Stand: 12.11.2017 08:00 Uhr

Wenn ein Vollzeitjob nicht zum Leben reicht

von Carsten Janz

Ein Ticket fürs Falschparken, ein Lackschaden an seinem Auto oder kaputte Schuhe. Für Jann kann jede dieser unvorhergesehenen Ausgaben das finanzielle Aus bedeuten - die Rechnungen könnte er nicht ohne Weiteres begleichen. Jann arbeitet 40 Stunden wöchentlich in der Gastronomie. Um sein Leben bestreiten zu können, hat er einen Zweitjob. "Wenn ich mal krank bin oder terminlich etwas dazwischen kommt und ich nicht zum Nebenjob komme", sagt Jann, "dann muss ich mir Geld von Freunden leihen".

Nicht jeden Tag eine Mahlzeit

Jann heißt nicht Jann, wir haben seinen Namen verändert. Er hat Angst, einen seiner Jobs zu verlieren. Er verdient rund 1.500 Euro brutto in der Gastronomie, netto bleiben ihm also gut 1.150 Euro. Abzüglich seiner Kosten für Miete, Handy, den Unterhalt für sein Kind und die Fahrtkosten, um zur Arbeit zu kommen, bleiben ihm gut 200 Euro - ohne Nebenjob. "Eine Mahlzeit ist da nicht immer drin. Schon gar nicht morgens, mittags und abends", sagt er. "Manchmal esse ich einen Tag lang gar nichts."

Seine Ausbildung hat Jann in einem anderen Berufszweig abgeschlossen, dort aber danach keinen Arbeitsplatz gefunden. Er hat in der Folge viele unterschiedliche, körperlich sehr harte, Tätigkeiten ausgeübt. Sein Körper ist, trotzdem er erst mit Mitte 30 ist, schon sehr angeschlagen. Aber Jann arbeitet gern und auch schon seit vielen Jahren in der Gastronomie. "Aber wenn ich jetzt aufhören und mich arbeitslos melden würde, dann hätte ich mehr Geld als jetzt ohne meinen Nebenjob." Das kommt für ihn trotzdem nicht in Frage.

40 Stunden plus X

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Schätzungsweise 10.000 Beschäftigte allein im Hotel- und Gaststättengewerbe arbeiten noch nebenbei.

Lieber steht Jann vor seinem Hauptberuf auf und jobbt nebenbei. 10 Euro bekommt er die Stunde. 35 Stunden muss er im Monat mindestens zusätzlich arbeiten, damit er alle Rechnungen bezahlen kann. Sehr anstrengend sei das, sagt er. Körperlich und auch geistig. So wie Jann geht es vielen Schleswig-Holsteinern. Wie vielen genau - das ist schwer zu sagen, weil die Zahlen nicht genau erfasst werden.

90.000 Nebenjobber

Klar ist: Die Zahlen der Menschen, die neben ihrem Hauptberuf noch einen Nebenjob haben, sind in den vergangenen zwei Jahren insgesamt um zehn Prozent gestiegen. Mittlerweile sind es laut Bundesagentur für Arbeit 90.000 Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein, allein mehr als 10.000 von ihnen arbeiten im Hotel- und Gaststättengewerbe. Allerdings seien nicht alle finanziell auf einen Nebenjob angewiesen, sagt Stefan Scholtis vom Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Schleswig-Holstein, kurz DEHOGA. Viele machten den Nebenjob nur, weil sie sich mehr leisten wollten. "Die Lebensumstände sind sehr unterschiedlich und man kann nicht pauschal sagen, dass in der Gastronomie zu wenig bezahlt wird."

Mehr Geld in anderen Bundesländern

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Finn Petersen von der Gewerkschaft NGG sagt, die Löhne in Schleswig-Holstein seien deutlich niedriger als in anderen Bundesländern.

Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, kurz NGG, sieht das naturgemäß anders. Vor allem in Schleswig-Holstein sei das Problem sehr groß, weil hier im Vergleich zu den anderen "alten Bundesländern" im Durchschnitt 200 Euro weniger bezahlt würden. "Diese Lohnlücke muss geschlossen werden", sagt Finn Petersen von der NGG. "Es kann nicht sein, dass die Menschen mit ihrem Einkommen nicht mehr auskommen und einen Nebenjob annehmen müssen."

Tarifverhandlungen abgebrochen

Derzeit laufen eigentlich Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft und den Arbeitgebern. Doch die wurden in der dritten Verhandlungsrunde am vergangenen Dienstag, ohne weiteren Termin, unterbrochen. Das erste Mal in Schleswig-Holstein, denn in den vergangenen Jahren haben sich die Verhandlungsparteien immer am ersten Tag geeinigt. Gewerkschaft und DEHOGA liegen aber bezüglich der Arbeitszeiten weit auseinander - über Geld wird noch gar nicht geredet.

Janns Belohnung: ein Döner

Jann hat einen Ein-Jahres-Vertrag. Er hofft, dass er demnächst einen neuen, längeren Vertrag und auch ein bisschen mehr Geld bekommt. Er arbeitet in einem Teil der Gastronomie, in dem kein Trinkgeld gezahlt wird. Wenn er dann doch einmal bei einer Feier eingesetzt wird und Trinkgeld bekommt, belohnt er sich. "Dann gehe ich einen Döner essen oder hole mir vielleicht ein neues Cappi." Am liebsten würde er wieder seinem Hobby nachgehen und Billard im Verein spielen. Doch die Fahrtkosten in die nächst größere Stadt wären zu hoch, ganz zu schweigen von den Mitgliedsbeiträgen - mit oder ohne Nebenjob.

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Schleswig-Holstein Magazin | 12.11.2017 | 19:30 Uhr

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