Stand: 25.06.2017 01:35 Uhr

"Telemann war ein Star!"

von Daniel Kaiser

In der norddeutschen Musikgeschichte strahlt ein Name besonders hell: Georg Philipp Telemann. 46 Jahre lang war er der Musikchef in Hamburg. Vor 250 Jahren, am 25. Juni 1767, starb er.

Telemann war ein Workaholic. Für jeden Sonntag komponierte er mindestens ein großes Werk - an Feiertagen sogar in XXL. Allein 1.500 Kantaten gibt es von ihm. "Komponieren war für ihn wie Essen, Schlafen, Reden - es war eine Lebensäußerung", sagt der Hamburger Kirchenmusikdirektor Thomas Dahl von der Hauptkirche St. Petri. "Er hat das für seine Epoche methusalemische Alter von 86 Jahren erreicht und noch in seinem Todesjahr eine Passion geschrieben. Er hat also von der Wiege bis zum Grabe komponiert."

Der Barock-Komponist Georg Philipp Telemann (1681-1767) in einer zeitgenössischen Darstellung. © imago/ Leemage

Abendjournal Spezial: Telemann Superstar

NDR 90,3 - Abendjournal Spezial -

Er war der erste, der Hamburg auf die Kultur-Landkarte gebracht hat: Telemann. 46 Jahre lang war er Musikdirektor in unserer Stadt und komponierte Kantaten und Opern.

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"Triosonate vorm Frühstück!"

Besonders die Verehrer des Telemann-Zeitgenossen Johann Sebastian Bach haben versucht, den Hamburger Musikdirektor als "Vielschreiber" zu diskreditieren. "Mein Tonsatzlehrer sagte immer, Telemann habe schon vor dem Frühstück eine Triosonate geschrieben", erzählt Christoph Schoener, Kirchenmusikdirektor vom Hamburger Michel. "Da würde ich ihm heute antworten: Ja, aber was für eine!" Wenn Telemanns Musik auch den Bach-Maßstäben bei Harmonie und Kontrapunkt nicht ganz gerecht werde, habe er das jedoch durch viel Fantasie kompensiert und sich praktisch nicht wiederholt, sagt Schoener.

Besser als sein Ruf

Von der Bach-Forschung wurde immer wieder die Kantate "Ich weiß, dass mein Erlöser lebt" (BWV 160) als strahlendes Beispiel für die Kompositionskunst Bachs genannt. Mittlerweile ist klar: Das Werk stammt von Telemann. "So schlecht kann seine Musik dann ja doch nicht gewesen sein", lacht Anke Dennert von der Hamburger Telemann-Gesellschaft. Sie hört oft den Vielschreiber-Vorwurf. "Wenn ich dann konkret nachfrage, welche Stücke so furchtbar sein sollen, kommt keine Antwort. Ich habe den Eindruck, es ist einfach ein hartnäckiges Vorurteil."

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Die Hamburger Telemann-Gesellschaft betreut die Dauerausstellung über den Musiker im Komponistenquartier, dem Museum zur Hamburger Musikgeschichte in der Neustadt. Hier erfährt der Besucher mit witzigen Filmen und vielen Musikbeispielen vom Leben und der Arbeit des in Magdeburg geborenen Komponisten. Als Musikdirektor war er nicht nur für die fünf Hamburger Hauptkirchen, sondern auch für den Musikunterricht am Johanneum zuständig. "Da sagen aber die Akten, dass er sich dafür von Hilfssheriffs hat vertreten lassen", schmunzelt Dennert.

Musik-Abo fürs Wohnzimmer

Telemann komponierte nicht nur Kantaten, sondern - sozusagen im Nebenjob - auch Opern und Festmusiken für offizielle Anlässe. Auch das bürgerliche Musikleben brachte er zu einer ungeahnten Blüte. Für Hobbymusiker komponierte er eigene Stücke. In den Bürgerhäusern ganz Europas fand man seine Noten. Sein größter Coup war ein Musik-Abo mit Notenblättern: "Der getreue Musikmeister". Da konnte man alle 14 Tage ein Doppelblatt mit kleinen Stücken für Flöte und Geige oder Arien kaufen.

