Stand: 17.04.2017 09:46 Uhr

"Frau ohne Schatten": Ein echt großer Wurf

von Daniel Kaiser

In der Hamburgischen Staatsoper hat das Publikum die Premiere des Stücks "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss stürmisch gefeiert. Die Zuschauer bejubelten vor allem die Sängerinnen und Sänger, aber auch Kent Nagano, sein Orchester und das Regie-Team. Andreas Kriegenburg inszeniert die Märchenoper mit einem aufwändigen Bühnenbild über mehrere Stockwerke als Psychodrama.

Märchen zwischen Traumreich und irdischer Welt

Herausforderung für jedes Opernhaus

Es ist ein großes Sängerfest. Im Zentrum strahlen Andrzej Dobber, der den Färber Barak warm und lyrisch in wunderschönen Bögen singt, und Lise Lindstrom als seine Frau mit virtuosen Ausbrüchen. Allein wegen der vielen anspruchsvollen Gesangsrollen ist dieses Stück eine Herausforderung für jedes Opernhaus. Aber auch das Libretto ist gelinde gesagt speziell: Ein märchenhafter Kaiser (Roberto Saccà) heiratet eine Frau aus der Fabelwelt (Emily Magee), die keine Kinder bekommen kann, also ohne "Schatten" ist. Ein Fluch besagt: Sollte sie auch weiter kein Kind bekommen, werde ihr Mann, der Kaiser, zu Stein. Deshalb sucht sie sich unter den Menschen eine arme Arbeiterin, mit der sie einen Deal eingehen kann.

Das Märchen als Traum

Regisseur Andreas Kriegenburg gelingt in seiner Sicht auf diese schillernde Märchenoper ein spannendes und einfühlsames Psychodrama. Er stellt nämlich nicht die märchenhafte Kaiserin, sondern die arme Färberin aus der realen Welt in den Mittelpunkt des Geschehens. Sie fällt gleich am Anfang, noch bevor der erste Ton erklingt, erschöpft und enttäuscht vom Leben auf eine alte Matratze am Bühnenrand und erträumt sich dann das Märchen mit der Kaiserin. Wie auf der Jakobsleiter im Alten Testament kommen die überirdischen Gestalten in weißen Gewändern und mit weißem Haar eine Wendeltreppe herunter in ihre düstere Gegenwart. Die verschiedenen Welten werden wie in einem gigantischen Fahrstuhl hoch- und heruntergefahren.

Ängste als Motor der Handlung

Die todunglückliche Färberin verliert sich immer mehr in der Traumwelt. Sie entfremdet sich von ihrem Mann und dem Leben in der lauten, ärmlichen Realität mit der ordinären Verwandtschaft und den durchgesessenen Sesseln in der schmutzigen Färber-Werkstatt. Dass Frauen erst mit einem Kind vollständig werden, ist die Botschaft des von bürgerlicher Konvention des 19. Jahrhunderts triefenden Textes Hugo von Hofmannsthals. Kriegenburg setzt geschickt einen anderen Schwerpunkt und entdeckt in dem Stoff die Ängste der Färberin als Motor der Handlung.

Der Sog rätselhafter Traumbilder

Zur süffigen Musik von Strauss entstehen in der Märchenwelt (im obersten Stockwerk des Welten-Fahrstuhls) phantastische Traumbilder. Weiße Fabelwesen schreiten und tanzen wie Bräute oder Priesterinnen, ein Falke in Rot (Gabriele Rossmanith) flattert über die Bühne - begleitet von seinem Ruf in den Holzbläsern. Auch der mit Pfeilen durchbohrte heilige Sebastian (Alex Kim) erscheint als rätselhafte Traumfigur. Krankenschwestern schieben siechende Doppelgängerinnen der Frauen in Krankenbetten über die Bühne. Diese Bilder entfalten einen unwiderstehlichen Sog. Man ist als Zuschauer eingefangen von der Traumwelt.

Sinnliches Feuerwerk

Diese vier Stunden Oper (mit zwei Pausen) sind ein sinnliches Feuerwerk. Kent Nagano und sein Philharmonisches Staatsorchester lassen ihren Strauss richtig funkeln. Der Orchestergraben ist bis an den Rand gefüllt. Man hört auch Kastagnetten, eine Celesta und eine Glasharmonika. Manche Traumszenen schillern wie ein "Star Trek"-Soundtrack. Die kammermusikalischen Streicherpassagen sind wie Töne aus dem Himmel.

Picknick im Himmel

Nach dem spannend inszenierten Showdown, in dem die Kaiserin auf den Schatten der Färberin in einem großen humanitären Akt verzichtet, hat das Stück zwei mögliche Enden: In einem liegt die Färberin im Bett der Werkstatt und wacht aus ihrer Entfremdung nicht mehr auf. Ergreifend inszeniert ist die andere Option, in der die Färberin ihren Barak auf der Wendeltreppe mit nach oben in ihre Traumwelt nimmt und dort alles in Harmonie endet. Auf Parkbänken sitzen die beiden Paare, Kaiser und Färber, dann glücklich und entspannt nebeneinander, naschen Erdbeeren wie bei einem Picknick. Um sie herum spielen die nun geborenen Kinder in bunten T-Shirts.

Jubel für Solisten, Orchester und Regie

Am Ende gab es Jubel für alle Solisten, das Orchester aber auch das Regie-Team. Vereinzelt sprangen Zuschauer auf und riefen entzückt "Bravi! Bravi!" in Richtung der vollbesetzten Bühne. Diese "Frau ohne Schatten" ist ein echter großer Wurf. Allerdings waren sogar am Premieren-Abend längst nicht alle Plätze besetzt. Dieser Inszenierung wünscht man viele Zuschauer. Sie zeigt die Hamburgische Staatsoper von ihrer allerbesten Seite.

"Frau ohne Schatten": Ein echt großer Wurf

"Frau ohne Schatten" von Richard Strauss hat an der Hamburgischen Staatsoper eine umjubelte Premiere gefeiert. Andreas Kriegenburgs Inszenierung verdiene viele Zuschauer, meint Daniel Kaiser.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Hamburgische Staatsoper
Große Theaterstraße 25
20354   Hamburg
Preis:
109 bis 6 Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: (040) 356 868
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 18.04.2017 | 19:00 Uhr

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