Stand: 28.09.2015 13:45 Uhr  | Archiv

Ist Mode zur Wegwerfware verkommen?

von Ulla Brauer
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Greenpeace-Mitarbeiterin Kirsten Brodde sagt, dass Primark das Prinzip Fast Fashion auf die Spitze getrieben hat.

Fast Food ist günstig und erzeugt ein schnelles Sättigungsgefühl. Das hält aber beispielsweise nach einem Hamburger meist nicht lange vor und besonders gesund ist er auch nicht. Denn zu den niedrigen Preisen kann kein nahrhaftes, hochwertiges Essen produziert werden. So ähnlich verhält es sich bei Fast Fashion: Neue Ware wird in immer kürzeren Zyklen in die Geschäfte gebracht und die Qualität ist oft nicht auf lange Haltbarkeit ausgelegt. Fast Fashion ist billig. Sie ist das Junkfood der Mode. NDR.de hat mit der Greenpeace-Textilexpertin Kirsten Brodde über das Prinzip von Fast Fashion gesprochen.

Kleidung wird zum Wegwerfartikel

Nach Berechnungen von Greenpeace wird ein Party-Top heutzutage durchschnittlich nur noch etwa 1,7 Mal getragen, bevor es im Schrank liegen bleibt oder einfach weggeworfen wird. Ein sich gegenseitig verstärkender Mechanismus ist die Folge: Wenn immer mehr billig gekauft wird, wird auch immer mehr billig hergestellt. "Diese Dynamik, Kleidung nicht länger zu tragen als vielleicht manchmal eine Plastiktüte, haben sicher Discounter wie H&M und Zara angefangen. Aber Primark hat dieses Geschäftsmodell und diese Haltung auf die Spitze getrieben", kritisiert Kirsten Brodde.

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"Die billigen Preise verführen dazu, bedenkenlos noch ein Teil mehr zu kaufen, das man eigentlich gar nicht braucht", erklärt Kirsten Brodde.
Das Prinzip Primark: "Einkaufsnetze groß wie Fischreusen"

Die Textilexpertin erklärt das Prinzip der irischen Bekleidungskette, die gerade auf Expansionskurs ist: "Nirgendwo kann man für so wenig Geld so viele Klamotten kaufen. Die Einkaufsnetze, die am Eingang ausgegeben werden, sind so groß wie Fischreusen, um die Kunden zu bewegen, möglichst viel hineinzustopfen. Das funktioniert, obwohl die zumeist jungen Kunden wissen, dass die Qualität der Ware bescheiden ist und die Sachen kaum die erste Wäsche überstehen, ohne völlig die Form zu verlieren. Primark animiert Kunden, Kleidung als Wegwerfware zu sehen. Sie ist billig zu haben und nichts wert." Dem Unternehmen sei es darüber hinaus jedoch gelungen, als cool zu gelten, anders als andere Discounter, die eher ein schäbiges Image hätten.

"Im Namen der Mode wird Elend angerichtet"

Links

"Wir haben genug"

Greenpeace über die Lage in Bangladesch, zwei Jahre nach dem Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes. extern

Fast Fashion wird, wie durchaus auch so manche Markenware, unter meist unmenschlichen Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Asiens hergestellt. Der Einsturz eines Fabrikgebäudes namens Rana Plaza im April 2013 in Bangladesch ist dafür zum Schreckensbild geworden. Bei der Katastrophe sind mehr als 1.100 Menschen umgekommen, Tausende wurden verletzt. Auch Primark ließ dort produzieren. "Die Ereignisse in Bangladesch haben sicher in besonderem Ausmaß sichtbar gemacht, welches Elend im Namen der Mode angerichtet wird: unmenschliche Arbeitsbedingungen, Ressourcen, die geplündert werden, Umwelt die ausgebeutet wird", meint Brodde.

Seitdem sei manches besser geworden, vieles aber auch nicht. "Aber das, was dort passiert ist, ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Das Problem ist, dass viele Unternehmen sich ja lange vor ihrer Verantwortung gedrückt haben, weil sie einfach juristisch nicht haftbar zu machen sind. Moralisch tragen sie aber in jedem Fall Verantwortung für diese Arbeitsbedingungen dort", sagt die Textilexpertin.

