Stand: 24.02.2015 12:41 Uhr  | Archiv

Arbeitgeber tricksen und täuschen beim Mindestlohn

von Mareike Burgschat & Esra Özer

Rund 35 Sekunden. Länger darf die Zustellung für einen Brief oder eine Zeitung nicht dauern. Zumindest seit er den Mindestlohn bekommt. Das hat sein Arbeitgeber so ausgerechnet. Und Jürgen Schlüns aus Witzwort weiß: Das ist nicht zu schaffen. Schließlich trägt er schon seit elf Jahren Briefe und Zeitungen aus. 6,50 Euro hat er bislang im Schnitt pro Stunde verdient. Er wurde pro Zeitung bezahlt.

Jürgen Schlüns trägt Zeitungen aus.

Arbeitgeber tricksen beim Mindestlohn

Panorama 3 -

Seit Januar gilt der Mindestlohn. Doch viele Arbeitgeber greifen tief in die Trickkiste, um weniger zu zahlen. Und so kommt der Mindestlohn nicht bei allen an - trotz Gesetz.

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Mindestlohn nur auf dem Papier

Seit Anfang des Jahres wird er nun nach Stunden bezahlt, denn er muss den Mindestlohn bekommen, 8,50 Euro in der Stunde. Doch ein Blick auf die erste Abrechnung des Jahres zeigt: Den Mindestlohn bekommt er nur auf dem Papier. "Ich habe es ausgerechnet. Im Januar habe ich 26,5 Stunden umsonst gearbeitet", so Schlüns. Denn nur mit dieser Mehrarbeit hat er die unrealistische Arbeitszeitvorgabe seines Arbeitgebers ausgleichen können. Nach den Berechnungen seiner Chefs hat Schlüns für seine Tour nur 52 Minuten Zeit. Damit bekommt er dann monatlich ungefähr so viel ausbezahlt, wie zuvor. Doch tatsächlich braucht er bis zu zwei Stunden. Lohnsteigerung durch Mindestlohn? Nicht bei ihm.

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Mareike Burgschat

Panorama 3

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Vom Mindestlohn - als eine zentrale Reform im Berliner Koalitionsvertrag verankert - profitieren laut Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) 3,7 Millionen Menschen. "Der Mindestlohn ist eine der größten Sozialreformen", so Nahles. Und er soll die Zahl derer verringern, die trotz Vollzeitarbeit auf Sozialleistungen angewiesen sind. Es müssen also nur noch die Arbeitgeber mitspielen.

Tiefer Griff in die Trickkiste

Einige von ihnen greifen offenbar tief in die Trickkiste. Mit dem Ergebnis, dass bei den Arbeitnehmern nicht 8,50 Euro die Stunde ankommen. Wie zum Beispiel im Taxigewerbe. Panorama 3 hat einen Taxifahrer auf seiner Schicht in Hamburg begleitet. Er möchte anonym bleiben - aus Angst, seinen Job zu verlieren. Seine Schicht dauert in der Regel zehn Stunden. Bislang wurde er nicht für zehn Stunden bezahlt, sondern am Umsatz beteiligt. Keine Kunden, keine Kohle.

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"Ich habe noch keinen Taxifahrer getroffen, der gesagt hat: Ich habe durch den Mindestlohn mehr", erzählt ein Taxifahrer.

Das müsste sich mit dem Mindestlohn ändern. Eigentlich. Geändert hat sich nur seine Lohnabrechnung. "Vorher war es egal, wie lange ich für meinen Lohn gearbeitet habe. Heute muss ich das so verpacken, dass ich da einen Stundenlohn von 8,50 Euro rausbekomme. So habe ich dann offiziell nur sechs Stunden gearbeitet, obwohl es in Wirklichkeit 12 waren Den Rest muss ich als Pause angeben."

Während er also auf Kunden wartet, soll er Pausen eintragen - so passt sein Umsatz dann wieder zum neuen Stundenlohn, auch wenn nichts los war. Nach dem neuen Mindestlohn-Gesetz ist das illegal. Doch im Taxigewerbe ist das offenbar üblich. "Ich habe noch keinen Taxifahrer getroffen, der gesagt hat: Ich habe durch den Mindestlohn mehr", erzählt er.

Weiterhin kein Mindestlohn

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Als Jürgen Schlüns seine Lohnabrechnung hinterfragte, wurde ihm prompt gekündigt.

Auch der Arbeitgeber von Brief- und Zeitungszusteller Jürgen Schlüns möchte offenbar weiterhin keinen Mindestlohn zahlen. Auf unsere Anfrage schreibt er, er sei "über mögliche Abweichungen zwischen errechneten Sollzeiten und tatsächlichen Istzeiten" mit den Mitarbeitern "im laufenden Austausch". Doch nachdem Schlüns seine Lohnabrechnung kritisch hinterfragte, wurde ihm prompt gekündigt. Nun will er gegen seinen Arbeitgeber vor das Arbeitsgericht ziehen. Gegen die Firma, die ihm letztes Jahr noch eine Urkunde verliehen hat. Zur zehnjährigen Firmenzugehörigkeit.

 

Dieses Thema im Programm:

Panorama 3 | 24.02.2015 | 21:15 Uhr