Stand: 08.11.2016 21:22 Uhr

Geflügelpest: Ministerium verhängt Stall-Pflicht

In Schleswig-Holstein ist zum ersten Mal die besonders schwere Form der Vogelgrippe ausgebrochen: Die an den Plöner Seen tot aufgefundenen Wildvögel sind an der sogenannten Geflügelpest gestorben. Das teilte am Dienstag Umweltminister Robert Habeck (Grüne) mit. Wissenschaftler konnten in den Tierkadavern den H5N8-Erreger nachweisen. Der Minister verhängte daraufhin eine landesweite Stall-Pflicht für alle Geflügelarten. "Mir ist bewusst, dass eine Stall-Pflicht für viele Geflügelhalter und Geflügelhalterinnen ein harter Eingriff ist. Aber der Ausbruch in einem Bestand hätte noch gravierendere Folgen", sagte der Minister und fügte an: "Wir müssen einer Infektion der Bestände so gut wie möglich vorbeugen."

Sperr- und Beobachtungsgebiete rund um Plön

Außerdem richtet das Veterinäramt des Kreises Plön rund um die Fundorte Sperrzonen ein. Im Umkreis von drei Kilometern dürfen Geflügelhalter ihre Tiere für mindestens 21 Tage nicht verkaufen. Im Umkreis von weiteren sieben Kilometern gilt diese Regelung für die kommenden 15 Tage. Diese Vorsichtsmaßnahme betrifft laut Ministerium zurzeit etwa 120 Betriebe. Insgesamt gibt es in Schleswig-Holstein 12.000 Betriebe mit etwa fünf Millionen Tieren. "Wir appellieren zudem an alle Geflügelhalter im Land, penibel auf die ohnehin bestehenden Vorsichtmaßnahmen zu achten", meinte Habeck.

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Tote Tiere nicht anfassen

Wer tote Vögel findet, sollte sich an das zuständige Ordnungsamt wenden. Die Ordnungsämter im Kreis Plön haben spezielle Sammelstellen für verendete Wildvögel eingerichtet. Außerdem appelliert das Umweltministerium an Spaziergänger, tote Vögel nicht anzufassen. Hunde sollten in den betroffenen Gebieten nahe dem Wasser ohnehin an der Leine geführt werden, sagte Minister Habeck.

Es handelt es sich um eine Geflügel stark krankmachende Variante, die deswegen auch Geflügelpest genannt wird. Bei fast jedem untersuchten Kadaver sei das Virus festgestellt worden, sagte ein Experte des Ministeriums. Der Erreger des Subtyps H5N8 wird derzeit noch vom Friedrich-Löffler-Institut (FLI) auf der Ostseeinsel Riems in Mecklenburg-Vorpommern genauer analysiert. Infektionen von Menschen mit den Viren sind laut FLI bislang weltweit nicht nachgewiesen worden. Eine Ansteckung über infizierte Lebensmittel ist nach Auskunft des Bundesinstituts für Risikobewertung "theoretisch denkbar, aber unwahrscheinlich".

Ständige Überwachung der Betriebe

Das Ministerium geht davon aus, dass bald noch mehr Sperrzonen eingerichtet werden könnten. Die Bestände dort müssten regelmäßig klinisch untersucht und Proben entnommen werden. Bisher nicht gemeldete Geflügelhalter sollten sich kurzfristig beim Veterinäramt melden und ihre Geflügelhaltung dort anzeigen. Die genaue Kulisse der Zonen wird durch die zuständigen Kreisveterinärbehörden festgelegt. Die betroffenen Geflügelhalter werden über die erforderlichen Maßnahmen informiert, so das Ministerium.

Kadaver an Ufern vieler Plöner Seen

Bis Dienstagmittag waren laut Ordnungsamt etwa 200 Vogelkadaver an den Ufern des Großen Plöner Sees, des Trammer Sees, des Schöhsees und des Kleinen Plöner Sees entdeckt worden - darunter viele Reiherenten, aber auch Blässhühner, Schwäne, Gänse und Möwen. Nach Angaben des Kreisveterinäramts sind bislang nur Wasservögel betroffen. Mitarbeiter der Stadt Plön suchten die Uferbereiche am Dienstag in Schutzanzügen erneut ab. Eine Spezialfirma soll die Kadaver entsorgen.

Plön: Tote Vögel tragen H5N8-Virus in sich

Geflügelpest bei Tieren in Polen

Auch aus Polen, Kroatien, Ungarn und am Bodensee wurden Vogelgrippe-Fälle gemeldet. Unklar ist, ob es einen Zusammenhang zwischen den Ausbrüchen gibt. In Polen wurde nach Angaben des schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministeriums ebenfalls die Geflügelpest nachgewiesen. "Das akute Krankheitsgeschehen bei den Wildvögeln ist in dieser massiven Ausprägung besorgniserregend", sagte Habeck, der nach eigener Aussage ein großes Krisenszenario für möglich hält.

Sein Amtskollege in Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus (SPD), rief Behörden, Tierhalter und Bevölkerung zu erhöhter Wachsamkeit auf. Es sei nicht auszuschließen, dass das Virus auch Mecklenburg-Vorpommern erreichen wird. Vor zwei Jahren war in einer großen Putenmastanlage bei Pasewalk sowie im Rostocker Zoo die Vogelgrippe ausgebrochen und hatte einen erheblichen Schaden verursacht.

  • Geflügelzüchter: "Gänsehalter haben massives Problem"

    Etwa fünf Millionen Hühner, Puten, Gänse und Enten dürfen ab sofort nur noch im Stall gehalten werden. Das stelle die betroffenen Bauern vor gewaltige Probleme, sagt der Geschäftsführer des Geflügelwirtschaftsverbandes, Nicolai Wree: "Ab einem bestimmten Zeitpunkt können die Eier nicht mehr als Freiland-Eier verkauft werden können, sondern nur noch als Bodenhaltungs-Eier. Die Gänsehalter haben ein massives Problem, denn Gänse werden nicht im Stall, sondern auf der Wiese gehalten."

  • Bund: "Wildvögel nicht einseitig in den Fokus rücken"

    Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (Bund) Schleswig-Holstein appellierte, Wildvögel nicht einseitig als Ursache in den Fokus zu rücken. "Die Erfahrungen bei den vergangenen Fällen von Vogelgrippe haben gezeigt, dass die größten Infektionsherde häufig rund um die industriellen Geflügelhaltungen zu finden waren", sagte Ole Eggers, Bund-Landesgeschäftsführer in Schleswig-Holstein. Die Übertragungswege müssten unvoreingenommen aufgeklärt werden.

  • Nabu: Virus aus Massentierhaltung?

    Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des Nabu Schleswig-Holstein: "Wir bedauern, dass so große Bestände an Wildvögeln davon betroffen sind. Wir gehen davon aus, weil es dafür Beispiele etwa aus Asien gibt, aber auch in übrigen Gebieten, dass diese Wildvögel umgekehrt infiziert worden sind dadurch, dass aus einer Massentierhaltung der Virus in die Wild-Population gelangt ist. Denn - es ist eigentlich ungewöhnlich, dass so ein Virus sich in Wildvögeln entwickelt - auch wenn sie latent Träger sein können."

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Karte: Geflügelpest in Schleswig-Holstein
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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 08.11.2016 | 22:00 Uhr

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