Stand: 08.07.2015 15:23 Uhr

Sandsturm-Prozess: Autofahrerin mit Teilschuld

Einer 53-jährigen Autofahrerin ist eine Teilschuld an der verheerenden Massenkarambolage in einem Sandsturm vor vier Jahren auf der A 19 bei Rostock angelastet worden. Das Amtsgericht der Hansestadt verwarnte die Frau am Mittwoch wegen fahrlässiger Tötung als Nebentäterin und setzte eine Geldstrafe in Höhe von 9.000 Euro zur Bewährung aus. Sollte sich die Brandenburgerin innerhalb eines Jahres nicht erneut strafbar machen, muss sie nicht zahlen. Laut der Urteilsbegründung hat sich die 53-Jährige der fahrlässigen Tötung in zwei Fällen strafbar gemacht. Damit blieb das Gericht jedoch deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die eine neunmonatige Haftstrafe auf Bewährung gefordert hatte.

Unfallzeichnung

Urteil im Sandsturmprozess

Nordmagazin -

Einer Autofahrerin ist eine Teilschuld an der Massenkarambolage in einem Sandsturm auf der A 19 im April 2011 angelastet worden. Sie wurde verwarnt.

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Auf Kleinwagen aufgefahren

Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die Beschuldigte bei dem Massenunfall am 8. April 2011 nahe Kavelstorf (Landkreis Rostock) mit rund 80 km/h in die Sandwolke hineingefahren war. Das Gericht schloss sich den Gutachtern an, dass die riesige Staubwolke bereits aus mindestens 650 Metern Entfernung vor der Unfallstelle zu sehen war. Die Autofahrerin hätte entsprechend reagieren und die Geschwindigkeit drosseln müssen. Die Beschuldigte hatte einen vor ihr fahrenden Kleinwagen gerammt. In dem Wagen verbrannten ein 60-jähriger Mann und eine 45-jährige Frau aus Neuruppin, als Feuer an der Unfallstelle ausbrach. Ohne den ersten Unfall durch die Angeklagte wären auch die weiteren Opfer nicht in die letztlich tödliche Situation gekommen, urteilte der Richter. Das Gericht verwies darauf, dass die Angeklagte in dem langen Verfahren zur Aufklärung beigetragen habe, obwohl sie sich anfangs nicht schuldig fühlte.

Gericht: Zuvor nicht bekanntes Wetterphänomen auf Autobahnen

Strafmildernd wurde berücksichtigt, dass es sich bei dem Sandsturm um ein zuvor nicht bekanntes Wetterphänomen auf der Autobahn handelte und dass die 53-Jährige nicht die alleinige Verursacherin ist. "Sie war am Anfang einer Kausalkette", so der Richter. Die Frau, die zusammen mit fünf Freundinnen in einem Transporter zu einem Ausflug nach Warnemünde unterwegs war, zog sich bei dem Unfall schwere Verletzungen zu, als sie nach dem Aussteigen von einem Lkw erfasst wurde.

Sie leide noch heute massiv unter den physischen und psychischen Folgen, sagte der Richter. Angesichts des dramatischen Unfallgeschehens und der Schwere der Verletzungen sei es ein Wunder, dass sie noch Erinnerung an den Unfall habe. "Es ist gerade zu tragisch, dass sie diese Erinnerung hat, denn diese wird sie ein Leben lang mit sich tragen müssen."

Beschuldigte: Verwarnung ist annehmbar

Zu dem Prozess war es gekommen, weil die Beschuldigte einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft nicht akzeptierte. "Ich hätte mir vielleicht ein anderes Urteil gewünscht, aber eine Verwarnung ist vielleicht auch annehmbar, ja", sagte die Frau nach dem Urteil unter Tränen. Auch die Verteidigung sprach von einer positiven Urteilsbegründung, in der strafmildernde Umstände berücksichtigt worden seien. "Wesentliche Säulen der Anklageschrift, wonach die Angeklagte sehenden Auges, ungebremst in eine Sandwolke hineingefahren sei und dort unmittelbar und allein den Tod der Eheleute verursacht haben soll, das hat sich im Ergebnis der Hauptverhandlung als unzutreffend herausgestellt", sagte der Anwalt der Frau. Beide wollen - wie auch die Staatsanwaltschaft - prüfen, ob sie Berufung einlegen oder Revision beantragen. Die Staatsanwaltschaft sah sich durch das Urteil bestätigt. Das Gericht sei nur wegen der Würdigung der besonderen Umstände des Falles zu einer milderen Strafe gekommen, hieß es.

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Wann war die Sandwolke zu sehen?

In dem Verfahren ging es insbesondere um die Frage, wann der Sandsturm über der Autobahn zu sehen gewesen war. Gutachter erklärten im Prozess, dass die Sandwolke bereits aus mindestens 650 Metern Entfernung erkennbar gewesen sei. Die angeklagte Autofahrerin hatte das bestritten. Sie gab an, die Wolke sei urplötzlich aufgetaucht. Die Verteidigung sprach von einem völlig neuartigen Naturphänomen auf Autobahnen. Die Sichtverhältnisse darin seien unterschiedlich und in der massiven Form für die Frau vorher nicht abschätzbar gewesen, so der Anwalt der Frau, der auf Freispruch plädiert hatte. Gutachtern zufolge war das getötete Ehepaar mit 25 bis 30 km/h unterwegs.

Acht Menschen starben bei der Massenkarambolage

Insgesamt kamen bei dem katastrophalen Unfall am 8. April 2011 acht Menschen ums Leben, rund 130 wurden verletzt. 85 Fahrzeuge waren in die Karambolage verwickelt. An jenem Tag hatten Böen mit bis zu Windstärke 8 nach wochenlanger Trockenheit Sand von einem Feld aufgewirbelt und zu Sichtbehinderungen auf der Autobahn geführt. Umweltschützer fordern seitdem, für sämtliche erosionsgefährdeten Flächen ein Feldhecken-Programm aufzulegen. Ende August ist ein weiterer Prozess im Zuge der Massenkarambolage auf der A19 angesetzt: Ein Lastwagenfahrer wird sich für den Tod eines Menschen verantworten müssen.

Agrarministerium: Überwachung von gefährdeten Flächen

Wie das Agrarministerium am Mittwoch mitteilte, werden als Konsequenz gefährdete Straßenabschnitte in Mecklenburg-Vorpommern seitdem überwacht und gegebenenfalls abgesichert. Sandstürme werden in einem speziellen Kataster erfasst. Landwirte, deren Felder von Erosion betroffen sei, bietet das Ministerium eine Beratung an.

Die von Umweltschutzorganisationen geforderte Anpflanzung von Hecken bildete nur einen Teil der möglichen Maßnahmen. Allerdings seien Hecken aus Laubsträuchern im Frühjahr, also zur Zeit der höchsten Verwehungsgefährdung, noch sehr durchlässig und böten allein keinen hinreichenden Schutz. Daher sollten auch dauergrüne Anpflanzungen integriert werden, hieß es.

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 08.07.2015 | 12:00 Uhr