Stand: 12.01.2015 10:00 Uhr

Gefährliche Keime auf Putenfleisch

von Jenny Witte und Jakob Christian Jekat, NDR

Putenoberkeulen für Kilogramm-Preise von unter vier Euro, Putenschnitzel für rund sieben Euro das Kilo: Wenn es um Geflügelfleisch geht, herrschen im deutschen Einzelhandel zum Teil Kampfpreise. Viele Verbraucher sind froh über die günstigen Angebote. Doch welchen Preis zahlen die Kunden dafür wirklich - zum Beispiel mit Blick auf gesundheitliche Risiken? Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) wollte das genauer wissen und gab 57 Putenfleischproben von Supermärkten und Discountern ins Labor. Gekauft als abgepackte Ware bei Aldi, Lidl, Penny, Netto und Real-Märkten im ganzen Bundesgebiet. Die Einkäufe wurden im Labor auf sogenannte multiresistente Keime, nämlich MRSA und ESBL-bildende Bakterien, getestet. Sie können gefährlich sein, weil gegen sie fast alle Antibiotika wirkungslos sind.

 

BUND "sehr erschrocken über die Ergebnisse"

Das Ergebnis der Untersuchung: Auf knapp 74 Prozent der Proben fand das Labor MRSA-Keime, auf rund 53 Prozent ESBL-bildende Bakterien. Bei Aldi beispielsweise waren alle elf Proben mit mindestens einem der beiden Keime belastet. Bei Lidl elf von zwölf Proben. Auch bei Real, Netto und Penny waren auf einem Großteil der Waren Keime nachzuweisen. "Wir sind sehr erschrocken über die Ergebnisse", sagt die Leiterin der Studie, Reinhild Benning vom BUND. "Die Belastung weist darauf hin, dass noch immer in der Haltung, in der Schlachtung und bei den Transporten grobe Fehler gemacht werden, die auch ein Risiko für den Verbraucher darstellen."

Gefahr schwerer Infektionen

Auch für den Hygienemediziner Dr. Klaus-Dieter Zastrow von den Vivantes Kliniken in Berlin ist das besorgniserregend. Unmittelbar krank werde man durch solche Keime in der Regel nicht, erklärt er. Deshalb gibt es für sie auch keine gesetzlichen Grenzwerte. "Aber in dem Augenblick, wo sie in eine offene Wunde gelangen oder während einer Operation verschleppt werden, kann das tatsächlich dazu führen, dass es schwere Infektionen mit Amputationsfolge oder Todesfolge geben kann." Dazu kommt: ESBL-bildende Bakterien können ihre antibiotikaresistenten Eigenschaften sogar gewissermaßen auf andere Keime übertragen. "Die Gefahr ist natürlich, dass bisher harmlose Keime, die eigentlich im Falle einer Infektion mit jedem Antibiotikum leicht zu erreichen waren, auf einmal zu gefährlichen Keimen werden, die eben nicht mehr mit jedem Antibiotikum erreichbar sind", sagt Zastrow.

  • So gefährlich sind multiresistente Keime

    Resistente Keime sind Erreger, die eine Widerstandsfähigkeit gegen die Medikamente entwickelt haben, mit denen eine entsprechende Infektion üblicherweise behandelt wird. Helfen mehrere Antibiotika nicht, spricht man von multiresistenten Keimen. Gefährlich werden diese Keime, wenn sie zum Beispiel in offene Wunden geraten, denn dann kann der Keim ins Innere des Körpers gelangen. Vor allem für Kranke, Kinder und alte Menschen können derartige Infektionen lebensgefährlich werden. MRSA und ESBL-bildende Bakterien gehören zu den am häufigsten verbreiteten multiresistenten Keimen.

  • MRSA (Methicillin-resistenter Staphylococcus aureus)

    MRSA sind Keime, die beim Menschen unter anderem Wundinfektionen und Entzündungen der Atemwege hervorrufen können. Diese Bakterienart vermehrte sich gleichzeitig mit der Verbreitung von Antibiotika seit den 1960er-Jahren und ist gegen alle Beta-Lactam-haltigen Antibiotika resistent, die in ihrer Struktur auf Penicillin zurückgehen. In der Vergangenheit trat der Keim vor allem in Krankenhäusern auf, wo er von Mensch zu Mensch übertragen wird. Inzwischen kommen MRSA nach Angaben des Bundesamtes für Risikobewertung (BfR) aber auch bei Nutztieren und in Lebensmitteln vor, die daher eine Infektionsquelle für den Menschen sein können. Unterschieden wird zwischen einer Infektion mit MRSA und einer Besiedlung, bei der es nach der Übertragung des Keimes nicht zur Krankheitserscheinungen kommt. Schätzungen des BfR zufolge sind etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung Träger von MRSA, höher sind den Angaben zufolge die Besiedlungsraten bei Tierärzten und Landwirten, die berufsbedingt Kontakt zu landwirtschaftlichen Nutztieren haben. So waren in einer Studie in Niedersachsen etwa 25 Prozent der Personen, die Nutztierkontakt hatten, mit MRSA besiedelt.

