Stand: 17.12.2015 10:43 Uhr

Über das Ziel hinausgeschossen

von Agnieszka Zagozdzon

Seit am vergangenen Sonnabend an der Staatsoper Hannover die Premiere der Neuinszenierung der Oper "Freischütz" gezeigt wurde, wird hitzig diskutiert - im Feuilleton, im Internet und nun auch noch in der Politik: Ist das Kunst oder reine Provokation? Wieso wurde die Altersempfehlung erst kurz vor der Premiere auf 16 Jahre heraufgesetzt? Hätten die Verantwortlichen der Staatsoper schon früher erkennen und womöglich eingreifen sollen? Und denkt einer mal an die Kinder, die sich schon so sehr auf den Opernbesuch gefreut haben?

Szenen aus dem "Freischütz"

Niemand will eine Zensur

Aus pädagogischer Sicht trifft die Staatsoper Hannover keine Schuld: Die Altersempfehlungen sind eben nur Empfehlungen. Erst wenn das gesamte Regiekonzept steht - und das ist nun mal in der Regel erst in der sogenannten Klavierhauptprobe, knapp eine Woche vor der Premiere, der Fall - kann tatsächlich beurteilt werden, wie sehr eine Inszenierung die Zuschauer fordern wird. Alle Anmerkungen davor hätten den Charakter einer vorgreifenden Einmischung, schlimmstenfalls einer Zensur - und das will niemand: nicht die Zuschauer, nicht die kulturpoltischen Sprecher der beiden großen Parteien und am allerwenigsten die Staatsoper selbst, die vehement die Kunstfreiheit der von ihr beauftragten Regisseure verteidigt.

Zeigen darf man das, aber wozu?

Die Freiheit der Kunst ist ein wertvolles Gut, das unbedingt geschützt werden muss - doch mit dieser Freiheit ist auch eine große Verantwortung verbunden: die Verantwortung, der Kunst auch gerecht zu werden. Genau da liegt meiner Meinung nach das eigentliche Problem von Kay Voges' "Freischütz"-Inszenierung: Der Regisseur und auch sein Filmemacher Voxi Bärenklau nehmen sich selbst - ihr Anliegen, ihre Themen, ihre Visionen - wichtiger als das eigentliche Werk. Darf man in einer Operninszenierung zeigen, wie eine Kastration mit einer Heckenschere vorgenommen wird - in Zeitlupe, mit Blutfontäne und aus verschiedenen Blickwinkeln wiederholt? Ja, das darf man. Aber muss man das wirklich? Wo ist da für mich als Zuschauerin - die es bei dieser Szene vor Ekel nur so schüttelt - der künstlerische Erkenntniswert? Wo die Verbindung zur Handlung der Oper "Freischütz"?

Blutströme, Amputationen - alles schon dagewesen

Das Publikum von heute ist erfahrener, abgebrühter: Wo nackte Haut oder Kopulationshandlungen auf der Bühne vor einigen Jahrzehnten noch für Empörung sorgten, erntet man heutzutage bestenfalls ein leicht genervtes Augenrollen: schon wieder (halb-)nackte Sänger. Ich habe mittlerweile fast das gesamte Opernensemble in Hannover schon auf die eine oder andere Weise entkleidet gesehen. Ach ja, Analverkehr - gab es das nicht schon in der letzten Inszenierung? Blutströme, Amputationen - alles schon dagewesen. Da muss sich ein Regisseur schon richtig anstrengen, um die Zuschauer noch zu schockieren - und greift eben zur Heckenschere.

Das Anliegen des Komponisten als Herausforderung

Eine wirkliche Herausforderung wäre es gewesen, sich einmal zu überlegen: Worum geht es in diesem Werk? Was ist das zeitlose Thema darin? Was ist das Anliegen des Komponisten beziehungsweise Librettisten? Auch noch zu berücksichtigen: Wie kann ich das einem Publikum - das sich nicht so gut mit diesem Werk auskennt - dennoch begreifbar, erlebbar machen? Aber daraus ein Video zu drehen macht wohl nicht so viel Spaß; und das Publikum mit den üblichen platten Nazi-Klischees zu provozieren ist nun mal um so vieles einfacher und bringt so viel mehr mediale Aufregung und Aufmerksamkeit.

2009 inszenierte Ingo Kerkhof "Figaros Hochzeit" an der Staatsoper Hannover; im Verlauf der Oper reduzierte er immer mehr das Bühnenbild, bis am Ende nur noch ein leerer Raum übrig blieb und der gesamte Fokus so allein auf der psychologischen Zeichnung der Figuren lag. Auch das ist Kunstfreiheit. Aber das verlangt einen Regisseur, der die ihm zustehende Freiheit auch tatsächlich in den Dienst der Kunst stellt.

Weitere Informationen

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Staatsoper Hannover, Opernhaus

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