Stand: 08.09.2017 18:21 Uhr

Die Tragik der Versorger-Ehe

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Die Risiken finanzieller Abhängigkeit vom Partner oder Ehemann sei vielen Frauen gar nicht bewusst, so Finanzexpertin Helma Sick.

"Zur Würde eines Menschen gehört es, nicht von einem Partner oder vom Fortbestand einer Ehe beziehungsweise einer Lebensgemeinschaft abhängig zu sein." Davon ist die unabhängige Finanzexpertin und Autorin Helma Sick überzeugt. Welches Risiko in einer solchen finanziellen Abhängigkeit stecke, sei gerade vielen Frauen jedoch nicht bewusst. Das sei tragisch, findet Sick. Im Interview erklärt sie die Hintergründe und setzt sich unter anderem für Partnerschaftsverträge ein, in denen Paare klar regeln, wer wie lange aus dem Job aussteigt, wenn Kinder da sind.

Sie sagen, dass es gerade bei gut ausgebildeten Frauen in Großstädten eine Rückwärtsbewegung gibt, sich wieder freiwillig bewusst für viele Jahre auf die Familie zu konzentrieren. Warum ist das so?

Helma Sick: Ich denke, dass eine Mischung aus fehlender Lebensplanung, Unwissenheit und Bequemlichkeit dahinter steckt, befeuert durch falsche staatliche Anreize wie Ehegattensplitting und beitragsfreier Krankenversicherung. Die Abhängigkeit vom alleinverdienenden Ehemann stellt für diese Frauen anscheinend kein Problem dar. Sich im Beruf zu qualifizieren und zu beweisen, eigenes Geld zu verdienen, auf eigenen Füßen zu stehen, ist für sie kein Lebensziel.

  • Fehlende Lebensplanung

    "Weil die langfristigen Folgen einer Entscheidung - langer Ausstieg aus dem Beruf - nicht gesehen werden.  Ein Scheitern der Ehe wird einfach nicht einkalkuliert."

  • Unwissenheit

    "Weil sich keine dieser Frauen dafür interessiert, was ihre Entscheidung für Auswirkungen auf ihre Rente hat und wie sie nach einer Scheidung ohne Unterhaltsverpflichtung des Ehemannes dasteht. Es ist bekannt, dass sehr viele Frauen das reformierte Unterhaltsrecht nicht kennen."

  • Bequemlichkeit

    "Die Arbeitswelt wird als rau und ungemütlich empfunden. Aber was privat eventuell rau und ungemütlich werden könnte - schwere Krankheit oder Arbeitslosigkeit des Partners, Trennung/Scheidung und natürlich Altersarmut - das wird verdrängt."

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Sie raten Frauen, die nicht verheiratet sind, einen Partnerschaftsvertrag abzuschließen, in dem geregelt ist, wer sich wie lange um die Kinder kümmert - und der auch mögliche Ausgleichszahlungen festlegt. Für welche Einkommensklassen ist das realistisch?

Sick: Ein Partnerschaftsvertrag ist dann unerlässlich, wenn die Frau wegen der gemeinsamen Kinder längere Zeit aus dem Beruf aussteigt und die Beziehung irgendwann auseinandergeht. Unverheiratete Frauen in Partnerschaften haben keinerlei Absicherung für den Fall der Trennung oder des Todes des Partners. Bei Eheleuten ist das anders durch Zugewinnausgleich und Versorgungsausgleich. Auch wenn das nicht immer eine ausreichende Absicherung ist. Wenn die Frau eigenes Geld verdient, dürfte das kein großes Problem sein.

Geringverdiener können es sich gar nicht leisten, dass einer längere Zeit aus dem Beruf aussteigt und nichts verdient. Wir haben hier in der Ausgangsphase also eine Art Zweiklassengesellschaft und hinterher ein selbst geschaffenes Luxusproblem.

Wäre so etwas nicht auch was für Verheiratete?

Sick: Ja, denn es geht jedenfalls nicht, dass die langfristigen Folgen einer gemeinsamen Entscheidung, zum Beispiel für ein Kind, ausschließlich zu Lasten der Frauen gehen. Was bei Partnerschaften ohne Trauschein der Partnerschaftsvertrag ist, sollte bei Verheirateten der Ehevertrag sein. In beiden Fällen sollten frühzeitig folgende Fragen geklärt und festgehalten werden:

  • Ÿ Wer bleibt wegen eines Kindes zu Hause und wie lange?
  • Wie sieht die häusliche Arbeitsteilung aus?
  • Ÿ Wie lange wird im Fall einer Scheidung Unterhalt gezahlt, wenn die Berufstätigkeit länger als drei Jahre unterbrochen wird?
  • Wie kann die Renteneinbuße durch die Unterbrechung der Erwerbstätigkeit ausgeglichen werden?

