Stand: 02.05.2016 14:56 Uhr  | Archiv

Gefährliches Nervengift im Honig

von Alexa Höber, Steffen Eßbach

In immer mehr Honigproben ist das Nervengift Thiacloprid nachzuweisen. Bestimmte Konzentrate mit dem Wirkstoff aus der Schädlingsbekämpfung dürfen an Kleingärtner inzwischen nicht mehr abgegeben werden. Doch Stichprobenkäufe im Internet ergaben das Gegenteil. Auch in der Landwirtschaft wird es weiter massiv eingesetzt - und der Grenzwert für Thiacloprid im Honig könnte sogar demnächst wieder heraufgesetzt werden.

Schädlingsbekämpfung: Gefahr durch Thiacloprid

Thiacloprid schädigt Bienen und Hummeln

Sowohl in der deutschen Landwirtschaft als auch in privaten Kleingärten wird seit Jahren mit Thiacloprid, das zur Klasse der Neonicotinoide zählt, gegen saugende und beißende Insekten gespritzt. Doch die Bedenken europäischer Wissenschaftler wachsen, dass dies auch wichtige Blütenbestäuber wie Bienen, Hummeln, Motten und Schmetterlinge schädigt. Thiacloprid steht im Verdacht, das für das Gedächtnis und  das Lernen zuständige Nervensystem und den Orientierungssinn zu stören.

Selbst wenn diese nach der Aufnahme auf der Pflanze nicht versterben, finden sie doch oft nicht mehr zu ihrem Stock zurück."Schon in niedrigen Dosen wird ganz massiv das Verhalten verändert", sagt der Neurobiologe Professor Randolf Menzel, der zahlreiche Versuche mit Honigbienen durchgeführt hat. Pro Blütenkontakt können die Tiere laut Menzel zwischen 300 und 700 Nanogramm Thiacloprid aufnehmen, das Verhalten werde bereits bei 10 Nanogramm massiv beeinträchtigt. Menzel warnt zudem vor der noch viel stärkeren Empfindlichkeit von wichtigen Bestäubern wie Wildbienen und Hummeln, die auf das chemische Mittel nicht so flexibel reagieren könnten wie die großen und relativ robusten Honigbienenvölker.

Honigproben mit Thiacloprid belastet

Auch im Honig, einem als besonders gesund geltenden Lebensmittel, kommt der Wirkstoff Thiacloprid inzwischen immer häufiger vor. Untersuchungen des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit haben ergeben, dass in zahlreichen Honigproben nachweisbare Mengen des Schädlingsbekämpfungsmittels enthalten waren. Im Jahr 2015 waren von 237 Honigproben schon 73 mit Thiacloprid belastet.

Bayer CropScience ruft Zulassung zurück

Hergestellt wird der Wirkstoff Thiacloprid seit mehr als 15 Jahren von der Bayer CropScience AG mit Sitz in Monheim. Schädlingsbekämpfungsmittel für private Anwender, die zum Beispiel neun Gramm pro Liter Thiacloprid enthalten und für die der Hersteller Bayer CropScience AG aus Monheim die Zulassung in Deutschland zum 21. August 2015 zurückgerufen hat, dürfen seit dem 21. Februar 2016 nicht mehr angeboten und verkauft werden.

Das sagt Bayer CropScience

  • Zum Verkaufsstopp an Endverbraucher

    "Bayer hat im Anfang des Jahres 2015 die strategische Geschäftsentscheidung getroffen, den Vertrieb seiner Endverbraucherprodukte auf Basis von Thiacloprid einzustellen und deutsche Händler ab Mitte Mai 2015 nicht mehr mit den entsprechenden Produkten zu beliefern."

  • Zu den Experimenten mit Bienen

    "In den Versuchen von Professor Menzel wurde Thiacloprid den Bienen in völlig unrealistisch überhöhten Versuchskonzentrationen verabreicht, gegenüber denen Bienen unter praktischen Feldbedingungen niemals exponiert wären."

  • Zur geplanten Senkung des EU-Grenzwerts

    "Bayer geht davon aus, dass die Absenkung des MRL (Maximum Residue Level = Rückstands-Höchstmengenwert, Anmerkung der Redaktion) für Thiacloprid im Honig durch die EU-Kommission versehentlich erfolgte. (...) Wie EFSA ist auch Bayer davon überzeugt, dass der ursprüngliche MRL-Wert von 0,2 mg/kg für Verbraucher sicher ist und dass dieser Honig bedenkenlos verkauft werden kann."

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Markt | 02.05.2016 | 20:15 Uhr

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