Stand: 09.09.2017 05:00 Uhr

Wolfgang Seibert: Mit Herz, Verstand und Mut

von Janine Artist
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Pro Asyl würdigt Wolfgang Seibert für sein couragiertes Engagement.

Er ist Fußball-Fan, Bücherwurm und ein sehr politischer Mensch: Wolfgang Seibert. Vorsitzender der jüdischen Gemeinde in Pinneberg, die mehr als 200 Mitglieder zählt, ist er seit 15 Jahren. "Das ist schon zehn Jahre zu lang," sagt der 70-Jährige und lacht verschmitzt. Er hätte gerne, dass jemand Jüngeres übernimmt: "Ich merke, dass ich viel eher als früher an meine Grenzen stoße und mich schneller überlastet fühle. Abends sage ich manchmal zu meiner Frau: Ich bin platt wie eine Flunder!" Aber Seibert macht weiter - vermutlich auch, weil er es nicht lassen kann. Weil er immer noch die Leidenschaft hat, sich zu engagieren und für seine Überzeugungen einzutreten. Dafür, dass er Geflüchteten verschiedenen Glaubens Synagogenasyl gewährt hat, bekommt er den Menschenrechtspreis 2017 der Stiftung Pro Asyl.

Familiengeschichte prägt das ganze Leben

Sein Antrieb sind sein Glaube, die Geschichte der Juden und die Geschichte seiner eigenen Familie: Wolfgang Seibert wächst kurz nach dem Krieg bei seinen Großeltern auf, weil sein Vater studiert und seine Mutter arbeitet. Dass seine Großmutter und sein Großvater Auschwitz-Überlebende sind, erfährt er als Jugendlicher. "Dann habe ich verstanden, warum meine Großmutter nachts im Schlaf geschrien hat und Angst vor Uniformen hatte", erinnert sich Seibert heute. Zuhause wird damals nie darüber gesprochen. Das Wissen um die Vergangenheit seiner Großeltern bewirkt aber, dass der junge Wolfgang anfängt, sich mit dem Thema Flucht zu beschäftigen.

Aus "Spiel" wird Ernst

Nach dem Abitur 1967 geht es für Seibert an die Universität in Frankfurt. Der Student der Soziologie und Politikwissenschaften hilft amerikanischen Deserteuren, die nicht in den Vietnam-Krieg wollen. Zusammen mit anderen schmuggelt er sie nach Dänemark. "Damals war das so eine Art Abenteuerspiel für uns," sagt Seibert. Heute ist es für ihn kein Spiel mehr, aber der Drang zum Helfen und zum Ungehorsam sind geblieben. Als er gefragt wird, ob er einem muslimischen Sudanesen, der abgeschoben werden soll, Asyl in der Synagoge geben könnte, überlegt er nicht, sondern sagt spontan "ja". Danach versteckt seine Gemeinde noch eine iranische Christin, einen Mann von der Elfenbeinküste und einen afghanischen Juden vor den deutschen Behörden.

Menschen nicht in den sicheren Tod abschieben

"Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte von Flucht und Vertreibung und Nichtgewähren von Asyl. Wenn während des Faschismus Staaten bereit gewesen wären Juden aufzunehmen, dann hätten mehr überlebt. Ich will einfach verhindern, dass Menschen abgeschoben werden in Länder, wo sie entweder den sicheren Tod haben oder wo man weiß, dass sie sehr schlecht behandelt werden", erklärt der 70-Jährige. Seibert kritisiert, dass das Grundrecht auf Asyl in Deutschland seiner Ansicht nach ausgehöhlt worden ist und kaum noch existiert.

Nichts geht über den FC St. Pauli

Der streitbare Vorsitzende der jüdischen Gemeinde ist aber alles andere als ein durch und durch ernster oder gar verkniffener Mensch. Aus dem, was er über sich erzählt, scheint viel Lebensfreude. Zum Beispiel, wenn es um seinen Lieblingsverein geht - den FC St. Pauli. "Das ist einfach mein Verein, auch vom Gefühl her", sagt Seibert mit leuchtenden Augen. Für Fußballspiele am Millerntor lässt er sogar Gottesdienste sausen: "Wenn sich das beißt, gehe ich eher zu St. Pauli. Das ist einfach so. Das weiß die Gemeinde auch. Und wenn ich dann bei bestimmten Gottesdiensten nicht da bin, gucken die auf den Spielplan und sagen: Ach, Wolfgang ist bei St. Pauli." Wieder lacht er verschmitzt in sich hinein.

Lebenlanges Lernen durch Bücher

Wenn er in seiner Freizeit nicht beim Fußball ist, liest Seibert gerne und viel: Sachbücher, Romane und klassische Krimis wie etwa die von Raymond Chandler. Im Gespräch zitiert er häufig aus philosophischen und politischen Werken. Der ausgebildete Journalist ist mit Büchern groß geworden und hätte gerne mehr Muße zum Lesen: "Das ist eines der wichtigsten Dinge in meinem Leben, denn ich will immer noch lernen."

Schutz vor antisemitischen Angriffen

Sorge bereiten dem Pinneberger die jüngsten Erfolge der Rechtspopulisten - der AfD in Deutschland, aber auch anderer Parteien weltweit. Diese Gruppen machten Antisemitismus wieder hoffähig, befürchtet Seibert. Judenfeindliches Gedankengut sei zwar in vielen Köpfen schon immer gewesen, aber jetzt werde offen ausgesprochen, was man früher nur gedacht habe. Wegen Drohungen von Rechtsextremen - aber auch von Salafisten - hat die jüdische Gemeinde ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht. Unter anderem hat sie einen hohen Zaun um ihre Synagoge aufgestellt.

Jüdisches Gebäude hinter einem Zaun.

Immer mehr Synagogen zäunen sich ein

Schleswig-Holstein Magazin -

Jüdische Einrichtungen gelten als potenzielle Anschlagsziele und stehen allesamt unter Polizeischutz. Doch immer mehr Synagogen greifen zusätzlich zu eigenen Schutzmaßnahmen.

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Preis für herausragende Courage

Abschotten will sich die jüdische Gemeinde in Pinneberg aber nicht. Dafür, dass er die Türen der Synagoge für Schutzsuchende geöffnet hat, bekommt Seibert den Menschenrechtspreis 2017 von Pro Asyl. Die Stiftung lobt seinen Einsatz für Schutzbedürftige als herausragend couragiert. Der Preisträger reagiert bescheiden: Sein Engagement sei für ihn selbstverständlich. "Aber die Arbeit hätte ich gar nicht machen können, ohne den Rückhalt aus der Gemeinde, einen Rückhalt von der Familie und auch vielen anderen Leuten. Und deshalb denke ich, ich nehme den Preis eher stellvertretend entgegen für viele Leute", sagt Wolfgang Seibert. Ein bisschen stolz - das gibt er zu - ist er aber trotzdem.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 09.09.2017 | 08:00 Uhr

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