Stand: 05.11.2014 15:00 Uhr  | Archiv

Meistverbauter Dämmstoff ist brandgefährlich

von Güven Purtul

Polystyrol ist Deutschlands meistverbauter Dämmstoff, denn er ist vergleichsweise billig und leicht zu verarbeiten. Er klebt inzwischen auf Millionen von Häusern - auf einer Fläche ungefähr so groß wie Hamburg. Doch Styropor wird aus Erdöl hergestellt und ist brennbar. Flammschutzmittel können offenbar nicht verhindern, dass ganze Fassaden in Flammen aufgehen. Dies ist das Ergebnis von Brandtests, die eine Arbeitsgruppe im Auftrag der Bauministerkonferenz durchgeführt hat.

Demnach reicht ein einfacher Mülltonnenbrand aus, dass eine styroporgedämmte Fassade komplett in Flammen aufgeht. Zwar sollen Brandriegel aus nicht brennbarer Steinwolle verhindern, dass sich ein Feuer an einer gedämmten Fassade unkontrolliert ausbreitet. Doch selbst wenn alle vorgeschriebenen Maßnahmen korrekt umgesetzt werden, kann der Brand einer Mülltonne oder eines an der Hausfassade parkenden Motorrads verheerende Folgen haben: Nach Recherchen des NDR versagte das Wärmedämmverbundsystem im Test so schnell, dass der Feuerwehr im Ernstfall nicht genug Zeit geblieben wäre, um zu löschen.

Giftige Rauchgase und heftige Brandausbreitung

Eine brennende Styropordämmung führe zur Bildung giftiger Rauchgase und zu einer heftigen Brandausbreitung, sagt Albrecht Broemme. Der heutige Präsident des Technischen Hilfswerks leitete 2005 als Chef der Berliner Feuerwehr einen Einsatz, bei dem es eigentlich nur um einen Zimmerbrand ging: "Dann fing die Fassade an zu brennen und trieb von sich aus den Brand mit einer ganz starken Intensität weiter und zwar nach links, rechts, oben und in weitere Wohnungen. Wir haben drei Dutzend Leute zum Teil in letzter Sekunde aus ihren Wohnungen gerettet", erinnert sich Broemme. Trotz des beherzten Einsatzes der Feuerwehrleute starben zwei Bewohner. Da die Styroporplatten meist das giftige Flammschutzmittel HBCD enthalten, können bei einem solchen Feuer zudem hoch giftige Dioxine entstehen, wie Toxikologen bestätigen.

NDR machte eigenen Brandtest

Bereits 2011 hatte das NDR Fernsehen über die Brandgefahr von Polystyrol berichtet. Anlass waren Fassadenbrände, wie etwa im Juni 2011 in Delmenhorst, wo fünf gedämmte Mehrfamilienhäuser gleichzeitig brannten. Reporter von 45 Min hatten daraufhin vergeblich versucht, eine Drehgenehmigung bei einem Zulassungstest zu erhalten. Diese werden von den Herstellern der Systeme beauftragt und bezahlt. Schließlich gaben die Reporter einen eigenen Brandversuch bei der Materialprüfanstalt in Braunschweig in Auftrag. Nach acht Minuten geriet der Brand außer Kontrolle. Giftige Rauchgase breiteten sich in der Halle aus. Die Feuerwehr musste löschen. Das Deutsche Institut für Bautechnik sprach dem Versuch des NDR die Aussagekraft ab: Er habe nicht dem für Zulassungsprüfungen geforderten Aufbau entsprochen. Wärmedämmverbundsysteme aus Polystyrol seien hinreichend sicher.

Feuerwehr forderte Überprüfung von Dämmstoff

Interview

"Polystyrol-Fassaden brauchen noch mehr Brandschutz"

Der Dämmstoff Polystyrol gilt als schwer entflammbar. Fassadenbrände zeugen vom Gegenteil. Wird genügend dagegen unternommen? Fragen an Wissenschaftsjournalist Güven Purtul. mehr

Doch einige Monate später - am 29. Mai 2012 - brannte es besonders heftig, mitten in Frankfurt. Innerhalb von fünf Minuten stand eine über 20 Meter hohe, frisch gedämmte Gebäudefassade in Flammen. Alle Fenster platzten, eine Rauchwolke zog über die Stadt. Glück im Unglück: Das Gebäude war noch unbewohnt. Nach dem Großbrand forderte der Frankfurter Feuerwehrchef Reinhard Ries, "dass dieser Dämmstoff sofort überprüft werden muss". Ries initiierte auch eine Erfassung von Fassadenbränden unter Beteiligung von Polystyrol. Die (unvollständige) Liste umfasst etwa 40 Brände seit 2012.

