Stand: 14.02.2017 11:30 Uhr

Flüchtlingsmagazin: Tippen für die Integration

Hussam Al Zaher hat viel hinter sich - und noch viel mehr vor. Zusammen mit seinem Bruder ist der heute 28-Jährige aus dem syrischen Damaskus geflüchtet und lebt seit 2015 in Hamburg. Nach einem harten Jahr im überfüllten Camp in der Schnackenburgallee haben die beiden Brüder im vergangenen Herbst eine Einzimmerwohnung im Schanzenviertel gefunden. Und für den syrischen Journalisten noch viel wichtiger: deutsche Freunde und Förderer. Sie unterstützen ihn darin, seinen Traum von einer eigenen Online-Zeitung zu verwirklichen. Das Magazin "Flüchtling - Magazin für multikulturellen Austausch" ist am 14. Februar online gegangen. "Der Valentinstag ist ein schöner Starttermin, weil wir mehr Liebe und Verständnis füreinander in die Welt bringen wollen", sagt Al Zaher mit einem Augenzwinkern. Die Internetseite ist noch im Aufbau, nach und nach werden die Rubriken mit Texten gefüllt.

Hussam Al Zaher sitzt mit seinem Laptop an einem Tisch © NDR.de Fotograf: Kristina Festring-Hashem Zadeh

Online-Magazin als "Stimme der Geflüchteten"

Der Syrer Hussam Al Zaher möchte mit einem Online-Magazin zur Integration von Flüchtlingen beitragen. Ein gemeinnütziger Verein auf Hamburg-St. Pauli unterstützt das Projekt.

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Teilnehmer an Förderprogramm

Unterstützt wird der Syrer unter anderem von Julia von Weymarn, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins leetHub mit Sitz in St. Pauli. Von Weymarn und ihre Kollegen haben im Oktober 2016 das Programm "Move ON" gestartet. Es soll "hochqualifizierten Flüchtlingen mit guten Ideen eine Chance auf Selbstständigkeit geben", sagt die Kulturmanagerin. Al Zaher ist einer von insgesamt acht Teilnehmern und kommt fast täglich ins leetHub-Büro, um an seinem Projekt zu arbeiten. Auf dem Monitor seines Laptops prangt in großen Lettern der Zeitschriftentitel: "Flüchtling - Magazin für multikulturellen Austausch".

Ein Magazin von Flüchtlingen für Deutsche

"Die Zeitung soll eine Stimme der Geflüchteten sein - und zwar auf Deutsch", beschreibt Al Zaher sein Anliegen. Ziel sei es, dass Geflüchtete aus verschiedenen Ländern dort über ihre Kultur schreiben, ihre Gedanken zur Integration darlegen und gezielt auch Probleme ansprechen. Es geht ihm darum, Ängste ab- und gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Al Zaher zufolge kursieren über Flüchtlinge vor allem Stereotypen. "Dabei sind wir alle verschieden, haben unterschiedliche Charaktere."

Wie gelingt Integration?

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In der Journalistin Babette Hnup hat Hussam eine Freundin und kompetente Beraterin für sein Projekt gefunden.

Er möchte in dem Online-Magazin Menschen individuell zu Wort kommen lassen und zeigen, wie Integration gelingen kann. Zum Beispiel, indem er Freundschaften vorstellt, wie sie das Netzwerk "Start with a Friend" (SwaF) vermittelt. Dieses Programm stellt Kontakte zwischen geflüchteten und schon länger ansässigen Menschen her, und zwar auf der Basis gemeinsamer Interessen.

Al Zaher selbst hat über das SwaF-Portal die Hamburger Journalistin Babette Hnup kennengelernt. Seither besuchen sie sich gegenseitig, kochen zusammen, sprechen über seine und ihre Projekte. "Eine Freundschaft auf Augenhöhe", sagt Hnup, die Al Zahers Ideen zur Integration geflüchteter Menschen "absolut bemerkenswert" findet.

Das Ziel: Menschen ins Gespräch bringen

Mithilfe des Online-Magazins möchte der Syrer Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Denn daran hapert es seiner Ansicht nach. "Es ist toll, wie groß die Hilfsbereitschaft der meisten Deutschen gewesen ist, als die vielen Flüchtlinge kamen", sagt er. "Aber was kommt nach der ersten Hilfe?" Viele Geflüchtete, die er kenne, würden zwar Deutsch lernen, "aber wenn sie zurück ins Camp gehen, sprechen sie wieder ihre Muttersprache. Ihnen fehlt Kontakt zu Deutschen."

Keine Angst vor Hasskommentaren

Zudem plant Al Zaher, für seine Seite Videos zu produzieren, in denen Geflüchtete gemeinsam mit Deutschen kochen und dabei über gesellschaftliche Themen diskutieren. "Gern über aktuelle politische Dinge, wie zum Beispiel den Anschlag von Berlin", sagt er. "Durch Kommunikation, Kontakt und Aufklärung können wir uns besser verstehen." Angst vor Hetzern und Hasskommentaren gegen sein Magazin hat er nicht. "Wenn sich zum Beispiel Leute von der AfD melden, werde ich auch mit ihnen diskutieren", betont Al Zaher. Bislang sei er zum Glück niemandem begegnet, der Flüchtlingen schlecht gesonnen sei.

Der Knackpunkt: Die Sprache

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Julia von Weymarn und der gemeinnützige Verein leetHub unterstützen Al Zaher bei der Umsetzung seiner Ideen.

An Idealismus und Ideen mangelt es ihm nicht. "Hussam ist ein Visionär und Denker", beschreibt leetHub-Geschäftsführerin von Weymarn den Teilnehmer an ihrem Existenzgründungsprogramm. Die große Herausforderung für ihn sei es, sich zu fokussieren und die Theorie in die Tat umzusetzen. Schließlich solle es ihm eines Tages möglich sein, sich von dem Projekt zumindest teilweise zu finanzieren. "Dabei stehen wir ihm zur Seite."

Mitarbeiter gesucht

Mittlerweile hat Al Zaher bereits mehrere freie Mitarbeiter für sein Online-Magazin gefunden, neben weiteren Syrern auch Menschen aus dem Iran und Eritrea. "Aber wir können auf jeden Fall noch mehr Leute gebrauchen", betont er. Ein Knackpunkt ist derzeit noch die Sprache: Al Zaher hat zwar bereits gut Deutsch gelernt und besucht täglich den Sprachkurs. "Aber einfach ist es nicht", gibt er zu. Für das deutschsprachige Online-Magazin braucht er Menschen, die Texte Korrektur lesen. Zwei hat er bereits gefunden: Neben Hnup unterstützt ihn noch eine weitere Journalistin.

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Dieses Thema im Programm:

Hamburg Journal | 07.02.2017 | 19:30 Uhr

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