm jeden Winter wieder gegen die Feuchtigkeit: "Wenn es draußen sehr kalt ist, dann bildet sich an der Wand Tauwasser. In den Ecken schimmelt es dann schnell, nur mit guter Lüftung ist das kaum zu schaffen, deshalb heizen wir diese Stellen dann extra." In der Energiebilanz ist der Heizlüfter, mit dem Schlumbohm ihre feuchten Wände trocknet, allerdings auch nicht vorgesehen.