Stand: 21.01.2013 16:31 Uhr  | Archiv

"Es gibt Label, denen man vertrauen kann"

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Jürgen Stellpflug fordert von der Politik Mindeststandards für fairen Handel.

Pestizide im Kaffeeanbau betreffen den Verbraucher nicht direkt, denn in der Tasse Kaffee sind diese nicht mehr vorhanden. Doch die Kaufentscheidung im Supermarkt hat Folgen für die Menschen und die Umwelt in den Anbauländern. Jürgen Stellpflug, Chefredakteur der Zeitschrift "Öko-Test", sieht beim Kaffeehandel auch die Politik in der Pflicht.

Wie groß ist das Problem mit Gifteinsatz in den Kaffeeanbauländern?

Jürgen Stellpflug: In allen Kaffee-Anbauländern werden Pestizide in großen Mengen verspritzt. Es sind die schlimmsten Pestizide dabei, die man sich vorstellen kann, beispielsweise solche, die von den Behörden als krebserregend eingestuft werden. Im Endprodukt sind diese Pestizide aber nicht mehr nachweisbar. Das hat "Öko-Test" schon viele Male untersucht. Das sagen auch alle Untersuchungen der Überwachungsbehörden: In dem Kaffee, den wir trinken, und auch in den Kaffeebohnen sind die Gifte nicht nachweisbar.

Wie verschwinden die Pestizide aus dem Kaffee?

Stellpflug: Zum Teil sitzen sie in der Schale der Bohnen, die abgetrennt wird. Falls in den rohen Kaffeebohnen noch Giftreste vorhanden sind, verschwinden diese während des Röstprozesses.

Trotzdem haben die Gifte ja ganz schlimme Auswirkungen.

Stellpflug: Man muss unterscheiden zwischen den möglichen Auswirkungen auf den Verbraucher und den Auswirkungen auf die Umwelt. Die Gifte haben zum Beispiel negative Folgen für die Artenvielfalt in den Anbauländern. Dann sind da natürlich die Auswirkungen auf die Menschen in den Plantagen. Die Pestizide werden meist nicht vorschriftsmäßig angewendet. Oft sind die Arbeiter nicht geschützt oder die Wartezeiten, bis man die Plantage wieder betreten darf, werden nicht eingehalten. Diese Missstände zeigen sich in den Erkrankungen der Plantagenarbeiter. Es gibt viele Pestizidtote, übrigens nicht nur im Kaffeeanbau. Auch Krebs oder Nervenerkrankungen sind dokumentiert.

Die ILO und ihre Forderungen

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ist Teil der Vereinten Nationen. Ihr Ziel ist es, weltweite Arbeits- und Sozialstandards zu formulieren und durchzusetzen. Die 185 UN-Mitgliedsstaaten sind durch Repräsentanten der Regierungen, der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber vertreten. Die ILO sieht menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle als Voraussetzung für die Bekämpfung der Armut. Die sogenannten ILO-Kernarbeitsnormen umfassen die Forderungen nach der Abschaffung von Zwangs- und Kinderarbeit, das Verbot von Diskriminierung in Beruf und Ausbildung und das Recht für Arbeitnehmer, sich zu organisieren und gemeinsam zu verhandeln.

Gehen Sie so weit zu sagen, dass die Menschen dort den Preis dafür zahlen, dass wir günstigen Kaffee trinken können?

Stellpflug: Die Menschen in den Anbauländern zahlen nicht nur über die Pestizide den Preis, sondern auch über ihre Arbeitsbedingungen. Diese verstoßen häufig gegen internationale Arbeitsnormen. Dazu gehören die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation, der ILO. Die besagen beispielsweise, dass es keine Zwangs- oder Sklavenarbeit geben soll. Es ist bekannt, dass es beides trotzdem gibt. Und dass, obwohl die Kernarbeitsnormen einfach den Charakter von universellen Menschenrechten haben, die in allen Ländern gelten sollten.

Glauben Sie, dass Verbraucher bereit sind, für fair gehandelten Kaffee mehr Geld zu zahlen?