Wie groß ist die Wirkung des Versorgungsausgleichs im Scheidungsfall bei Frauen, die wenig gearbeitet/wenig verdient haben?

Sick: Beim Versorgungsausgleich wird der Teil der Rente, der während der Ehe "zugewachsen ist" geteilt. Wie viel Rente eine Ehefrau über den Versorgungsausgleich bei einer Scheidung erhält, hängt von der Dauer der Ehe und der Rente des Ehemannes ab.

Anwältinnen für Familienrecht sagen mir oft, dass sich viele Frauen Illusionen darüber machen, wie viel Geld sie aus dem Versorgungsausgleich bekommen. Wenn zum Beispiel der Ehemann schon einmal länger verheiratet war, hat die erste Ehefrau schon einen größeren Teil seiner Rente erhalten. Wenn eine Ehe nur zehn oder 15 Jahre dauert, dürfte der Anspruch auch nicht hoch sein. Außerdem: Wie viele Männer haben denn schon Renten, die im Fall einer Trennung zwei Haushalte gut versorgen können?

Grafik illustriert, dass wie mithilfe des Ehegattensplittings zu versteuerndes Einkommen heruntergerechnet wird. Graph mit der Summe 80.000 Euro und zu zahlenden Steuern von 18.496 Euro. © NDR/BR/Tangram International

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Sollten Paare den Verlockungen des Ehegattensplittings lieber widerstehen, selbst dann, wenn das eine Einschränkung des Lebensstandards bedeutet?

Sick: Wer die Spätfolgen einer Nicht-Erwerbstätigkeit für Frauen bedenkt, wird den "Verlockungen" nicht erliegen. Und es muss übrigens auch keine Einschränkung des Lebensstandards bedeuten - denn die Frau arbeitet ja dann und hat eigenes Einkommen.

Was können/müssen Frauen mit Kindern tun, deren Partner eher ein durchschnittliches bis niedriges Einkommen tun?

Sick: Ich bin grundsätzlich dafür, dass beide Elternteile sich die Elternzeit hälftig teilen. Dann muss keiner zu lang aus dem Beruf aussteigen. Anschließend sollte über Teilzeit langsam wieder in den Vollzeitjob eingestiegen werden. Das gilt für alle Einkommensklassen. Für Niedrigverdiener ist das (siehe oben) ohnehin ein Muss.

Ist es richtig, dass es auch Frauen gibt, die eigentlich nichts tun können, um Altersarmut vorzubeugen?

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Sick: Ja, die gibt es natürlich unter den Geringverdienerinnen beziehungsweise Hartz IV-Bezieherinnen. Alle anderen können und müssen etwas tun. Viele junge Frauen haben durchaus Geld - sie geben es nur für etwas anderes aus: Kosmetik, Waxing, Nagelstudio oder auch Coffee to go, auswärts essen und so weiter. Ein paar Euro am Tag eingespart und langfristig angelegt, können eine gute Basis für die Altersvorsorge sein.

Ehegattensplitting, Niedriglohnjobs, die beitragsbefreite Krankenversicherung, die ausbaufähige Kinderbetreuung - alles Dinge, die Frauen in die Rentenfalle drängen. Welche Verantwortung haben die Frauen selbst?

Sick: Die Politik muss mit entsprechenden Gesetzen die Rahmenbedingungen für Veränderungen schaffen. Ich bin der Meinung, dass wir ein Leitbild brauchen und zwar das der berufstätigen Frau und Mutter, die - unabhängig von einer Partnerschaft - selbst für sich sorgen kann. Die immer wieder propagierte "Wahlfreiheit" ist ein Trugbild.

Bücher zum Thema

Helma Sick und Renate Schmidt
Ein Mann ist keine Altersvorsorge
Kösel-Verlag, 4. Auflage (30. März 2015)
ISBN-13: 978-3466345946
Preis: 16,99 Euro

Sina Groß
Geldanlage für Faule
Stiftung Warentest, 5. Auflage (23. Mai 2017)
ISBN: 978-3-86851-396-7
Preis: 19,90 Euro

Und die Frauen müssen ein Problembewusstsein entwickeln, damit sie nicht in die berühmten Frauen-Fallen tappen. Das heißt, sie müssen ihre ökonomische Existenzsicherung in die eigenen Hände nehmen. Nicht abhängig zu sein von einem Partner/einer Partnerin oder vom Fortbestand einer Ehe, einer Lebensgemeinschaft, gehört zur Würde eines Menschen. Frauen müssen die volle Verantwortung für ihr Leben übernehmen. Nur dann können sie ihr Leben nach ihren Vorstellungen gestalten.

Das Interview führte Ulla Brauer, 45 Min.

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