  • ESBL-bildende Bakterien

    ESBL steht für "extended-spectrum beta-lactamases" und bezeichnet nach Angaben des BfR Enzyme, die ein breites Spektrum von Beta-Lactam-Antibiotika verändern und damit unwirksam machen können. Bakterien, die diese Enzyme produzieren, werden dadurch unempfindlich gegenüber wichtigen Antibiotika. Die Fähigkeit zur Bildung der Enzyme kann von einem zum anderen Keim übertragen werden. ESBL-bildende Bakterien können ein breites Spektrum an Krankheiten auslösen, von Lungenentzündung über Magen-Darm-Erkrankungen bis zur Sepsis. Das Bundesamt für Risikobewertung geht davon aus, dass resistente Bakterien auch über Nutztiere beziehungsweise Lebensmittel wie Fleisch zum Verbraucher gelangen können. Der Einsatz von Antibiotika bei Menschen und Tieren fördere die Verbreitung von ESBL-bildenden Bakterien und ihrer Gene. Das BfR empfiehlt daher, den Einsatz von Antibiotika sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin auf das unbedingt Notwendige zu beschränken.

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Geflügelwirtschaft hält Keimbelastung für so gering wie nie

Aldi, Real und Netto betonen genauso wie einige der Hersteller ihre hohen Qualitätsstandards, wollen den Testergebnissen aber nachgehen. Übereinstimmend mit dem Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) verweisen sie darauf, dass Keime natürlicher Bestandteil der Umwelt seien und sich daher auf jedem Naturprodukt befinden könnten. "Durch moderne Hygienestandards (...) ist die Keimbelastung auf Produkten heute so gering wie nie", heißt es in einer Stellungnahme des ZDG. Außerdem könne nur ein geringer Teil der Antibiotikaresistenzen beim Menschen auf die Nutztierhaltung zurückgeführt werden.

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BfR rät zu vorsichtigem Umgang mit rohen Produkten

Beim Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht man dagegen bei einigen der festgestellten Keime durchaus ein gewisses Risiko für die Verbraucher und rät deshalb zu einem vorsichtigen Umgang gerade mit den rohen Produkten. Auch der Verband der Geflügelwirtschaft nimmt die Käufer in die Pflicht. Die sollten "stets auch die gängigen Regeln der Küchenhygiene beachten", heißt es dort. Darauf verweisen auch die Supermärkte.

Tatsächlich spielt die Zubereitung des rohen Fleisches eine Schlüsselrolle. Wird es durchgegart, werden die Keime vollständig zerstört. Doch bevor das Fleisch in die Pfanne kommt, ist Sorgfalt bei der Zubereitung das A und O. Klar ist: Alles, was mit dem Fleisch in Berührung kommt, muss sorgfältig abgewaschen werden. Am besten mit einem Lappen oder Schwamm, der nur für diese Zwecke benutzt wird. Auch Händewaschen sollte selbstverständlich sein. Denn sonst verteilt man die Keime überall in der Wohnung, zum Beispiel an Kühlschranktüren oder Fenstergriffen.

Kritik an Massentierhaltung

Für den BUND ist dennoch klar: Die Keimbelastung der untersuchten Proben wirft auch ein Schlaglicht auf die gängige Praxis der Tierhaltung. Hier kommen nach wie vor häufig Antibiotika zum Einsatz, die im Verdacht stehen, die Ausbreitung der resistenten Keime zu begünstigen.

Der Zentralverband erklärt, die deutsche Geflügelwirtschaft setze "in enger Zusammenarbeit zwischen Landwirten und Veterinären aktiv Maßnahmen zur Antibiotikareduktion um". Doch für den BUND reicht das nicht aus. "Verbraucher kaufen sich mit Billigfleisch aus Discountern von Schlachthöfen, die Massen an Tieren durchsetzen, Risiken ein, die über das Fleisch bis in unsere Küche gelangen können", sagt Studienleiterin Reinhild Benning. Ein hoher Preis für die eigentlich so günstigen Produkte.

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Dieses Thema im Programm:

Markt | 12.01.2015 | 20:15 Uhr

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