Stand: 29.05.2017 13:45 Uhr

"Carsharing: Methadon und Einstiegsdroge zugleich"

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Verkehrs-Experte Stefan Weigele hält es für kontraproduktiv, nur die positiven Aspekte von Carsharing herauszustellen.

Spätestens seitdem man Autos spontan mit dem Smartphone mieten kann, wird Carsharing für seine Wirkung gelobt, die Umwelt zu entlasten. Auch gilt es als Lösung für die Verkehrsprobleme in Ballungsräumen. Doch wie wirkt sich Carsharing tatsächlich auf den Verkehr aus? Dieser Frage ist auch Stefan Weigele nachgegangen. Der Mitgründer von "civity Management Consultants" hat in einer Studie die Nutzungsdaten von Car2Go und DriveNow ausgewertet. Er berät Kommunen und Ministerien in Verkehrsfragen. Im Interview warnt er davor, Carsharing zum Allheilmittel für innerstädtische Verkehrsprobleme zu erklären.

Was sind die Vorteile von Carsharing?

Stefan Weigele: Beim "stationsgebundenen Carsharing" steht für die meisten Nutzer der Verzicht auf das eigene Auto im Vordergrund. Man teilt sich pro Station einen kleinen Fuhrpark und kann häufig vom Kleinwagen bis zum Kleinbus auswählen. Im Gegensatz zu klassischen Autovermietungen kann ich das Fahrzeug aber flexibler für eine bestimmte Anzahl Stunden nutzen.

Welche Carsharing-Modelle gibt es?

1. "Stationsgebundenes Carsharing": Der Kunde leiht das Fahrzeug an einer festen Station für einen festgelegten Zeitraum. Dies ist quasi die Urform des Carsharing und wurde in den 80er-Jahren in Deutschland durch Umweltaktivisten etabliert. Der Verzicht auf ein eigenes Auto stand im Mittelpunkt.
2. "Free-Floating-Carsharing" (FFC): Hier zirkulieren die Fahrzeuge in einem abgegrenzten Geschäftsgebiet innerhalb einer Stadt frei. Der Kunde mietet ein Fahrzeug spontan per Smartphone-App und stellt es genauso spontan wieder irgendwo ab. Das Auto steht dann direkt dem nächsten Nutzer zur Verfügung.
3. "Privates Carsharing": Hier vermieten Privatpersonen ihren eigenen Pkw über eine Plattform an andere. Das erfordert ebenfalls eine Vorausplanung und derzeit noch eine persönliche Übergabe der Fahrzeugschlüssel.

Die Vorteile des "Free-Floating-Carsharing" liegen in der Spontaneität. "Jetzt ein Auto" lautet dementsprechend auch ein Werbespruch eines großen Anbieters. Neben ÖPNV, Fahrrad oder Taxi bietet "Free-Floating-Carsharing" eine zusätzliche attraktive Mobilitätsoption. FFC ist etwa doppelt so teuer wie ein Einzelfahrschein für den öffentlichen Nahverkehr, aber eben auch nur halb so teuer und fast so schnell und bequem wie ein Taxi.

Die Vorteile des "privaten Carsharing" liegen in den vergleichsweise geringen Kosten für den Mieter und der Möglichkeit einer kleinen Zusatzeinnahme für den Vermieter.

Welche Bevölkerungs-/Altersgruppe nutzt Carsharing besonders stark?

Weigele: Carsharing wird, unabhängig vom System, überwiegend von bestimmten Bevölkerungsgruppen genutzt: Sie sind meist männlich, Anfang 30, haben einen Hochschulabschluss, verdienen überdurchschnittlich gut und haben ihren Wohn- und Arbeitsort in innerstädtischen Stadtteilen. Häufig gibt es am Stadtrand und in kleinen Städten überhaupt kein Carsharing-Angebot.

Insbesondere die Free-Floating-Systeme gibt es fast ausschließlich in ausgewählten Millionen- und Milieustädten wie Hamburg, München und Berlin. Dort konzentrieren sich die Anbieter auf "angesagte“ Stadtteile mit einer hohen Dichte und einem bunten Kundenmix, um ihre Systeme gut auszulasten. Unsere Analysen zeigen, dass zum Beispiel ein hoher Anteil der Fahrten innerhalb und zwischen "angesagten" Stadtvierteln stattfindet und Entfernungen aufweist, die man auch gut mit dem Fahrrad oder dem ÖPNV zurücklegen könnte. Ein hoher Anteil der Fahrten lässt sich dem Feierabend- und Freizeitverkehr zuordnen. Am intensivsten werden FCC-Autos am frühen Abend zwischen 18 und 20 Uhr genutzt.

