Stand: 24.07.2017 12:11 Uhr

Geld für neue Antibiotika dringend nötig

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Werner Lanthaler ist Chef eines Hamburger Unternehmens, eines von wenigen weltweit, die an neuen Antibiotika forschen.

"Es ist eines dieser Probleme, von dem wir vor 20 oder 30 Jahren geglaubt haben, es sei gelöst", sagt Werner Lanthaler. Er ist der Chef von Evotec, einem mittelständischen Biotechnologie-Unternehmen in Hamburg. Das Problem, von dem er spricht, ist aktueller denn je: Infektionskrankheiten, ausgelöst durch Bakterien. Gegen sie gab es eine Wunderwaffe: Antibiotika. Doch diese Waffe ist stumpf geworden. Die Bakterien haben gelernt, sich zu wehren. Immer mehr von ihnen sind resistent geworden gegen eine Vielzahl von Antibiotika.

Angst vor Tripper kehrt zurück

Die Folge: Menschen sterben an Infektionen - auch an solchen, die lange Zeit als besiegt galten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt derzeit davor, dass möglicherweise schon bald der gefürchtete Tripper, die Geschlechtskrankheit Gonorrhoe, nicht mehr behandelbar sein wird. Auch kleine, entzündete Wunden können schnell lebensbedrohlich werden, wenn die Medikamente nicht anschlagen. Ohne wirksame Antibiotika gerät sogar die gesamte moderne Medizin in Gefahr. Denn Operationen, Organtransplantationen oder Krebsbehandlungen sind kaum möglich, wenn etwaige Infektionen nicht behandelt werden können.

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Antibiotika-Resistenzen - die globale Gefahr

Antibiotika gelten als Wunderwaffe der Medizin. Doch sie wird stumpf - wegen zunehmender Resistenzen. Die Vereinten Nationen sprechen von der "größten globalen Gefahr". mehr

Dringend benötigt werden also neue Waffen, neue Medikamente. Lanthalers Unternehmen Evotec forscht an solchen Mitteln. Es ist eine von sehr wenigen Firmen weltweit, die auf Antibiotika setzen. Die meisten großen Pharma-Unternehmen haben sich fast komplett aus diesem Bereich zurückgezogen."Für Unternehmen ist dieser Bereich nicht so attraktiv wie andere Felder", sagt Lanthaler.

Antibiotika sind Billigware

Das Problem der Antibiotika: Sie sind lebenswichtige Wundermittel und Billigware zugleich. Mit ihnen lässt sich kaum Geld verdienen. Die meisten Antibiotika sind bereits seit Jahrzehnten auf dem Markt, unterliegen also keinem Patentschutz mehr. Die Preise für eine Tagesdosis liegen oft im Cent-Bereich. Viele der Medikamente werden in Niedriglohnländern produziert - unter teils katastrophalen Bedingungen.

Und auch die Entwicklung neuer Antibiotika rechnet sich kaum. Das Grundproblem dabei: Neue Wirkstoffe sollten so wenig wie möglich eingesetzt werden, damit die Bakterien nicht schnell auch Abwehrmechanismen gegen diese Mittel entwickeln. Denn die Erreger sind ausgesprochen anpassungsfähig. Sie entwickeln immer wieder neue Resistenzen, um sich gegen Angreifer zu wehren. Und dieser evolutionäre Anpassungsprozess verläuft enorm schnell - teils innerhalb weniger Stunden. Denn Bakterien vermehren sich rasant, viele von ihnen teilen und verdoppeln sich etwa alle 20 Minuten.

Entwicklung neuer Medikamente dauert lang

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Teuer und aufwendig ist die Entwicklung neuer Medikamente.

Die Erforschung und Entwicklung eines neuen Antibiotikums dauert dagegen ewig. Die Pharmakonzerne rechnen nach eigenen Angaben mit einer Entwicklungszeit von 10 bis 15 Jahren und Kosten von rund einer Milliarde Euro pro Medikament. "Niemand sollte die Illusion haben, dass es darunter möglich ist", sagt auch Werner Lanthaler von Evotec.

Ein weiteres Problem aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Patienten bekommen Antibiotika in der Regel nur ein, zwei Wochen lang - im Gegensatz zu anderen Medikamenten etwa gegen Krebs oder chronische Erkrankungen wie Diabetes.

Antibiotika sind höchst unattraktiv

Um Geld zu verdienen, kann man sich also kaum ein unattraktiveres Produkt vorstellen: Ein Mittel, das enorme Investitionen erfordert, bestenfalls überhaupt nicht eingesetzt wird - und das im Idealfall noch möglichst günstig sein sollte, damit auch Menschen in ärmeren Regionen der Welt, wo die Infektionskrankheiten besonders verbreitet sind, behandelt werden können. Die Folge: In den vergangenen 30 Jahren sind kaum neue Antibiotika auf den Markt gekommen. Nötig wäre aber nach Ansicht von Experten wohl etwa ein Mittel jährlich, um die gefährlichen Bakterien dauerhaft wirksam bekämpfen zu können.

