Stand: 08.03.2016 00:00 Uhr

Alleinerziehend: Frauen balancieren am Abgrund

von Judith Pape, NDR.de
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Seit vier Jahren ist die medizinische Psychotherapeutin Alexandra Widmer alleinerziehend. Über die Herausforderungen bloggt sie.

Schwer, müde, schwarz, so fühlt sich dieser Tag an, obwohl er doch gerade erst begonnen hat. Alexandra Widmer stoppt das Läuten des Weckers und schlägt die Decke zurück, doch sie fühlt sich wie ans Bett gefesselt: "Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr", hämmert es in ihrem Kopf. Dabei muss sie doch: die starke, aufmerksame Mutter für ihre zwei Töchter sein, die ruhige, besonnene Psychotherapeutin für ihre Patienten, die verantwortungsvolle Allein-Managerin ihrer Familie und nicht zuletzt die Energiequelle für sich selbst.

Funktionieren bis zur Erschöpfung

Aber an diesem Morgen vor drei Jahren erkennt sie, dass es nicht mehr geht. Zwölf Monate zuvor hatte sich ihr Mann von ihr getrennt. Hartnäckig versucht sie in der Zeit, den Status Quo zu wahren, ihre Wohnung in Hamburg-Stellingen zu halten, in der Praxis zu funktionieren und für ihre Töchter da zu sein. Sie will funktionieren und verausgabt sich komplett.

2,7 Millionen Alleinerziehende gibt es in Deutschland. 90 Prozent von ihnen sind Frauen. Sie alle balancieren so oder so ähnlich täglich am Abgrund. Laut einer Studie des Berliner Robert-Koch-Instituts ist das Risiko an Depression zu erkranken für Alleinerziehende signifikant erhöht. Im Vergleich zur klassischen Familie ist es doppelt so hoch. "Die Trauer, Wut, Schuldgefühle, der Druck - das alles haut dich um", sagt Alexandra Widmer.

"Ich kann das nicht alleine schaffen"

Heute, vier Jahre nach der Trennung, hat sie ihren Weg gefunden. In der Praxis konnte sie die Stunden reduzieren, ein Zimmer in der Wohnung vermietet sie unter, alle zwei Wochen verbringen die fünf und sieben Jahre alten Mädchen ein Wochenende bei ihrem Vater. Und sie hat gelernt, sich einzugestehen: "Ich kann das nicht alleine schaffen." Großeltern gibt es nicht, stattdessen hat die Mutter sich selbst ein Netzwerk geschaffen. Auf ihrem Blog starkundalleinerziehend.de schreibt sie über ihr Leben als Alleinerziehende, tauscht sich mit den anderen Eltern aus und gibt Rat. Genau das hatte ihr unmittelbar nach der Trennung gefehlt: "Es gab online sehr viele Tipps zu rechtlichen und sozialen Themen. Aber was ich nicht fand, war einen Ort, wo man sich ausreichend emotional unterstützt." Als Medizinerin hat sich die 39-Jährige dabei auf das Thema Gesundheit spezialisiert. Ihr Motto: "Nur wenn es der Mutter gut geht, geht es auch den Kindern gut."

Politik lässt Alleinerziehende im Stich

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90 Prozent aller Alleinerziehenden in Deutschland sind Frauen. (Themenbild)

Und doch kennt sie die Momente der kompletten Überforderung immer noch. Vor dem Gespräch für diesen Artikel muss sie eine Leih-Oma organisieren. Seit über einer Woche ist ihre Tochter krank. Eine Situation, die Alleinerziehende insbesondere bei ihrem Arbeitgeber immer wieder in größte Schwierigkeiten bringt. Zumal die Politik diesen Teil der Eltern im Stich lässt. Nach wie vor fehlt es oftmals an ganztägigen Betreuungsangeboten. Nur mit denen können Alleinerziehende verlässlich ihrem Beruf nachgehen, der ihr finanzielles Überleben sichert.

