Stand: 08.08.2017 07:00 Uhr

Westerlands Fußgängerzonen bald frei für Radler

von Simone Steinhardt

Morgens um 9.15 Uhr vor der Fußgängerzone Strandstraße in Westerland: Radfahrer müssten hier eigentlich schieben. Doch daran halten sich viele nicht. "Dass das verboten ist, weiß ich. Aber es ist ja noch nichts los", so das Argument zweier Urlauber. Einer sieht sich gar als Lieferverkehr - der ist morgens zwischen 7 und 10 Uhr frei. "Ich muss Brötchen zu Hause anliefern", sagt er und fährt grinsend weiter. So wie viele andere Radfahrer. Gegen 9.30 Uhr sind rund 15 Radfahrer die Strandstraße rauf- und runtergefahren. Damit soll jetzt Schluss sein. Nicht mit dem Verbot, im Gegenteil: Am 10. Juli hat die Gemeinde Sylt beschlossen, das Fahrradfahren in den Fußgängerzonen zu bestimmten Zeiten zu erlauben.

Sylt: Radfahrer dürfen bald in Fußgängerzone

Zu Lieferzeiten fahren

Zwischen 21 Uhr abends und 10 oder 11 Uhr morgens - darüber wird noch entschieden - sollen sich Radfahrer und Spaziergänger die Flaniermeilen teilen. Entsprechende Verkehrsschilder sind bestellt, ein Antrag beim Kreis Nordfriesland ist gestellt. Betroffen sind die Friedrich- und die Strandstraße sowie die Neue Straße, die beide verbindet. 

Nikolas Häckel, Bürgermeister der Gemeinde Sylt, sieht die Freigabe der Fußgängerzonen als Teil der Verbesserung des Radverkehrs auf Sylt. "Die Radfahrer sollen in den Lieferzeiten der Fahrzeuge fahren dürfen. Wie wollen wir denn argumentieren, dass Autos in der Fußgängerzone fahren dürfen und Radfahrer nicht? Da machen wir uns unglaubwürdig", ist der Verwaltungschef überzeugt.

Unternehmer auf der Zinne

Die Idee vom legalen Velo-Fahren gefällt vielen gar nicht. Dazu gehört auch Alexander Schick. Er betreibt ein Bekleidungsgeschäft für Kinder. Seinen Unmut über die Entscheidung der Gemeinde hat er kürzlich in einem Leserbrief in der Wochenzeitung "Sylter Spiegel" zum Ausdruck gebracht. "Schlimmer geht’s nimmer!", schrieb er. Am Ende forderte er sogar, der Bürgermeister möge seinen Stuhl räumen.

Bei einem Besuch seines Ladens zeigt Alexander Schick das Problem: Die Fahrradfahrer fahren sehr dicht an seinem und anderen Geschäften vorbei. "Da ist immer eine Gefahr, vor allem für kleine Kinder und ältere Menschen", sagt der Unternehmer. Ginge es nach ihm, gehörte das Radfahren in den Fußgängerzonen strikt verboten. Eine benachbarte Ladenbetreiberin sieht das genauso. "Auf keinen Fall!", sagt sie zu den Plänen der Gemeinde. "Das würde die Geschäftsleute und Fußgänger auf dem Weg zum Strand extrem behindern." Ein Urlaubsgast aus Bielefeld, der sein Rad vorbildlich durch die Strandstraße schiebt, sieht die Sache entspannt. "Bei uns ist die Fußgängerzone immer gesperrt. Da wird auch streng kontrolliert. Aber eine Freigabe zu bestimmten Zeiten, da bin ich dafür."

Probleme mit Freigabe auf Föhr

Auf der Nachbarinsel Föhr gilt bereits, was die Gemeinde Sylt jetzt einführen will: eine teilweise Freigabe der Fußgängerzone für Radfahrer. Zwischen 22 und 11 Uhr darf geradelt werden. Allerdings nur bis zur Musikmuschel, bevor es leicht abschüssig zur Strandpromenade geht. Ab da herrscht striktes Verbot für Radler.

Der Bürgermeister der Stadt Wyk ist damit überhaupt nicht glücklich. "Wir haben schlechte Erfahrungen mit dieser Regelung gemacht", so Paul Raffelhüschen, der diese im Jahr 2007 von seinem Vorgänger übernommen hat. Vor allem das Verbot ab der Musikmuschel sei kaum zu vermitteln. Immer mehr Urlauber beschwerten sich zudem beim Bürgermeister über rücksichtlose Radfahrer. Kontrollen gestalteten sich schwierig. "Die Polizei hat die Kapazität nicht und der Tourismus-Service darf nur im ruhenden Verkehr eingreifen", erklärt Raffelhüschen das Problem.

Polizei in Westerland läuft Streife

In Westerland indes holt die Polizei regelmäßig Radfahrer von ihrem Vehikel. Viele seien Wiederholungstäter, sagt der Chef der Sylter Polizei, Dieter Johannsen. "Pro Jahr verhängen wir mehrere 100 Mal ein Verwarnungsgeld." Die Radfahrer reagierten dann sehr unterschiedlich, so Johannsen. "Wenn so viele Menschen auf engstem Raum zusammen sind, kommt es immer zu Spannungen." In Westerland befürchten viele, dass sich die Radfahrer ohnehin nicht an die freigegebenen Zeiten halten. So, wie sie sich schon jetzt nicht an das Verbot halten.

Es ist inzwischen 11.15 Uhr. Die Stadt ist gut besucht, viele Radfahrer stört das aber nicht. Auch größere Gruppen sind jetzt radelnd unterwegs. "Hier fahren oft ganze Schulklassen durch", weiß Alexander Schick. Sein Appell: "Radfahrer sind hier herzlich willkommen. Aber schiebt doch bitte euer Rad da, wo Fußgänger laufen!"

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.08.2017 | 07:00 Uhr

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