Stand: 10.02.2016 06:00 Uhr

Ausgepustet: Ära der Alcotest-Röhrchen zu Ende

von Hauke von Hallern

"Einmal kräftig pusten bitte" - Wer im Straßenverkehr zum Alkoholtest gebeten wird, bläst heute in ein digitales Messgerät. Der Vorgänger dieser Version ist der Prototyp aller Alkoholtests. Er wird von der Lübecker Firma Dräger vor allem für den Export produziert - seit 1953. Am Mittwoch lief die letzte Charge vom Band.

Chemikalie überführt betrunkene Autofahrer

Ein letztes Mal startet Dräger-Mitarbeiter Hauke Giertz die Maschine. Die fingerlangen Röhrchen laufen durch ein Fertigungskarussell. Die Maschine befüllt sie mit Schwefelsäure und einer körnigen gelben Chemikalie: Kaliumdichromat. "Sobald der Stoff mit Alkohol in Kontakt kommt, verfärbt er sich grün", erklärt Giertz. Bis in die 90er Jahre hinein überführte auch die deutsche Polizei auf diese Weise betrunkene Autofahrer. Wenn die grüne Verfärbung einen am Röhrchen angebrachten weißen Strich übersteigt, ist klar: Der Autofahrer hat den erlaubten Alkoholgrenzwert überschritten.

Erfindung war Schnapsidee

Erfunden wurden die Röhrchen Anfang der 50er Jahre nach einer Betriebsfeier. Dräger-Mitarbeiter stritten um die Frage, wer am meisten getrunken hatte. Daraus entstand die Idee der sogenannten "Alcotest-Röhrchen". Drei Jahre später kamen sie auf den Markt. Bis heute sind mehr als 30 Millionen von ihnen produziert worden.

Dräger-Konzern: Ein Global Player aus Lübeck

Das Unternehmen, gegründet 1889, bezeichnet sich heute als international führender Hersteller im Bereich der Medizin- und Sicherheitstechnik. Es hat seinen Stammsitz in Lübeck und beschäftigt nach eigenen Angaben weltweit rund 13.500 Mitarbeiter. Dräger-Produkte finden Anwendung in Kliniken, Industrie, Bergbau, bei der Feuerwehr und im Rettungsdienst.

Inzwischen sind die Glasröhrchen überholt. "Unsere neueren Geräte arbeiten mit modernen Sensoren. Sie liefern deutlich genauere Werte", sagt Hauke Giertz. Die alten Alcotests werden hauptsächlich nach Sri Lanka exportiert. Dort arbeiten die Behörden noch mit den Glasröhrchen. "Im Ausland ist die Nachfrage in den letzten Jahren insgesamt zurückgegangen. Deshalb wird die Produktion jetzt eingestellt", erklärt Firmensprecher Herbert Glass.

Die letzte Charge - Tschüss, Pusteröhrchen!

Wehmut bei Produktion der letzten Charge

Hauke Giertz überprüft die Röhrchen auf Sprünge im Glas. Bei der letzten Produktion kommt Wehmut auf. "Es war unser großes Prestigeprodukt", sagt Teamleiter Andreas Müller. In den kommenden Tagen wird die Maschine verschrottet. Die Ära der alten Pusteröhrchen ist damit zu Ende.

Weitere Informationen

Dräger: 200 Jobs fallen bis Ende 2016 weg

Die Technologie-Firma Dräger plant an ihrem Standort Lübeck einen Stellenabbau. Bis Ende kommenden Jahres sollen dort 200 Arbeitsplätze wegfallen - ausgenommen sind Produktion und Logistik. mehr

Von der Tüftlerwerkstatt zum Global-Player

Heinrich Dräger bastelt 1889 an einem Ventil für Bierautomaten. Mittlerweile führt sein Ururenkel einen Weltkonzern. Die Lübecker Technologie-Firma Dräger feierte am Donnerstag ihr 125-jähriges Bestehen. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Welle Nord | Guten Morgen Schleswig-Holstein | 10.02.2016 | 06:10 Uhr