Für kaum eine Gruppe der Bevölkerung ist das Armutsrisiko so groß wie für sie. Das hat gerade erst der aktuelle Armutsbericht wieder belegt. Vier von zehn Alleinerziehenden in Deutschland leben mit ihren Kindern an der Armutsgrenze. Sie müssen mit dem auskommen, was der Staat als Minimum errechnet hat: 937 Euro plus Mietkosten zum Beispiel für eine Erwachsene und zwei kleine Kinder. Ein gutes Drittel der Leistungsempfänger hat zwar Arbeit, braucht aber zusätzlich Geld vom Staat, um wenigstens auf Hartz-IV-Niveau zu kommen.

Widmers Tipps für alleinerziehende Mütter

  • Tipp 1

    Ab Tag 1 nach der Trennung ist deine psychische und folglich auch körperliche Gesundheit dein höchstes und wichtiges Gut!

  • Tipp 2

    Stark ist es, in dieser herausfordernden Lebensphase um Hilfe zu bitten. Hab den Mut und bleib dran!

  • Tipp 3

    Nimm dich mit deinen Gefühlen ernst und lerne einen guten Umgang mit ihnen. Denn nur so sparst du eine Menge an Energie.

  • Tipp 4

    Lobe dich täglich! Weil es sonst keiner tut. Du bist eine tolle Frau und Mutter. Sei stolz auf dich und dein Kind.

  • Tipp 5

    Mach deinen Wert als Frau und Mutter niemals von deinem Beziehungsstatus abhängig.

  • Tipp 6

    Verabschiede dich von Familie 1.0. Familie ist da, wo Kinder sind und Liebe ist.

  • Tipp 7

    Führe gute Selbstgespräche. Die äußeren Bedingungen sind schon sehr ungerecht. Sei zu dir gerecht und wertschätze dich.

  • Tipp 8

    Mach dein Freundeskreis zu deinem Energiekreis. Verabschiede dich von den Anderen.

  • Tipp 9

    Schliesse dich der Community an und vernetze dich. Gerade jetzt brauchst du Verständnis, Austausch und Anerkennung.

  • Tipp 10

    Übernimm zu 100 % Verantwortung für dein Leben und hole dir jede verfügbare professionelle Hilfe. Nur wenn es dir gut geht, geht es auch deinem Kind gut!

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Wut gegen Zustände treibt an

Viele Alleinerziehende kämpfen auch mit dem Problem, dass der unterhaltspflichtige Elternteil nicht oder zu wenig zahlt. Der Staat springt nur teilweise ein, höchstens sechs Jahre lang und auch nur bis zum zwölften Lebensjahr. Immerhin, der Vater von Alexandra Widmers Töchtern zahlt den Mindestsatz. Was ihr aber Sorge bereitet ist die Altersarmut. Wegen der jahrelangen Teilzeit wird ihre Rente kaum reichen - einen Ausgleich für alleinige Kindererziehung gibt es nicht. Es bleibt aber auch zu wenig übrig, um privat vorzusorgen. Und der "Alleinerziehendenentlastungsbetrag" beim Finanzamt ist verschwindend gering.

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Die Wut gegen diese Zustände treibt Widmer an. Sie will Veränderung ankurbeln. Vor einigen Wochen war sie zu einem Workshop bei Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) eingeladen. Im Juni erscheint ihr erstes Buch - ein Ratgeber für Alleinerziehende.

Unerfolgreich und alleinerziehend? Falsch!

Zweifler könnten nun anmerken, die Hamburgerin sei ein elitäres Beispiel und stünde nur für einen Bruchteil dieser Mütter. Doch ein Großteil der Frauen, mit denen sie sich in ihrem Blog austauscht, ist erfolgreich, steht im Leben - und ist von der neuen Lebenssituation schwer getroffen. Alexandra Widmer kämpft auch gegen ein Stigma. Sie hat studiert, promoviert, einen guten Job und bis vor Kurzem auch noch eine glückliche Familie. Gerade suchte sie mit ihrem Mann im Baumarkt noch die Fliesen für ihr geplantes Haus aus, als sie vor den Scherben ihrer Beziehung stand. So geht es vielen.

Mit der Trennung ist auch ihr alter Lebenstraum zerplatzt. "Daran muss ich weiter arbeiten", sagt sie. Der Schmerz über den Verlust ihrer Familie sitzt noch tief.

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