Stand: 17.01.2015 13:14 Uhr

Bürgerbus: Mobil auf dem Land - auch ohne Auto

"Wie gut, dass ich heute nicht zu Fuß zum Einkaufen muss", freut sich Arnold Erdtmann, als er im Nieselregen mit seinem Rollstuhl, den er auch als Rollator nutzt, und einer Begleiterin an der Bushaltestelle wartet. Denn seit einem halben Jahr gibt es hier einen Bus von Bürgern für Bürger - den Bürgerbus Ladelund. Und der hält auch direkt vor dem Seniorenheim am Ortsrand. Vorher waren die Bewohner auf ein Taxi angewiesen, um ins Dorf oder die zehn Kilometer zum nächsten Arzt zu kommen. Erdtmann hat oft seine Tochter gefragt, ob sie ihn fahren kann. Durch den Bürgerbus ist er viel unabhängiger geworden.

Kein Arzt im Ort

Die Idee dazu hatte Heike Prechel, die erste Vorsitzende des Vereins Bürgerbus Ladelund. "Bei einer Weihnachtsfeier habe ich ein Ehepaar kennengelernt, das aus Ladelund wegziehen wollte, weil sie Angst davor hatten, hier im Alter nicht mehr mobil zu sein." Wieder zu Hause hat Heike Prechel sich sofort an den Schreibtisch gesetzt, und ist auf den Bürgerbus gekommen. "In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es das Modell schon länger, warum sollte es bei uns nicht funktionieren", fragt sie. 1.400 Einwohner hat die nordfriesische Gemeinde kurz vor der dänischen Grenze. Ein idyllisches Dorf, aber viel mehr als einen Schlachter, einen Supermarkt und eine Apotheke gibt es hier nicht. Keine Drogerie, keinen Arzt - und keinen öffentlichen Bus außer den Schulbus. Der nächst größere Ort Leck ist zehn Kilometer weit entfernt. Nach Flensburg sind es knapp 40 Kilometer.

32 ehrenamtliche Fahrer

Nach zwei Jahren ehrenamtlichem Engagement hat Prechel es mit ihrem Verein endlich geschafft. Seit dem Sommer besitzt die kleine Gemeinde einen Kleinbus mit acht Plätzen, barrierefrei. Die 100.000 Euro haben sie aus EU - und Fördergeldern vom Land bezahlt, und mithilfe von Spenden privater Sponsoren. Mittlerweile hat der Verein 175 Mitglieder. Und 32 ehrenamtliche Fahrer. Die dürfen vier Stunden in der Woche fahren, und müssen vorher eine mehrtägige Ausbildung absolvieren.

Ticket für einen Euro

Klein, aber fein: Der Bürgerbus Ladelund

Einer von ihnen ist Fedder Heidelbeer, der heute auch Erdtmann zum Supermarkt ins Dorf fährt. Für den Rentner sind die Fahrten eine willkommene Abwechslung. "Niemand hätte geglaubt, dass der Bus einmal so ein Erfolg wird. Oft kann ich gar nicht alle auf einmal mitnehmen.  Gestern haben an einer Bushaltestelle 20 Leute gewartet."  250 Personen fahren jede Woche mit. Senioren, Jugendliche, die noch keinen Führerschein haben, oder Menschen, die sich kein Auto leisten können - in letzter Zeit auch immer öfter Flüchtlinge. Ein Ticket kostet nur einen Euro.

Acht Touren am Tag

An der Bushaltestelle vor der Schule steigen bei Fedder Heidelbeer jetzt sechs Grundschüler ein. Sie wollen zum Fußballtraining nach Achtrup. "Meine Mutter hat nicht so viel Zeit mich zu fahren, weil ich noch eine kleine Schwester habe", erzählt Piet Nicolai Friedrichsen. Acht mal am Tag tourt der Bürgerbus von Ladelund aus, und verbindet die Gemeinde mit Leck, Achtrup, Karlum, Bramstedtlund, Westre, und bald auch Süderlügum. 

Arbeitsgemeinschaft gegründet

Auch auf Fehmarn und in Malente gibt es einen Bürgerbus. Und in Kellighusen und Meldorf Initiativen, die einen anschaffen wollen. Am Sonnabend trafen sich alle Vereinsmitglieder in Meldorf auf dem Marktplatz. Sie gründeten die Arbeitsgemeinschaft "BürgerBusse in Schleswig-Holstein", wollen zusammen auf sich aufmerksam machen - und einen Forderungskatalog an die Landesregierung erstellen. "Wir wünschen uns, dass der Kauf und die Betriebskosten in Zukunft gesetzlich vom Land gefördert werden", sagt Heike Prechel.

In Ladelund ist der Bürgerbus zwar so gut angenommen worden, dass es hier ab Februar sogar noch einen zweiten Bus geben wird. Aber in fünf Jahren werden sie verschlissen sein, und ob es nochmal eine Förderung gibt, ist nicht sicher.

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Nachrichten für Schleswig-Holstein | 17.01.2015 | 09:00 Uhr