Stand: 19.07.2017 19:00 Uhr

Steffen Mau über "Das metrische Wir"

"Die Gesellschaft macht sich auf den Weg zur datengestützten Dauerinventur" - das schreibt der Berliner Soziologe Steffen Mau in seinem jüngst erschienenen Buch "Das metrische Wir", in dem er die "Quantifizierung des Sozialen" kritisch analysiert. Im Gespräch mit Jürgen Deppe erläutert er die Komplexität des Themas.

NDR Kultur: Herr Professor Mau, was meinen Sie mit dem "metrischen Wir"?

Bild vergrößern
Steffen Mau ist Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität in Berlin.

Steffen Mau: "Das metrische Wir" ist eine Perspektive auf die Veränderung der Gesellschaft durch den vermehrten Gebrauch von Zahlen, Indikatoren und Metriken zur Erfassung und Klassifikation von Personen, Institutionen und Organisationen. Das ist ein Megatrend, der einerseits durch Prozesse der Ökonomisierung angetrieben ist, durch die wir immer mehr Leistungsindikatoren nutzen, andererseits natürlich auch durch Prozesse der Digitalisierung, also der Möglichkeit, mehr und mehr Daten verfügbar und auch verwertbar zu machen. Und hier glaube ich ist ein Trend am Werke, der bis in die kleinsten Verästelungen unseres alltäglichen Lebens hineinreicht. Selbst Schlafgewohnheiten oder das tägliche Schrittpensum werden dann zu einer Art bewerteter Aktivität und unsere individuelle Performanz wird eben daran gemessen, ob wir bei diesen Dingen gut abschneiden oder eben nicht.

Das Erfassen von solchen Dingen wie Schlafgewohnheiten und der Anzahl der Schritte ist ja das Eine  - wie wird dann aber mit der Verwertung umgegangen?

Mau: Wir haben eine Zahlengläubigkeit in der Gesellschaft, weil Zahlen eben auch Objektivität versprechen. Zahlen haben den großen Vorteil, dass sie sich vom Kontext lösen können, weshalb man im Englischen sagt: "Numbers can travel". Sie können immer weitergereicht und mit anderen Zahlen zusammengefügt werden. Das betrifft riesige Mengen an Daten, die erzeugt werden können, und zwar sowohl über einzelne Personen als auch die Gesellschaft insgesamt. Datenhändler arbeiten heutzutage mit Datenpaketen, die die Möglichkeit bieten, Individuen wie die Nadel im Heuhaufen wieder zurück zu verorten, zu klassifizieren und dann ökonomisch anzusprechen. Das passiert dann etwa durch Werbeangebote oder in Bezug auf ihr Kaufverhalten. Aber auch für den Versicherungsmarkt sind das natürlich sehr wertvolle Daten, um sie ganz persönlich zu justieren und einzuschätzen.

Welche Rolle spielt dabei die zunehmende Digitalsierung? Im Grunde genommen haben Kaufleute oder Wirtschaftspolitiker doch immer schon versucht, Marktanalysen zu machen. Statistik ist ja wahrlich kein neues Fach.

Mau: Das hat natürlich eine lange Tradition, etwa in der Wissenschaft, die traditionell mit Objektivierung und Zahlenhaftigkeit zu tun hat. Auch der Staat ist ein wichtiger Datenmanager, denken Sie nur an die statistischen Ämter. Und der Markt kommt ohne so ein universelles Verrechnungsmedium wie das Geld oder auch einheitliche Maße und Gewichte gar nicht aus.

Bild vergrößern
Eine Totalprotokollierung des gesamten Lebens ohne individuelles Einverständnis löst die Trennung zwischen öffentlich und privat auf, meint Mau.

Jetzt gibt es aber eine ganz neue Entwicklung, nämlich dass sich Daten im gesellschaftlichen Normalbetrieb, ohne dass wir aktiv daran teilnehmen müssten, sammeln lassen. Ob Sie Ihr Fahrzeug bewegen oder ins Fitnessstudio gehen: Überall hinterlassen Sie Daten, die gesammelt werden können. Selbst im Falle von Lernsoftware von Schülern und Studierenden, wo diese Daten viele Jahre später zur Bewertung von Individuen eingesetzt werden können, indem zum Beispiel ein zukünftiger Arbeitgeber weiß, wie früher Ihre Lernquote war. Die Digitalisierung bedeutet, dass wir fortwährend Datenspuren hinterlassen. Es kommt fast zu einer Totalprotokollierung des gesamten Lebens - und zwar im Prinzip ohne individuelles Einverständnis. Da ist mittlerweile eine Tür durchbrochen, so dass die traditionell starke Trennung zwischen öffentlich und privat eigentlich nicht mehr aufrecht zu erhalten ist. 