Anders als beim meistens ernsten, frommen Bach findet sich bei Telemann immer wieder Witz: Da quaken in einem Violinkonzert Frösche in einem Teich, oder erklingen in den 'moralischen Kantaten' unterhaltsame, lebensnahe Texte: "Guten Morgen, faules Glücke, steh auf und zieh dich an, es wird bald Mittag sein!"

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Die Blockflötistin Dorothee Oberlinger ist Botschafterin für das Telemann-Jahr 2017. Auf NDR Kultur spricht sie über den Komponisten und den Menschen Georg Philipp Telemann. mehr

Telemann war geschäftstüchtig. Schon vor seiner Anstellung in Hamburg hatte er in Frankfurt Werke veröffentlicht und sich so als Komponist und Verleger einen Namen gemacht. In Hamburg organisierte er auch Benefizkonzerte. Das Passionsoratorium "Das selige Erwägen des bitteren Leidens und Sterbens Jesu Christi" wurde immer wieder für einen guten Zweck aufgeführt. Es war über Jahrzehnte der Konzert-Hit.Telemann hat in Hamburg eigentlich ganz gut verdient. Aber seine Frau soll spielsüchtig gewesen sein und oft so viele Schulden gehabt haben, dass es die Familie in schwere finanzielle Krisen stürzte.

Blumen per Post

Mit einem anderen großen Komponisten dieser Zeit teilte Telemann ein Hobby: Blumen. Er hatte vor den Stadttoren, möglicherweise an der Alster, dort, wo sich heute etwa das US-Konsulat befindet, einen Garten. Mit Händel in London tauschte er per Post Blumenzwiebeln und war dem Kollegen auch sonst freundschaftlich und auf Augenhöhe verbunden.

Patenkind wird Nachfolger

Auch Bach und Telemann waren gut befreundet. Der Bach-Sohn Carl Philipp Emanuel war Telemanns Patenkind und wurde später sein Nachfolger in Hamburg. Bach wäre nie auf die Idee gekommen, Telemann als minderwertig zu beschreiben, sagt Christoph Schoener. "Telemann war ein Star. Dagegen war Bach zu seiner Zeit ein gediegener mitteldeutscher Kantor."

Liebe zu Frankreich

Trotzdem geriet Telemann bald nach seinem Tod in Vergessenheit. "Das mag an den großen gesellschaftlichen Umbrüchen Ende des 18. Jahrhunderts gelegen haben", vermutet Anke Donnert. Der Geschmack änderte sich radikal. Möglicherweise war Telemann auch verdächtig, weil er gute Kontakte nach Frankreich hatte, sogar acht Monate in Paris lebte und auch immer wieder Musik im französischen Stil schrieb. "Ich halte für möglich, dass er dann im 19. und 20. Jahrhundert dem Vergessen anheimgestellt wurde, weil er frankophil war", sagt Anke Dennert. "Der Kontakt mit dem Erbfeind macht ihn für viele suspekt."

Flashmob mit Kanon

Heute erinnert eine Gedenkplatte vor dem Hamburger Rathaus an Telemann, denn dort stand damals das Johanneum. Am Freitag haben dort etwa 200 Schüler des Gymnasiums in einem Flashmob mit einem Telemann-Kanon an ihren berühmten Musiklehrer erinnert. Das ganze Jahr über erklingt in Kirchen und Konzertsälen seine Musik. Höhepunkt wird das Telemann-Festival (24.11. - 03.12) sein, bei dem wichtige Kantaten und Opern, aber auch Experimentelles mit der NDR Big Band aufgeführt wird.

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Am 25. Juni jährt sich der Todestag des Georg Philipp Telemanns zum 250. Mal. Der NDR widmet dem großen Komponisten und seiner Musik verschiedene Schwerpunkte und Konzerte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 24.06.2017 | 19:00 Uhr

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