Stellpflug: Wenn Sie die Verbraucher fragen würden: Seid ihr dafür, dass bei Kaffee die Kernarbeitsnormen eingehalten werden, dass keine Sklavenarbeit oder Kinderarbeit zum Einsatz kommt und dass es geregelte Arbeitszeiten gibt, dann würden wahrscheinlich 90 Prozent sagen: Natürlich sind wir dafür. Aber die Kaufentscheidung sieht am Ende völlig anders aus. Dabei geht es ja nicht um viel Geld. Es geht eigentlich nur um Peanuts. Fair gehandelter Kaffee ist ja zum Teil nur einen Euro pro Pfund teurer als anderer Kaffee. Es gibt ja auch Verbraucher, und es werden mehr, die bereit sind, mehr zu zahlen. Aber wir müssen auch sehen: Von den 500.000 Tonnen Kaffee, die in Deutschland jedes Jahr verkauft werden, haben gerade mal gut 8.000 Tonnen ein Fairtrade-Label. Das sind nur etwa 1,5 Prozent.

Viele Käufer vertrauen Fairtrade- oder Bio-Labeln generell nicht. Was sagen Sie denen?

Stellpflug: Wer so pauschal urteilt, den kann man natürlich schwer überzeugen. Generell gilt: Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den Labeln. Es gibt Schmuh, gerade im Fairtrade-Bereich, weil nicht definiert ist, was fair eigentlich ist. Jeder kann sich theoretisch das Etikett aufpeppen. Aber es gibt vertrauenswürdige Label. Das bekannteste ist natürlich "Fairtrade". Aber auch den Labeln der Fair-Handels-Häuser kann man vertrauen. Dazu gehört beispielsweise Gepa. Die engagieren sich teilweise schon seit 20 oder 30 Jahren.

Bei den Bio-Labeln sieht es ein bisschen anders aus. Da gibt es staatliche und EU-weite Mindestanforderungen, die auch für Kaffeeprodukte gelten. "Öko-Test" hat bei seinen Untersuchungen nie Indikatoren dafür gefunden, dass das, was als bio ausgelobt ist, nicht bio ist. Es gibt auch im Bio-Bereich Betrug, keine Frage. Wo es viel Geld zu verdienen gibt, wird es immer Betrüger geben. Aber das hat keine immensen Ausmaße.

Eine klare Empfehlung: Welchen Kaffee können Verbraucher mit gutem Gewissen kaufen?

Ich würde immer sagen: auf der einen Seite bio und auf der anderen Seite fair gehandelt. Bei fair gehandeltem Kaffee sollte man auf die Label von "Fairtrade " oder die der Fair-Trade-Handelshäuser achten. Es gibt auch Label einzelner Firmen und Handelsmarken, aber es ist nicht klar, nach welchen Standards diese Label arbeiten. Wir würden uns wünschen, dass sich die Akteure am Markt zusammensetzen und von sich aus einen einheitlichen Mindeststandard für fairen Handel schaffen.

Was muss sich beim Kaffeehandel ändern?

Stellpflug: Es ist immer einfach, nach dem Staat zu rufen, wir tun das eigentlich ungern. Da sich jedoch beim Thema Fairtrade die Wirtschaft nicht auf Standards einigen kann, ist der Gesetzgeber gefragt. Genau wie im Bio-Bereich sollte er Mindeststandards festlegen, die erfüllt werden müssen, um ein Produkt als fair gehandelt zu deklarieren.

Welche Standards sollte fair gehandelter Kaffee erfüllen?

Stellpflug: "Öko-Test" hat vier Kriterien für die Mindeststandards festgelegt. Zwei Kriterien betreffen die Arbeiter: Zum einen sollte ihnen der gesetzlich festgelegte Mindestlohn gezahlt werden. Außerdem müssen die ILO-Kernarbeitsnormen eingehalten werden. Dann wären wir einen großen Schritt weiter.

Die weiteren Kriterien betreffen die kleinen Bauern, die ihre Plantagen selbst bearbeiten. Von denen gibt es im Kaffeeanbau viele. Für die sind zwei andere Dinge ganz wichtig: Zum einen ist das ein garantierter Mindestpreis, der sie von den Spekulationen der Weltmärkte unabhängig macht und ihr Einkommen sichert. Zum zweiten ist das die Vorfinanzierung. Kaffee wird nur einmal oder zweimal im Jahr geerntet. Das bedeutet, dass die kleinen Bauern ihre Betriebsmittel über ein Jahr vorfinanzieren müssen. Viele können das nicht und müssen sich auf dem heimischen Markt Kredite besorgen. Leider müssen sie dafür oft Wucherzinsen bezahlen. Deshalb ist die Vorfinanzierung so wichtig, die Bauern bekommen dann schon vor der Ernte einen Teil ihrer Kosten ersetzt. Das müsste gesetzlich gesichert sein.

Das Gespräch führte Angela Hachmeister, NDR.de

Dieses Thema im Programm:

Die Reportage | 15.02.2013 | 21:15 Uhr

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