So kam das Thema auf die Tagesordnung der Bauministerkonferenz, die feststellte, dass Wärmedämmverbundsysteme (WDVS) mit Polystyroldämmstoffen "ordnungsgemäß zertifiziert und bei der zulassungsentsprechenden Ausführung sicher sind". Dennoch setzten die Bauminister eine Arbeitsgruppe für weitere Brandversuche ein. Dieser gehören auch Experten der Feuerwehren und der Testleiter des NDR Versuchs an.

Dämmsystem versagt bei Brandtest

Der erste Brandtest fand im Februar 2014 unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Anders als die bisher üblichen Zulassungsversuche für die Systeme, die von einem Zimmerbrand ausgehen, simulierte er einen Mülltonnenbrand im Sockelbereich einer gedämmten Fassade. Als Brandlast diente ein Stapel mit 200 Kilogramm Holz, entsprechend einem vollen Mischmüll-Container. Der Versuch sollte zeigen, ob das System den Flammen mindestens 20 Minuten standhält. Dieses Schutzziel soll sicherstellen, dass der Feuerwehr ausreichend Zeit bleibt. Das Ergebnis war eindeutig: Das Wärmedämmverbundsystem samt Brandschutzmaßnahmen versagte und brannte rückstandslos ab. Nach elf Minuten gab es erste Anzeichen für ein Mitbrennen des Sockels. Zwei Minuten später öffnete sich das WDVS und ging in den Vollbrand über. Nach 22 Minuten war alles vollständig verbrannt.

Links

Empfehlungen zu Wärmedämmverbundsystemen

Merkblatt der Bauministerkonferenz (18.06.2015) extern

Für einen zweiten Versuch ließ die Arbeitsgruppe zusätzliche Sicherheitsmassnahmen einbauen, die bisher nicht üblich sind: Darunter auch zusätzliche Brandriegel im Sockelbereich. Außerdem wurden diese besser verklebt und zusätzlich verdübelt. Derart ertüchtigt, überstand die Dämmung den Brandtest. Die Arbeitsgruppe empfiehlt, dass die zusätzlichen Schutzmaßnahmen bei Neubauten verpflichtend werden. Die Bauministerkonferenz nimmt dazu voraussichtlich am 14. November auf einer Pressekonferenz in Chemnitz Stellung.


Offen bleibt, was mit den bereits gedämmten Gebäuden geschehen soll. "Bei Bestandsbauten muss man auch die Verhältnismäßigkeit sehen", sagt Gerhard Scheuermann, Leiter der Projektgruppe Brandversuche der Bauministerkonferenz. Es gebe auch konservative Maßnahmen: "Man kann zum Beispiel Mülltonnen von der Fassade wegstellen."

Brennbare Dämmstoffe bleiben ein Risiko

Weitere Informationen
mit Video

Wärmedämmung: Ignoranz der Brandgefahr

In Hamburg fraß sich ein Mülltonnen-Brand innerhalb von Minuten bis in das Dachgeschoss eines Altbaus. Der rückwärtige Lichtschacht war kurz zuvor gedämmt worden. (10.12.2013) mehr

Doch auch wenn künftig neue Brandschutzmassnahmen verpflichtend werden - brennbare Dämmstoffe bleiben ein Risiko. Weitere Versuche an der Bundesanstalt für Materialforschung haben gezeigt, dass auch dann Gefahr besteht, wenn die schützende Putzschicht beschädigt ist. Genau das ist bei vielen Gebäuden der Fall, deren Putz in die Jahre kommt. Das müssen nicht unbedingt sichtbare Schäden sein, auch Haarrisse infolge Alterung stellen ein Risiko dar.

Menschen wie Brigitte Seibold macht das Angst. Die Hamburgerin sah im November 2013, wie sich ein kleiner Mülltonnenbrand im Lichtschacht des gegenüber liegenden Altbaus "wie ein Feuer-Fahrstuhl" nach oben fraß. Das Treppenhaus füllte sich sofort mit giftigen Rauchgasen und fiel als Fluchtweg aus. Mehrere Bewohner retteten sich auf die hinteren Balkone. Der Baulücke neben dem Haus war es zu verdanken, dass die Feuerwehr sie mit einer Drehleiter retten konnte. "Wenn man das einmal erlebt hat, wie sich so ein Feuer rasant nach oben ausbreitet und dann das ganze Haus bedrohen kann, dann guckt man anders in die Welt", sagt Seibold.

Mehr zum Thema

Wärmedämmung: Brandgefahr und Umweltrisiken

16.11.2015 22:00 Uhr
45 Min

Der Dämmstoff Polystyrol soll Heizkosten deutlich senken. Wie gut ist seine Wärmedämmung wirklich? Und wie sieht es mit der Brandgefahr und der Umweltbilanz des Materials aus? mehr

Gibt es Alternativen zur Polystyrol-Dämmung?

Wie kann ich mein Haus nachträglich dämmen? Und auf welche Materialien kann ich dabei zurückgreifen? Diplom-Ingenieurin Heike Böhmer im Interview. (26.11.2012 ) mehr

Dieses Thema im Programm:

45 Min | 16.11.2015 | 22:00 Uhr