Stand: 14.09.2017 17:26 Uhr

Mehmel-Orgel Stralsund: Sanieren oder nicht?

von Juliane Voigt

Zwei historische und wunderbar sanierte Orgeln gibt es schon in Stralsund: die barocke Stellwagen-Orgel in der Marienkirche und die frühromantische Buchholz-Orgel in der Nikolaikirche. Jetzt sollte als dritte noch die spätromantische Mehmel-Orgel in der Jacobikirche dazukommen. Aber ein Expertengremium hat überraschend entschieden, dass für die Rekonstruktion zu wenig historische Substanz erhalten ist. Die Stralsunder Bürger fühlen sich übergangen. Am Donnerstag hat die Stadt nun zu einer öffentlichen Informationsveranstaltung eingeladen.

Eine weiße Bauplane zieht sich unter das 25 Meter hohe Gewölbedach. Dahinter arbeiten die Restauratoren am Orgelprospekt. Von der Orgel aber ist fast nichts mehr übrig. Denn nach dem Krieg und einem Bombentreffer auf die Kirche ist hier im großen Stil geplündert worden. So gut wie alle Orgelpfeifen sind weg.

Stifter und Spender fühlen sich übergangen

"Die Frage ist, kann man bei einem Orgelwerk dieser Größenordnung, bei dem durch Vandalismus, Ausplünderung so viel verloren gegangen ist noch ehrlicherweise von einer Mehmel-Orgeln sprechen?", findet Frank Dittmer. Er ist Landeskirchenmusikdirektor und Sprecher der Orgelkommission.

Die Orgelkommission sagt nein. Aufgrund des Gutachtens ist im Frühjahr ein Neubau beauftragt worden. Seit Jahren aber sammeln und spenden Stralsunder für die Mehmel-Orgel. Denn der Orgelbauer Friedrich Albert Mehmel hat in Stralsund gelebt und allein im Umkreis der Hansestadt 45 Orgeln gebaut. In der Jacobikirche verwirklichte er 1877 die Krönung seines Schaffens. Mit fast 70 Registern war das Instrument einmalig im ganzen Ostseeraum. Die Rekonstruktion sollte Mehmel auch ein Denkmal setzen, sagt Dieter Bartels vom Bürgerkomitee "Rettet die Altstadt". "Deswegen waren wir sehr enttäuscht und sind die Zustifter und Spender enttäuscht. Wenn Du fünf oder zehntausend Euro dafür gibst, dass die Orgel wieder hergestellt wird und dann kommt urplötzlich ein Orgelneubau zustande, dann gibt das Verärgerung.

"... die Herzen wieder beruhigen"

Immerhin 1,7 Millionen Euro sind so zusammen gekommen. Die Anschubfinanzierung. Die Stadt hat inzwischen Fehler eingeräumt. Carsten Schwarzlose ist für die Stadterneuerungsgesellschaft der Projektmanager und beteuert: "Wir holen das jetzt nach, indem wir eine Reihe von Informationsveranstaltungen anbieten, da wir festgestellt haben, dass große Teile der interessierten Stadtbevölkerung sich nicht ausreichend informiert fühlen."

Da sind jetzt Gemüter zu kühlen. Das Ergebnis der ersten Veranstaltung hat zwar nicht die Expertenmeinung geändert. Anregungen aber sind möglich. Christoph Lehnert zum Beispiel wünscht sich, dass Mehmel wenigstens die Seele der Orgel wird statt alles nur neu zu bauen. Denn das träfe einfach nicht den Nerv der Stralsunder. Dem müsse man besser gerecht werden und zumindest alles daran setzen, "dass man das Wenige, die Rudimente die da sind, dass wir die in diese Orgel hineinbauen und sagen: Mit Recht können wir sagen, Mehmel ist hier auch vertreten und das denke ich, würde den Stralsundern gut tun und würde auch die Herzen wieder beruhigen."

Neubau mit Teilen der alten Orgel?

Neubau also mit Teilen von Mehmel. Ob der Name Mehmel als Marke für die Orgel dann noch verwendet werden kann, wird sich zeigen. Und auch, wie die Stralsunder ihre Orgel annehmen werden. Frank Dittmer von der Orgelkommission ist zuversichtlich: "Mein Wunsch wäre, dass die Stralsunder und Stralsunderinnen mit diesem Konzept leben können, dass sie sich auch damit identifizieren können und dass sie sich auf die Musik freuen, die in dieser Kirche erklingen wird. Manchmal ist man sich dessen gar nicht so bewusst, wenn man direkt am Ort wohnt, aber das ist eine hervorragende Konstellation dieser drei hervorragenden Orgeln, die wir da in dieser Orgelstadt Stralsund haben werden. Also Welterbeniveau."

Bis es in der Stralsunder Kulturkirche wieder sie so klingt, werden noch Jahre vergehen. Bis dahin wird die Bauplane am Gerüst zwar nicht transparent. Die Stadt aber hat versprochen, die Bürger ab jetzt in Entscheidungen einzubeziehen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 14.09.2017 | 06:20 Uhr

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