Führt Carsharing zu Entlastungen im Verkehr in Großstädten?

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Weigele: Nein. Der Marktanteil von Carsharing am Gesamtverkehr liegt bei unter einem Prozent. Die bestehenden Carsharing-Systeme erreichen aufgrund ihrer geringen Flottengröße und ihrer geringen Auslastung keine nennenswerte verkehrstechnische Relevanz und leisten keinen direkten Beitrag zur Lösung von Verkehrsproblemen in Ballungsräumen. Man müsste Carsharing-Flotten massiv ausbauen und gleichzeitig den privaten Pkw-Verkehr reglementieren, um einen spürbaren Effekt zu erreichen. Allein der Marktanteil des Taxiverkehrs ist rund zehnmal so hoch, nur wird darüber nicht laufend berichtet.

Hält Carsharing Menschen vom Autokauf ab oder gibt es mehr Autos auf den Straßen, weil der Bedarf an dieser Art Pkw so groß ist?

Weigele: Es gibt beide Effekte. Insbesondere beim "stationsbasierten Carsharing" haben wir es eher mit Kunden zu tun, die sich bewusst gegen ein eigenes Auto entscheiden und dafür gewisse Einbußen bezüglich der Zugänglichkeit und Bequemlichkeit hinnehmen.

Gleichzeitig steigen die Zulassungszahlen - auch in Städten mit dichtem Carsharing-Angebot - aber ungebremst weiter, was sowohl die geringe Relevanz von Carsharing insgesamt, als auch die gegenläufigen Effekte von Carsharing untermauert.

Carsharing ist Methadon und Einstiegsdroge zugleich. Immer nur einseitig die positiven Aspekte herauszustellen, halte ich für kontraproduktiv, da damit die dringend erforderlichen verkehrspolitischen Weichenstellungen in unseren Städten nur vertagt werden.

Noch macht Carsharing nur einen sehr geringen Teil des Verkehrs aus. Sehen Sie großes Wachstumspotenzial in der Zukunft?

Weigele: Das hängt von der Perspektive ab: Für die großen Anbieter sehe ich beachtliches Wachstumspotenzial, da sie das Geschäftsmodell weltweit ausrollen und auf viele Städte übertragen können. Aus Sicht einer einzelnen Stadt halte ich das Potenzial jedoch für sehr begrenzt, da die Systeme schlicht zu klein und nicht leistungsfähig genug sind. Stark vereinfacht gesagt, glaube ich, dass alle Städte mit mehr als 500.000 Einwohnern für Anbieter des Free-Floating-Carsharing potenziell interessant sind.

Förderung von Carsharing

Ende März hat der Bundestag das sogenannte Carsharing-Gesetz verabschiedet und sich damit für die Förderung des Modells ausgesprochen. Durch das Gesetz können Städte diese Autos im Straßenverkehr besonders bevorzugen.

Wie gesagt: Damit mehr Menschen Carsharing nutzen, wäre ein massiver Ausbau der bestehenden Flotten notwendig. Gleichzeitig müsste der private Pkw-Verkehr von den Kommunen beschränkt werden. Dafür sehe ich in absehbarer Zeit keine politischen Mehrheiten, auch das kürzlich verabschiedete Carsharing-Gesetz wird daran nichts ändern. Carsharing bleibt eine sinnvolle Ergänzung unserer Verkehrssysteme, zu einer grundlegenden Verkehrswende wird Carsharing nicht führen.

Um es noch einmal ganz deutlich zu machen: Lebenswerte Städte mit guter Luft erreichen wir nur mit einem wirklich attraktiven und leistungsfähigen öffentlichen Verkehr und einem für Fahrradfahrer und Fußgänger attraktiven Verkehrssystem. Das Auto benötigt - egal ob geteilt, autonom oder elektrisch - im Verhältnis zu seiner Transportleistung schlicht zu viel Platz, den wir im verdichteten städtischen Raum nicht haben. Öffentlicher Verkehr bündelt die Verkehrsströme effizient auf kleiner Fläche, Radfahrer und Fußgänger benötigen per se schon die geringste Fläche aller Verkehrsmittel.

Das Interview führte Lucas Stratmann

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Dieses Thema im Programm:

45 Min | 29.05.2017 | 22:00 Uhr

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