Stand: 06.01.2016 10:05 Uhr

Die Mär vom guten Verbraucher

von Ann-Katrin Johannsmann, NDR Info

Seit Jahren die gleichen guten Vorsätze: Viele Menschen würden gerne mit dem, was sie essen und einkaufen, nicht nur satt und zufrieden werden, sondern auch noch die Welt retten. Veganes Essen statt Schweinebraten, fair gepflückte Baumwolle statt Pelz und Elektroauto statt SUV. So weit die Theorie. Doch die Realität sieht anders aus. Warum belügen wir uns als Konsumenten so eifrig selbst?

Bild vergrößern
Viele Verbraucher greifen im Supermarkt lieber zum Billigfleisch statt zum Fleisch aus artgerechter Tierhaltung.

Früher kam erst das Fressen und dann die Moral. Heute muss beides gleichzeitig gehen. Essen ist zum Glaubensbekenntnis geworden, zu einer Art Statussymbol, erklärt Joost van Treek, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fresenius-Hochschule: "Es ist durchaus prestigeträchtig zu erzählen, dass man auf dem Wochenmarkt nur regionale Lebensmittel einkauft." Denn mit dem Einkauf auf dem Wochenmarkt schlägt man gleich drei Pflöcke ein, sagt der Wirtschaftspsychologe: "Da steckt vieles drin. Punkt eins: Ich kann es mir leisten. Punkt zwei: Ich habe die Zeit, denn die ist auch ein knappes Gut. Und als dritten und letzten Punkt: Ich mache mir Gedanken darüber, wie und wo ich einkaufe."

Gesundheitsidealisten nehmen zu

Laut einer Studie des Lebensmittelkonzerns Nestlè wird in den nächsten Jahren die Gruppe der sogenannten Gesundheitsidealisten stark wachsen. Gemeint sind Menschen, die versuchen im Einklang mit der Natur zu leben und Bioprodukte kaufen. Doch noch sieht die Realität ganz anders aus. Trotz all der Geschichten über glückliche Vegetarier und unglückliche, gequälte Schweine, Rinder und Hühner in unseren Fleischfabriken ist die Fleischproduktion in Deutschland deutlich gestiegen. Im Jahr 2014 wurde in Deutschland so viel Fleisch produziert wie niemals zuvor: acht Millionen Tonnen Fleisch. Allein die Anzahl der geschlachteten Schweine ist auf knapp 60 Millionen gestiegen. Das sind drei Viertel Schwein für jeden Deutschen in einem Jahr.

"Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt"

Wie geht das zusammen? Der Wirtschaftspsychologe van Treek nennt das den Pippi-Langstrumpf-Effekt: "Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Wir haben eine Idee davon, wie wir gerne wären, aber wir drücken dann doch manchmal ganz bewusst ein Auge zu." Das gilt nicht nur fürs Essen. Wenn das coole T-Shirt schon wieder "Made in Bangladesch" ist und das neue Auto ein SUV und kein Elektroauto, sind wir gerne großzügig mit uns selbst. Dabei hilft die innere Kontoführung, sagt van Treek: "Viele Menschen führen eine Positiv- und eine Negativliste. Das Niedrigenergiehaus und der regelmäßige Einkauf auf dem Wochenmarkt werden verrechnet mit dem Urlaub auf einem Kreuzfahrtriesen ins Nordpolarmeer."

Eine Form des modernen Ablasshandels

Unsere Eltern mussten sich für ein gutes Gewissen noch im Wendland auf die Schienen ketten und Joghurtbecher ausspülen. Der heutige Konsument kann aus unzähligen Möglichkeiten des modernen Ablasshandels wählen. Wer mit seiner Weltreise die CO2-Bilanz verschlechtert, kann zum Ausgleich in Klimaprojekte investieren. Wer dauernd das Licht anlässt und es gern mollig warm in der Wohnung hat, kann sich einen Ökostromanbieter aussuchen.

Sind wir als Kunden also im Grunde moralische Versager? Philipp Riehm, Professor für Medienmanagment an der Macromedia-Universität in Hamburg, bringt das neue Konsumgefühl auf folgende Formel: "Die Verbraucher versuchen die Grätsche zu machen zwischen Nachhaltigkeit und Spaß." Für Riehm ist unser Konsumverhalten am Ende nur ein weiterer Beleg dafür, dass der Mensch alles ist, aber nicht rational.

Weitere Informationen

Schweinefleisch zu Dumpingpreisen

52 Kilo Schweinefleisch verbraucht jeder Deutsche pro Jahr. Die Nachfrage ist riesig, die Produktion steigt und die Preise fallen. Für die Bauern ist es ein ruinöser Wettbewerb. mehr

03:07 min

Das miese Geschäft mit billigem Fleisch

26.10.2015 15:00 Uhr
NDR Fernsehen

Fleisch gibt's zu Kampfpreisen im Supermarkt und Discounter. Meist stammen die billigen Steaks, Kotelettes und Schnitzel aus Massentierhaltung. Wer verdient daran? Video (03:07 min)

Tipps und Tricks für Verbraucher

Wer geldwerte Tipps und Informationen aus den Bereichen Haushalt, Vorsorge und Verbraucherrecht sucht, ist hier richtig. Wir informieren in Artikeln, Bildergalerien und Videos. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 06.01.2016 | 07:41 Uhr