Ich mache mich mal zum Advocatus Diaboli und sage: Eigentlich ist doch das, was Sie beschreiben, ein Grund zum Jubeln. Wir gehorchen nicht länger diffusen Gefühlen, die wir Mitmenschen gegenüber haben, etwa in Vorstellungsgesprächen oder Ähnlichem, sondern wir können die Leute jetzt rational-quantifiziert und dadurch qualifiziert beurteilen…

Mau: Natürlich gibt es auch einen emanzipatorischen Teil dieser Zahlenhaftigkeit. Und ich würde diese Entwicklungen auch nicht ausschließlich kulturkritisch lesen. Trotzdem weiß man über Algorithmen, dass es auch so etwas gibt wie toxische Feebbackloops. Diese neigen dazu, die Realität an die eigenen Modelle anzupassen anstatt die Modelle an die Realität. Ein Beispiel ist eine Software, die von US-Firmen eigesetzt wird, um Personal zu rekrutieren. Wenn Sie dort falsche Antworten geben, dann sind Sie raus aus dem Spiel. Das heißt, der potentielle Arbeitnehmer hat gar nicht mehr die Möglichkeit, im Arbeitsprozess zu zeigen, dass er trotz dieser Antwort in der Lage ist, eine gute Arbeitsleistung zu bringen. In gewisser Weise sind viele dieser Algorithmen nicht falsifizierbar. Und dadurch, dass sie eine so starke Wirkung auf die Bewertung von Personen und die Zuweisung von Lebenschancen haben und gleichzeitig in einer Art Geheimraum erstellt werden, kommt es eben zu problematischen Klassifikationsleistungen, gegen die sich Personen nicht mehr ohne Weiteres wehren können.

Ich benutze immer den Begriff "das Vermessen des Sozialen". Sprachlich kann man sich das in drei unterschiedlichen Konnotationen vor Augen führen. Vermessen meint zunächst: In den Maßen festlegen. Vermessen heißt aber genau so: Falsch messen. Und Vermessen kann auch heißen: Unangemessen. Und wenn man diese drei Bedeutungen auf die Frage der Quantifizierung anlegt, dann sieht man, dass alle drei zum Tragen kommen.

Sie konstatieren das in Ihrem Buch sehr kritisch. Da wäre dann die Frage: Was tun? Kann ich mich dem entziehen, indem ich beispielsweise bestimmte Daten für mich behalte, geheim halte? Oder werde ich ohnehin schon so überwacht, dass das gar nicht mehr geht?

Mau: Ich habe da eine eher skeptische Sicht darauf: Was man beobachten kann, ist, dass Formen der Gegenmacht häufig selber in der Sprache der Zahlen agieren. Also es gibt Algorithmen die Algorithmen kontrollieren. Auch bei Indikatoren wird man nur erfolgreich dagegen argumentieren, wenn man es schafft, andere Indikatoren in die Diskussionen zu bringen. Und viele soziale Bewegungen machen genau das, dass sie versuchen bessere oder alternative Bewertungs- und Berechnungsmethoden anzubieten. Der totale Entzug daraus ist sehr schwer. Da müssten Sie schon Außenseiter vieler gesellschaftlicher Aktivitäten bleiben. Ihr Reiseverhalten wird automatisch überwacht, zum Beispiel dadurch, dass es so etwas gibt wie "Smart Borders", wo die Grenzen einfach auch Daten über Sie sammeln, wie oft Sie die überschreiten. Aber auch von vielen anderen Möglichkeiten des Konsums, der sozialen Netzwerke, der Mobilität würden Sie ausgeschlossen bleiben, wenn Sie sich nicht daran beteiligen. Und das Interessante an dieser Situation - und deswegen begreife ich diese Entwicklung auch nicht nur als technologische, sondern auch als soziale - ist, dass es eine sehr große Mitmachbereitschaft, vielleicht auch Ignoranz vieler gegenüber dieser Art von Datenweitergabe gibt. Und es ist unglaublich schwer, tatsächlich die Kontrolle über die eigenen Daten zu behalten oder so etwas wie einen digitalen Radiergummi einzusetzen.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 19.07.2017 | 19:00 Uhr

Übersicht

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr