Stand: 25.02.2016 09:00 Uhr

Netz-Hetze: "Da kommt etwas, das ist groß und böse"

Die hasserfüllte Diskussion im Netz lässt selbst hauptberufliche Internet-Erklärer aus der Haut fahren: NDR.de sprach mit dem Blogger und Autor Sascha Lobo über Dummheit, Symbolpolitik und die dunkle Seite von Mark Zuckerberg.

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Sascha Lobo ist Blogger, Autor und Strategieberater und im Internet zuhause.

Herr Lobo, in einem "Hilferuf" bei Spiegel Online haben Sie Facebook als "Deppenmagnet" bezeichnet und gefordert: "Lasst uns nicht allein mit den stumpfen Horden!" Warum das?

Sascha Lobo: Ich habe mir Kommunikationsmuster in den sozialen Medien genau angeschaut, gerade im rechtspopulistischen Spektrum. Und da musste dieser Wutausbruch in Kolumnenform mal sein. Ich bin bei aller professionellen Beschäftigung mit diesen Sphären noch ein Mensch mit Gefühlen. Natürlich weiß ich, dass das als Wutausbruch eine Verkürzung darstellt. Es geht nicht nur darum, dass alle dumm sind - das habe ich auch gar nicht geschrieben. Sondern darum, dass eine spezielle Form von radikaler Vereinfachung besonders auf offene Ohren stößt bei Leuten, die Argumenten gegenüber nicht aufgeschlossen sind. Weil sie es nicht sein wollen - oder nicht sein können und auf wahnsinnig dämliche Weise andere Lebensentwürfe geringschätzen.

"Soziotope können umkippen"

Und die "zurechnungsfähigen Teile der Bevölkerung", wie Sie sagen, die Mitte, meldet sich online zu wenig zu Wort?

Lobo: Man kann soziale Medien als Soziotop betrachten. Soziotope könne umkippen - durch Netzwerkeffekte. Wenn man weiß, man geht ins Netz  und dann kommen wieder irgendwelche Pöbler, macht das etwas mit einem. Und es kann das tatsächlich sein, dass so viel hasserfüllte Kommunikation stattfindet, dass sie sich selbst verstärkt und es am Ende ein großes Geschrei ist. Dagegen wollte ich angehen und darum bitten, dass auch diejenigen, die "Arschgesicht" nicht für eine normale Anspracheform halten, sich häufiger im Netz äußern. Ob das jetzt Wirkung erzielt hat? Tendenziell nein, aber psychohygienisch als Wutausbruch hat es für mich selbst großartig funktioniert.

2014 haben Sie in einer ähnlichen Abrechnung die fehlende politische Wirkung der "Netzgemeinde" kritisiert. Werden Sie jetzt zum Untergangspropheten?

Lobo: Die leicht apokalyptische Herangehensweise - und das habe ich mir von Frank Schirrmacher abgeschaut - ist eine sehr viel aktivierendere als eine positive Botschaft. Natürlich darf man nicht übertreiben. Aber wir stehen vor einem massiven Problem: Wir sehen eine direkte Verknüpfung zwischen rassistischer Hetze in den sozialen Medien und dem dramatischen Anstieg von Anschlägen auf Flüchtlingsheime und Flüchtlinge. Dann nicht zu sagen "Das kriegen wir in den Griff", sondern "Da kommt etwas auf uns zu, das ist groß und böse und hat das Potenzial, die Gesellschaft massiv zu schädigen und einzelne Menschen ihres Lebens zu berauben", halte ich für legitim.

"Zuckerberg ist ein Genius mit einer dunklen Seite"

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Mark Zuckerberg und Facebook wurden in Deutschland für den Umgang mit Hass-Kommentaren scharf kritisiert. Was er in Berlin dazu sagen wird?

In den nächsten Tagen ist Facebook-Chef Mark Zuckerberg in Berlin. Er hält eine Fragestunde für die "Facebook-Community" ab. Haben Sie eine Frage eingereicht?

Lobo:  Nein, ich beobachte das lieber aus der Halbdistanz. Für mich ist die Person Mark Zuckerberg auch nicht so entscheidend. Er ist zwar der prägende Kopf, und ich halte ihn für eine Art Genius - natürlich auch mit einer dunklen Seite. Er erahnt sehr gut, was Menschen wollen, bevor sie es selbst wissen. Aber er ist doch nicht der einzige Mensch, der über die weitere Zukunft von Facebook und den Geschäftsmodellen dahinter entscheidet. Das ist eher eine gesellschaftliche und ökonomische Diskussion, die vom Verhalten der Vielen anhängt.

Facebook ist für seinen Umgang mit Hass-Kommentaren in Deutschland scharf kritisiert worden. Und jetzt ehrt der Axel Springer Verlag Zuckerberg in Berlin mit einem erstmals verliehenen Preis - als innovativen Unternehmer, der sich sozialer Verantwortung stelle. Was sagen Sie dazu?

Lobo: Das ist mir egal. Ich lehne das Unternehmen Axel Springer grundsätzlich und aus vollem Herzen ab. Die Leute da können von mir aus bleiben, wo sie sind. Ich möchte bloß aus wiederum psychohygienischen Gründen nichts damit zu tun haben.

Sollte die Bundesregierung  die Gelegenheit für ein Gespräch mit Zuckerberg nutzen?

Lobo: Ich kann nur schwer beurteilen, ob ein direktes Gespräch beispielsweise Sigmar Gabriel mit Mark Zuckerberg irgendeine fruchtbare Folge haben könnte. Aber es ist sehr häufig so, dass man symbolische Politik dort macht, wo tatsächliche Regulierung und Gestaltung so schwierig ist, dass man sich herumdrücken möchte. Egal, wie man zu Facebook steht: Die richtige Regulierung von dem, was dort gerade passiert, ist extrem schwer. Die meisten einfachen Lösungen sind entweder falsch, ungerecht oder dumm. Oder alles drei.

Das Interview führte Fiete Stegers, NDR.de.

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