Stand: 20.06.2015 11:46 Uhr

Neue Glocken für den Hamburger Michel

von Daniel Kaiser
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Stundenlang erhitzt ein Ofen die Bronze auf 1.100 Grad. In der Halle ist es heiß und es herrscht ein ohrenbetäubender Lärm.

Der Hamburger Michel bekommt zwei neue Friedensglocken. Sie sollen die ersetzen, die im 1. Weltkrieg für Waffen und Munition eingeschmolzen wurden. Jetzt wurden die Glocken am Freitag in dem kleinen hessischen Ort Sinn in einer feierlichen Zeremonie gegossen.

Was für eine Hitze. Was für ein Lärm. Eine große Flamme sticht aus dem Ofen in der kleinen Glockengießerwerkstatt. Die Bronze wird darin auf 1.100 Grad erhitzt. Die Handwerker, kräftige Kerle mit ruß- und schweißverschmierten Gesichtern, rühren die glühende Masse mit einem mächtigen Baumstamm um.

Mit Kraft und Pathos

Dann wird es plötzlich ganz still. Der Hauptpastor des Hamburger Michels Alexander Röder spricht ein Gebet. Man spürt: Das hier ist mehr als nur Handwerk. Es ist ein uraltes, christliches Ritual. Denn Glocken werden traditionell nur an Freitagnachmittagen gegossen, in der Todesstunde Jesu Christi.

Glockengießerei: In Hessen wurden die neuen Glocken für den Hamburger Michel.

Hamburger Michel bekommt neue Glocken

Hamburg Journal -

Neuer Klang für den alten Michel: Für das Wahrzeichen Hamburgs wurden in einer Werkstatt in Hessen zwei neue Glocken gegossen - ganz nach alter Tradition.

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Der Glockengießermeister Fritz Georg Rincker hütet seit 14 Generationen alle Zahlen, Maße und Gewichte als Familiengeheimnis: "Wir brauchen sechs Wochen zum Herstellen einer Form, weil wir sie gießen wie vor 1.000 Jahren." Er setzt seinen Helm auf, nickt der Mannschaft zu und sagt mit ein bisschen Pathos: "So lasst uns nun im Namen Gottes gießen."

"Ein Blick ins Innerste der Erde"

Ein Ventil öffnet sich. Die Bronze ergießt sich wie Lava in die Grube. Sie fließt in die Glockenformen unter der Erde. Es blubbert, zischt und faucht. Die Männer schaufeln die Lava gleichmäßig hin und her. Michael Kutz von der Stiftung St. Michaelis, die in kurzer Zeit 250.000 Euro für die Glocken gesammelt hat, ist mit einer Gruppe extra aus Hamburg angereist. Ein Schweißfilm glänzt auf seiner Stirn. "Es war, als würde man in das Innerste der Erde schauen und einer Sache beiwohnen, die man gar nicht mit den Sinnen erfassen kann", sagt er beeindruckt. "Es war tierisch heiß, und es herrschte Totenstille. So etwas habe ich bisher noch nicht erlebt."

Glockengießer wie Stewardessen

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Die Bronze fließt in die Glockenformen unter der Erde.

Die flüssige Bronze blubbert und dampft. Manchmal gibt es auch einen dumpfen Knall. Die Zuschauer in der Werkstatt zucken nervös zusammen. Fritz-Georg Rincker beruhigt die Gäste mit kurzem Nicken. Es sei wie im Flugzeug bei Turbulenzen. "Immer auf die Stewardessen schauen", lächelt Rincker später. "Wenn die, wie wir jetzt, ruhig bleiben, ist alles in Ordnung."

Mit den Füßen hören

Die Handwerker sehen nicht, wann die Glocke fertig ist. Aber sie spüren es mit den Füßen auf dem Boden. Die Männer sprechen kurz, leise und konzentriert miteinander. Nach etwa zehn Minuten steigt Rincker mit seinen Männern aus der Grube. "Es ist gut gegangen!" Der Guss ist gelungen. Die Menschen in der kleinen Halle stimmen einen Choral an: "Großer Gott, wir loben Dich!" Der Glockengießer wischt sich den Schweiß aus dem Gesicht. Er sieht erschöpft aus. Aber glücklich. Er ist einer der letzten Glockengießer Deutschlands. Man spürt die Leidenschaft und so etwas wie einen heiligen Ernst, mit dem er seine Kunst betreibt.

Spannung vor der Ton-Probe

In der Glockengrube dampft es friedlich. Jetzt müssen sie erst einmal abkühlen. Am Montag werden die Glocken ausgegraben. "Wenn sie dann zum ersten Mal angeschlagen wird, ist das der spannendste Moment, weil wir dann hören, ob der Ton auch getroffen ist", erklärt Rincker. Wenn alles gut geht, kommen die Glocken Mitte September nach Hamburg und werden dort am 27. September mit einem großen Fest geweiht.

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Hamburgs Wahrzeichen - der Michel

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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 19.06.2015 | 19:00 Uhr