Stand: 26.08.2017 16:26 Uhr

Lichtenhagen-Gedenken endet vor Sonnenblumenhaus

Bild vergrößern
Am Rande der Veranstaltung vor dem Sonnenblumenhaus kamen Zeitzeugen von damals mit Anwohnern ins Gespräch.

Mit einem "Tag der Vielfalt" ist in Rostock die Gedenkwoche anlässlich der rassistischen Ausschreitungen im Stadtteil Lichtenhagen vor 25 Jahren zu Ende gegangen. Vor dem Sonnenblumenhaus wurde die letzte der fünf Gedenkstelen des Rostocker Künstlerkollektivs "Schaum" mit dem Titel "Selbstjustiz" enthüllt. Musik, Filmvorführungen und Diskussionsforen rundeten die Veranstaltung ab.

Vietnamesische Zeitzeugen enthüllen Mahnmal

Das Mahnmal wurde von vietnamesischen Zeitzeugen eingeweiht, die zu DDR-Zeiten als Vertragsarbeiter nach Rostock gekommen waren - vor genau jenem Haus, in dem sie vor 25 Jahren für mehrere Stunden eingeschlossen waren, während draußen Hunderte Menschen - darunter Anwohner und Neonazis - "Ausländer raus" skandierten und Brandsätze gegen das Haus warfen. Eine Vertreterin des vietnamesischen Vereins Dien Hong in Rostock sagte: "Wir sind trotz der Ereignisse hier geblieben. Diese Entscheidung haben wir nicht bereut." Die Vergangenheit könne nicht mehr geändert werden, die Zukunft liege jedoch in den Händen aller.

Radfahrer passieren eine Gedenkstele in Rostock

25 Jahre Lichtenhagen: Gedenken in Rostock

Nordmagazin -

Die schweren ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren sind Anlass für eine Gedenkwoche. Mahnmale erinnern an die Ereignisse von 1992.

bei Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Kritik an Gedenkkultur: Mehr an Opfern orientieren

Es habe sich seit den Vorkommnissen vom August 1992 vieles zum Positiven geändert, aber eine latente Ablehnung gegenüber Fremden begegne ihm noch immer beinahe täglich, sagte ein weiterer vietnamesischer Zeitzeuge, der heute einen Stadtteil von Lichtenhagen entfernt lebt. Mit Ibrahim Arslan nahm auch ein Überlebender des Brandanschlags in Mölln im November 1992 an der Feier teil. In seiner Rede zog Arslan eine Linie von den rassistischen Anschlägen der frühen 1990er-Jahre in Deutschland bis zur Mordserie der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), der auch der Mord an Mehmet Turgut in Rostock 2004 zur Last gelegt wird. Die Erinnerung an rassistische Gewalttaten orientiere sich zu oft an den Tätern und zu wenig an den Opfern, kritisierte Arslan. Dies sei "beschämend und respektlos".

Bild vergrößern
Das neue Mahnmal trägt den Titel "Selbstjustiz".
Fünf Stelen beklagen das Versagen

Seit Dienstag war an jedem Tag jeweils eine Gedenkstele an unterschiedlichen Orten in der Stadt enthüllt worden. Die Kunstobjekte thematisieren das Versagen von Medien, Politik, Polizei, Gesellschaft und sollen die Rostocker zu einem friedlichen Zusammenleben animieren. Eine Fahrraddemo mit rund 70 Teilnehmern führte am Vormittag entlang der Standorte der fünf Gedenkstelen bis zum Sonnenblumenhaus. "Wir geben mit der Fahrradtour allen, die in der Woche nicht an den Einweihungen der Stelen teilnehmen konnten, die Gelegenheit, die Kunstwerke auf sich wirken zu lassen", sagte Organisatorin Annette Niemeyer zu NDR 1 Radio MV.

Videos
03:05

Lichtenhagen: Stele "Staatsgewalt" eingeweiht

25.08.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin

Innenminister Caffier hat im Rahmen der Gedenkwoche an Lichtenhagen vor 25 Jahren ein Mahnmal mit dem Titel "Staatsgewalt" eingeweiht. Es soll die Rolle der Polizei thematisieren. Video (03:05 min)

Am Freitag hatte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier (CDU) vor der Polizeiinspektion Rostock das Mahnmal mit dem Titel "Staatsgewalt" eingeweiht. Die Stele soll an die Rolle der Polizei während der Krawalle erinnern. Die Einsatzkräfte waren vor dem Höhepunkt der Ausschreitungen am 24. August 1992 abgezogen worden.

