Stand: 22.03.2016 10:46 Uhr

NDR Sinfonieorchester: Mit Hampson in Warschau

von Daniel Kaiser

Jubel und Applaus gab es am Abend in Warschau für das NDR Sinfonieorchester und seinen ersten Gastdirigenten Krzysztof Urbański. Beim Höhepunkt der Polen-Tournee trat auch der weltbekannte Bariton Thomas Hampson auf.

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Dirigent Krzysztof Urbański und Bariton Thomas Hampson bei Vorbesprechungen zum Konzert. Der US-amerikanische Bariton tritt regelmäßig mit dem NDR Sinfonieorchester auf.

Es ist ein Heimspiel für Krzysztof Urbański. Er reißt seine Landsleute nicht nur mit seinem dynamischen Dirigat mit, denn irgendwo schießt ja immer noch eine Hand wie aus dem nichts in Richtung Orchester. Das Publikum feiert vor allem auch den kompromisslosen Sound der Musiker.

Eulenspiegel in der Karwoche

Bunt, frisch und frech - gleich die erste Pointe von Krzysztof Urbański sitzt. Musik mit Wow-Effekt: "Till  Eulenspiegel" von Richard Strauss. Für Breslau und Kattowitz war das Stück in der Karwoche zu fröhlich. Die Veranstalter wollten hier lieber etwas Solides. So landete Beethovens Egmont-Ouvertüre auf dem Programm. In Warschau schillert, funkelt dagegen Eulenspiegel in der Philharmonie.

"Mahler hat Humor!"

Den zweiten Streich besorgt ein Weltstar. Thomas Hampson singt bei seinem ersten Auftritt im Saal Lieder aus Gustav Mahlers Zyklus "Des Knaben Wunderhorn".

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Gustav Mahler (1860-1911) gilt als einer der bedeutendsten Komponisten der Spätromantik. auch als Dirigent und Operndirektor machte er sich einen Namen.

Kämpferisch schmettert er "Die Gedanken sind frei" und ruft erschüttert 'Mitternacht' in den Saal. Hampson singt mit tiefem Ernst, aber immer wieder auch mit Humor und eulenspiegelhaftem Schalk und beweist so, dass das Bild von Mahler als einem nervösen Depri-Komponisten nur ein Vorurteil ist.

Eine Freude, wie Hampson beim Singen in unterschiedliche Rollen schlüpft. "Mahler hatte einen phänomenalen Humor", erklärt der Bariton. "Es geht ihm aber nicht um die Komödie, sondern er hat einfach das Leben, die Liebe und auch die Natur verstanden." "I aaaaahhh" quiekt Hampson mit voller Lunge als Esel im 'Lob des hohen Verstandes'. Hampson weiß ganz genau, welche Knöpfe er beim Publikum drücken muss. Die Warschauer hängen an seinen Lippen und erjubeln sich zwei Zugaben.

Antwort auf den Terror

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In Warschau spielte das NDR Sinfonieorchester beim Ludwig van Beethoven Easter Festival.

Auch dieses Konzert war von den Anschlägen in Brüssel überschattet. Doch es war weniger die rituelle, halbe Schweigeminute zu Beginn, sondern es war die Musik selbst, die das Thema aufnahm. Die 10. Sinfonie von Schostakowitsch erzählt von Stalin und seiner alles zerstampfenden Todesmaschine. An diesem Abend wirkt das Stück besonders ergreifend, denn damals - Anfang der 50er-Jahre - entstand fast zur selben Zeit in Warschau nicht weit von der Philharmonie entfernt der protzige Kulturpalast, der bis heute das Stadtbild als gigantisches Andenken an diese dunkle Zeit prägt - der 'Stiefeltritt Stalins'. Schostakowitschs Musik erzählt an diesem Abend allerdings zeitlos von entfesselter Gewalt.

Herzmassage mit Schostakowitsch

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Das Publikum in Warschau ist begeistert.

Das Orchester spielt wie im Rausch. Die Geigen sitzen auf der Stuhlkante. Die Piccoloflöte kreischt brutalstmöglich. Krzysztof Urbański zuckt und tanzt beim Dirigieren im Takt: Musik als Defibrillator. Das polnische Publikum traut seinen Augen und Ohren nicht und bedankt sich mit stehenden Ovationen und nicht enden wollendem Jubel.

Eine deutsch-polnische Liebesgeschichte

Im ersten Rang der Philharmonie saß der polnische Präsident Andrzej Duda. Beim Empfang zuvor in seinem Palast waren auch politische Zwischentöne im Resonanzraum des komplexen deutsch-polnischen Verhältnisses zu vernehmen. Das umjubelte Warschauer Konzert mit dem deutschen Orchester, dem polnischen Dirigenten und einem angesichts dieser Kombination und der mitreißenden Musik enthusiasmierten Publikum könnte der Beginn einer ganz neuen deutsch-polnischen Liebesgeschichte sein.

Tournee

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