Teurer ist nicht gleich fairer oder ökologischer

Ist den Kunden von Ketten wie Primark, Zara, H&M oder Kik egal, wie die Kleidung produziert wird? Nein, meint Brodde. "Sie wissen eigentlich sehr wohl um diese skandalösen Arbeitsbedingungen in dieser Industrie, das haben auch jüngste Greenpeace-Umfragen gerade wieder gezeigt. Aber im Moment des Kaufaktes, wenn sie dann im Laden vor der Schnäppchenware stehen, scheint jegliche Vernunft einfach auszusetzen und dann wird hemmungslos zugegriffen." Für die Textilexpertin ist das Kernproblem, dass Kleidung schlicht nicht mehr wertgeschätzt würde.

Diejenigen Verbraucher, die glauben, ein teures T-Shirt sei schon aufgrund seines Preises per se besser, irrten jedoch, sagt Brodde. "Der höhere Preis von Luxuskleidung wandert aber nicht in mehr ökologische Qualität oder Transparenz zur Herkunft der Kleidung, sondern in teure Werbung, um das Image der Marke auszubauen." Die Textilexpertin gibt allerdings zu bedenken, dass immerhin die Qualität von Markenware meist besser sei als die der Wegwerfmode. Insofern sei es grundsätzlich ökologischer, länger haltbare Kleidung zu kaufen.

Wolfgang Krogmann, Deutschland-Chef Primark:

"Natürlich, wenn ich zwei oder drei Teile kaufen kann, heißt es für mich persönlich erst mal, dass ich mich häufiger anders anziehen kann. Und ich könnte ja mal übertreiben: Einen Pullover für 1.000 Euro, den müsste ich ein Jahr lang jeden Tag tragen. Sieht vielleicht langweilig aus. Und ein T-Shirt und 100 T-Shirts von Primark machen das möglich, dass ich jeden Tag anders aussehe."

Was die Kunden zu Primark und Co. lockt, ist jedoch dort das T-Shirt des neuesten Trends zu kaufen. Die Greenpeace-Aktivistin sieht da vor allem die Unternehmen in der Verantwortung und nicht die Kunden. "Die billigen Preise verführen dazu, bedenkenlos noch ein Teil mehr zu kaufen, was man eigentlich gar nicht braucht."

Einfach mal weniger kaufen

Kirsten Brodde nimmt aber auch eine Gegenbewegung unter jungen Leuten wahr: "Die haben keine Lust mehr auf den Kauf banaler Massenware und gehen mit dem Wunsch nach immer neuen Outfits kreativer um. Auf der Mega-Kleidertauschparty, die Greenpeace im Juni 2015 in mehr als 40 Städten parallel organisiert hat, waren etwa 10.000 Menschen. Ich kann mich also modisch verändern, muss dazu aber nicht ständig neue Sachen kaufen." Außerdem können die Kunden sozusagen mal auf "Diät" gehen: "Würden wir alle ein Teil weniger kaufen, dafür aber eine bessere Wahl treffen, hätte sich das Geschäft mit der Massenware zweifelhafter Herkunft erledigt", glaubt Brodde.

Kunden können aktiv werden

Links

Saubere Kleidung

Homepage der Kampagne für Saubere Kleidung. extern

Clean Clothes Campaign

Infos zum Kampagnen-Netzwerk zur Verbesserung von Arbeitsbedingungen in Produktionsländern. (Engl.) extern

"Grüne Mode"

Die Christliche Initiative Romero analysiert diverse Siegel. extern

Faire Marken - Shopping List

Welche Firmen produzieren fair? Angebot der Fair Wear Foundation (Englisch). extern

Gar keine Mode "Made in Bangladesh" oder "Made in Cambodia" mehr zu kaufen, ist jedoch nicht der Schlüssel dazu, die Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken Asiens langfristig doch zu verbessern. Schließlich sind die Menschen dort auf ihre Jobs angewiesen. Verbraucher können aber gegenüber ihrer Lieblingsmarke ihr Interesse daran bekunden, wie die Kleidung hergestellt wird. Das ließe die Unternehmen nicht kalt, davon ist Kristen Brodde überzeugt. "Bangladesch hat die Branche in Furcht und Schrecken versetzt, weil die genau wissen, dass niemand mehr so dickfellig ist, auch die Kunden nicht, zu wissen, unter was für Bedingungen diese Industrie produziert. Und solche Unternehmen haben eine sehr feinfühlige Antenne dafür, was Kunden wohl in Zukunft kaufen oder eben nicht mehr kaufen."

Informationen zur Sendung

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