Caffier: Rechtsstaat im Zweifel mit Schlagstock und Wasserwerfer

Die Ereignisse seien "eine Schande für Mecklenburg-Vorpommern" gewesen, sagte Caffier. Auch im Jahr 2017 müsse die Gesellschaft gegenüber Rassismus wachsam sein. So etwas wie Lichtenhagen dürfe sich ein Rechtsstaat nicht bieten lassen. Das müsse die Polizei im Zweifel auch "mit Schlagstock und Wasserwerfer" durchsetzen. Polizeipräsident Thomas Laum sagte, die Polizei habe versagt. Dafür empfinde er noch immer Scham und werde die Gesichter der Bedrohten nie vergessen. Den Standort der Stele vor dem Polizeigebäude nannte er "folgerichtig".

Proteste gegen "Abschiebeminister" Caffier

Bild vergrößern
Begleitet von Protesten weihte Innenminister Caffier am Freitag in Rostock die vierte Gedenkstele ein.

Rund 20 Menschen aus dem linken Spektrum setzten sich während der Reden Caffiers und Laums auf den Boden und bezeichneten Caffier als "Abschiebeminister". Auf einem Transparent forderten sie einen Abschiebestopp und ein Bleiberecht für Flüchtlinge. Unterdessen hatten Unbekannte zwei erst Anfang der Woche am Rathaus und vor dem Gebäude der "Ostsee-Zeitung" eingeweihte Gedenkstelen mit Farbschmierereien verunstaltet.

Schwesig: Alles dafür tun, dass sich soetwas nicht wiederholt

Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) hatte auf der zentralen Gedenkveranstaltung am Dienstag gesagt, dass es an den Vorfällen im August 1992 nichts zu beschönigen gebe. "Wir wollen alles dafür tun, dass sich Ereignisse, wie wir sie im August 1992 erlebt haben, in Deutschland nie wieder wiederholen."

Kommentar

Zusammenbruch der Zivilgesellschaft

Das brennende Hochhaus, grölende Leute draußen, verängstigte Menschen drinnen - Rostock-Lichtenhagen steht auch heute für den Zusammenbruch der Zivilgesellschaft. Ein Kommentar von Jürgen Hingst. mehr

Weitere Informationen
02:20

Archiv erinnert an Pogrome in Lichtenhagen

21.08.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin

Das Rostocker Archiv "Lichtenhagen im Gedächtnis" hat es sich zur Aufgabe gemacht, an die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Lichtenhagen von 1992 zu erinnern. Video (02:20 min)

06:36

"Das ist ein Schatten in meinem Leben"

20.08.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin

Rainer Hagen war vor 25 Jahren Leiter der Zentralen Aufnahmestelle für Asylbewerber in Rostock-Lichtenhagen. Die vier Tage der Ausschreitungen im August 1992 wird er nie vergessen. Video (06:36 min)

Vor 25 Jahren: Ausschreitungen in Lichtenhagen

Vor 25 Jahren, am 22. August 1992 begannen die ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen. Die Bilder des brennenden Sonnenblumenhauses gingen um die Welt. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | 26.08.2017 | 16:00 Uhr

Chronologie der Krawalle in Rostock-Lichtenhagen

Vier Tage dauern die Übergriffe an - was geschah wann? Eine Chronik der Ereignisse im August 1992. mehr

Die rechte Szene in Norddeutschland - Was tun?

NSU, NPD, Pegida - wir haben die rechte Szene im Norden im Blick, analysieren Strukturen und geben Tipps, was Sie gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit tun können. mehr

Mehr Nachrichten aus Mecklenburg-Vorpommern

00:47

Landtag bespricht Gesetz zum Finanzausgleich

18.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
02:27

Glawe gibt Krankenhäusern Bestandsgarantie

18.10.2017 19:30 Uhr
Nordmagazin
00:48

Demonstration zum Namensstreit an Uni Greifswald

18.10.2017 19:30 Uhr
NDR Fernsehen