Stand: 20.03.2016 17:30 Uhr

Von Hamburg nach Idomeni

von Jil Hesse

Nelli Khorrami ist 34 Jahre alt und arbeitet eigentlich als Social Media Managerin bei einem großen Unternehmen. Julia Weßel ist 23 und studiert BWL. Mittlerweile sind die beiden außerdem Profis in Sachen Flüchtlingshilfe. Sie lernen sich kennen, als die Hamburger Messehallen im letzten Jahr kurzerhand zum Erstaufnahmelager für Flüchtlinge werden. Gemeinsam mit anderen Helfern kümmern sie sich um die Kinder in der Unterkunft. Malen, spielen, toben - und vor allem: Krieg und Flucht in den Köpfen der Kinder für einen Moment durch etwas Schönes ersetzen. Mittlerweile sind die Messehallen wieder geräumt, aber das Engagement der beiden geht weiter. In verschiedenen Einrichtungen der Zentralen Erstaufnahme sind sie aktiv. Sie kennen viele Geschichten von Flucht.

"Ich kann da hinfahren"

Auch deshalb können sie die Bilder in den Nachrichten, die die vielen Menschen in Idomeni zeigen, nur schwer aushalten: "Die Hilflosigkeit ist es, die mich dann zum Weinen bringt. Und da hilft nur, das zu tun, was ich kann. Ich habe noch Resturlaub, ich kann da hinfahren. Und das hilft nicht nur den Menschen vor Ort, das hilft auch mir", sagt Nelli Korrhami.

Koffer packen für Idomeni

"Man sieht, dass die Not da so groß ist und jetzt ging es bei uns gerade. Da haben wir einfach gedacht: 'Los geht's!'". Auch Julia Weßel ist sich sicher, dass sie ihre Semesterferien am sinnvollsten helfend verbringen kann. Die beiden jungen Frauen fahren nicht mit leeren Händen nach Griechenland. Über eine Online-Spendenkampagne, die sie über soziale Netzwerke verbreitet hatten, kamen innerhalb von einer Woche 5.000 Euro zusammen.

Viele Spenden für Idomeni

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Nelli Korrhami und Julia Weßel haben vor ihrer Reise nach Idomeni Kleidung und Geld gesammelt.

Außerdem hat die Organisation "Autoren helfen" 2.000 Euro gesammelt und beigesteuert, ein Pastor widmete den Helferinnen eine Kollekte und im Bekanntenkreis wurde auch gespendet. Eine Frau, die über Facebook auf den Reiseplan von Korrhami und Weßel gestoßen ist, hat sich gemeldet. Ihre Familie spendete 500 Euro. "Sie haben für uns auf Weihnachtsgeschenke verzichtet. Ein paar Kinder haben sogar ihr Taschengeld gespendet, wir sind völlig überwältigt", erzählt Korrhami. Insgesamt sind so 9.000 Euro zusammen gekommen - und ein paar Kofferladungen Sachspenden: Regenhosen, Regenjacken und Astronautennahrung.

Ihre Reise wird sie vor viele Herausforderungen stellen, vor organisatorische, aber auch vor psychische - sie versuchen, sich darauf vorzubereiten, haben über soziale Netzwerke Kontakt zu anderen Helfern vor Ort. Die Kommunikation und Unterstützung untereinander funktioniert gut. Obwohl sie noch nicht ganz genau wissen, was sie in Idomeni erwartet, wissen sie: Es gibt ein Netzwerk an Helfern, dem sie sich anschließen können.

Eine Europäische Antwort

Und so ist es - bei aller Kritik und allem Zweifel, ob dieses Europa, ob diese europäische Politik eine Antwort auf die humanitäre Krise in Idomeni finden wird - ausgerechnet der Gedanke an Europa, der Nelli Korrhami die Kraft für die Reise gibt: "Es ist sehr beruhigend, dass es auch einen europäischen Zusammenhalt gibt, in dem es nicht wichtig ist, wo man herkommt oder wer man ist, sondern dass wir gemeinsam helfen. Da sind so viele verschiedene europäische Leute gerade unterwegs, das ist ein schöner Zusammenhalt. Und es ist wirklich, wirklich beruhigend zu wissen, dass es auch andere Menschen gibt.“

Julia Weßel und Nelli Korrhami © ndr.de

Der Beitrag zum Nachhören

NDR Kultur -

Zwei junge Frauen aus Hamburg können die Bilder in den Nachrichten nicht mehr ertragen. Sie machen sich auf den Weg nach Idomeni, um den Geflohenen zu helfen.

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