G20 beschließen globale Forschungsinitiative

Über dieses Problem haben auch die Staats- und Regierungschefs der G20-Länder bei ihrem Treffen in Hamburg beraten - und einige Beschlüsse gefasst, die auch von Nicht-Regierungsorganisationen positiv bewertet werden. Die Staaten wollen sich unter anderen künftig stärker für die Erforschung und Entwicklung neuer Antibiotika engagieren. Eine neue, globale Forschungsinitiative gegen antimikrobielle Resistenzen wurde beschlossen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung kündigte bereits an, diese Initiative in den nächsten zehn Jahren mit bis zu 500 Millionen Euro zu unterstützen. Im Herbst soll sie starten.

Zudem - so heißt es im Beschluss der G20 - sollen "Möglichkeiten für Marktanreize geprüft werden, um die Forschung und Entwicklung neuer Therapiemöglichkeiten voranzubringen". Wie das funktionieren könnte, zeigt ein Gutachten, das das Bundesgesundheitsministerium im Vorfeld des Gipfels in Auftrag gegeben hat. Die Unternehmensberater der Boston Consulting Group haben ein Konzept für neue Anreize in diesem Bereich entwickelt. Sie schlagen unter anderem vor, die Grundlagenforschung und die klinische Entwicklung von Wirkstoffen jeweils mit etwa 200 Millionen Dollar pro Jahr zu fördern.

Hand am Tropf

Antibiotikaresistenzen sind Thema bei G20-Gipfel

Hamburg Journal -

Beim G20-Gipfel soll auch über die Bekämpfung von Infektionskrankheiten und Antibiotikaresistenzen gesprochen werden. Besonders im Fokus steht die Rolle der Pharmafirmen.

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Milliarden-Bonus für neue Antibiotika?

Außerdem sollte den Pharma-Konzernen eine Prämie in Aussicht gestellt werden: Eine Milliarde Dollar für jedes innovative Antibiotikum. Das reiche aus, um die Mittel unternehmerisch wieder attraktiv zu machen, sagen die Berater. Politisch könnte dieser Vorschlag allerdings schwer vermittelbar sein - milliardenschwere Bonuszahlungen für die Pharma-Riesen dieser Welt, finanziert aus Steuergeldern?

Kritik von Nicht-Regierungsorganisation

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Was bietet G20 zu Antibiotika-Resistenzen?

Die BUKO Pharma-Kampagne bewertet die Abschluss-Erklärung der G20 zum Thema Antibiotika-Resistenzen grundlegend positiv. Sie kritisiert aber eine mögliche Industriesubvention. extern

Der Kieler Chemiker Christian Wagner-Ahlfs hält nichts von dieser Idee. Er arbeitet für die "Buko Pharmakampagne", einer Organisation, die unabhängige Informationen im Gesundheitsbereich liefern möchte. Seine Kritik an dem vorgeschlagenen Modell: "Eventuelle Risiken werden vergesellschaftet, während die Gewinne privatisiert, also anschließend bei den Unternehmen liegen sollen." Er setzt sich für eine andere Lösung ein: Über einen globalen Fonds soll die Forschung gemeinsam getragen werden. Die Pharma-Unternehmen würden dann beauftragt, bestimmte, besonders benötigte Wirkstoffe weiterzuentwickeln. Schließlich kämen die neuen Antibiotika ohne Patentschutz auf den Markt, um so für alle Menschen weltweit günstig produziert werden zu können.

Kommen die neuen Anreize schnell genug?

Bei der zentralen Frage stimmt Wagner-Ahlfs allerdings mit den Unternehmensberatern der Boston Consulting Group überein. Das jetzige Modell funktioniert nicht. "Wir brauchen also unbedingt neue Anreize, damit neue Antibiotika entwickelt werden", so Wagner-Ahlfs.

Dass diese kommen, darauf setzt Werner Lanthaler von Evotec. Für ihn ist es letztlich egal, wie die Forschung an den Mitteln finanziert wird - ob über Prämien-Zahlungen oder Forschungsförderung. Es sei auf jeden Fall gut und wichtig, dass das Problem der fehlenden Antibiotika wieder in den Fokus gelange. "Da passiert etwas", sagt Lanthaler. "Ob es schnell genug passiert, wage ich jedoch zu bezweifeln."

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Wenn Antibiotika nicht mehr wirken

Dass die G20 sich mit Gesundheitsfragen beschäftigen, ist ungewöhnlich. Doch die zunehmenden Resistenzen gegen Antibiotika sind alarmierend. Mehr bei tagesschau.de. extern

Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 03.07.2017 | 19:30 Uhr

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