Stand: 15.02.2016 20:11 Uhr

Haben Tintenfische die Pottwale angelockt?

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Die Pottwale hatten eine bestimmte Art von Tintenfisch im Magen - ein Indiz für eine natürliche Ursache?

Britische und deutsche Forscher vermuten eine natürliche Ursache für das größte bekannte Pottwalsterben in der Nordsee. Seit Januar sind in Großbritannien, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland mindestens 29 Jungtiere gestrandet - die meisten vor der Küste Dithmarschens in Schleswig-Holstein. Krank oder ausgehungert waren die Tiere nach ersten Untersuchungen nicht. Peter Evans von der Sea Watch Foundation geht davon aus, dass die Tiere auf der Jagd nach Tintenfischen in die flacheren Gewässer der Nordsee geschwommen sind. "Die Tiere, die in Holland gestrandet waren, hatten sehr viel Tintenfisch im Magen", sagte Evans einem Bericht der BBC zufolge. Er und andere Experten halten es für möglich, dass sich Tintenfische - und deshalb auch die Pottwale - wegen der Stürme und der ungewöhnlich hohen Temperaturen in die Nordsee verirrt hatten.

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Peter Evans weist damit Theorien zurück, wonach sich die Tiere aufgrund von menschlichen Eingriffen in die Meere nicht mehr orientieren konnten - zum Beispiel durch Unterwasserlärm durch Offshore-Windparks oder seismologische Untersuchungen. "Dafür gibt es keine Beweise", sagte er. Der Wissenschaftler hält es für wahrscheinlich, dass die Tiere Schwärmen von Tintenfischen gefolgt sind - solange, bis sie keine Chance mehr hatten zu überleben. "Sie leben normalerweise in sehr tiefen Gewässern, etwa 3.000 Meter tief", sagte Evans. "Südlich der Doggerbank ist die Nordsee meist weniger als 50 Meter tief an manchen Stellen weniger als 20 Meter." Die Tiere verlassen sich auf ihr Sonar. Sie senden Schallimpulse. In seichten Gewässern können sie das nach Ansicht der Wissenschaftler aber nur bedingt.

Erste Analysen: Kein Futtermangel als Ursache

Die ersten Erkenntnisse deutscher Wissenschaftler decken sich mit denen ihrer Kollegen im Ausland. "Wir haben ebenfalls Reste von zwei bestimmten Tintenfisch-Arten gefunden", sagte Ursula Siebert im Gespräch mit NDR.de. Sie leitet das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung in Büsum (Kreis Dithmarschen) und ist der Ansicht, dass am ehesten hydrographische Ursachen die Wale in die Nordsee gelenkt hätten. "Dies könnte auch zur Folge haben, dass die Nahrung weiter südlich anzutreffen war und die Pottwale den Tintenfischen gefolgt und dann in die Nordsee geraten sind."

Meeresbiologe Uwe Piatkowski vom Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel und sein Team untersuchen zurzeit die Mageninhalte der Pottwale, die an der schleswig-holsteinischen Küste strandeten. "Als vorläufiges Ergebnis steht fest, dass die Pottwale sich zu 99 Prozent von zwei Tintenfischarten - dem Nordischen Köderkalmar und Europäischen Flugkalmar - ernährt haben", sagte er. Laut Piatkowski kommen die in der Norwegischen See, im Barentsmeer und den Gewässern bei Island vor. "Der Köderkalmar lebt eigentlich nicht in der Nordsee, der Flugkalmar kommt nur äußerst selten dort vor", berichtete der Experte. Die Untersuchungen sind aber noch nicht beendet.

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