Stand: 23.10.2015 15:52 Uhr

Vivaldis theatralische Dimension

Antonio Vivaldi - Teatro Alla Moda
von Gli Incogniti 
Vorgestellt von Ulrike Henningsen
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Das Ensemble Gli Incogniti ist mittlerweile längst keine unbekannte Größe mehr.

Das Ensemble Gli Incogniti gehört, zumindest bei Liebhabern der Alten Musik, keineswegs mehr zu den Unbekannten. Leiterin Amandine Beyer studierte an der Schola Cantorum Basiliensis Geige und historische Aufführungspraxis und setzt diese Kenntnisse mit ihrem Kammerorchester um - so überzeugend, dass die Zahl der Fans wächst und den Namen des Kammerorchesters bald insgesamt ad absurdum führen wird. "Teatro alla Moda" heißt die neue Einspielung mit Violinkonzerten von Antonio Vivaldi.

Vivaldis atemlose Virtuosität

"Il teatro alla moda" lautet der Titel eines Pamphlets von Benedetto Marcello. Darin lästert er 1720, dass die zeitgenössische venezianische Oper zum Rummelplatz verkommen würde: neumodische Tänze, Knalleffekte und virtuoses Tamtam. Nach seiner Einschätzung ginge es hauptsächlich um den schnellen, oberflächlichen Genuss. "Aldiviva" - so nennt Marcello in dieser satirischen Betrachtung Antonio Vivaldi - er stand ganz besonders in der Kritik. Nicht nur Marcello, auch andere berühmte Zeitgenossen warfen ihm vor, sich allzu oft für seine Virtuosität feiern zu lassen.

In der Tat verschlagen Vivaldis Läufe, Arpeggien, Doppelgriffe und Akkorde auf vier Saiten in halsbrecherischer Geschwindigkeit vorgetragen, den Atem. Das brachte dem Musiker Ruhm und Anerkennung weit über die Grenzen Italiens hinaus und sorgte für Kompositionsaufträge aus vielen europäischen Adelshäusern.

Als Theatermann schrieb Vivaldi dutzende Opern für ein zahlendes Publikum - das ausblieb, wenn ein Stück nicht gefiel. So soll der Geiger in besonderen Momenten auch an Opernabenden immer mal wieder zu seinem Zauberbogen gegriffen haben, um das Publikum aus Langeweile und Desinteresse zu reißen.

Blindes Verständnis

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Die französische Geigerin Amandine Beyer und ihr Ensemble verstehen sich wortlos.

Beide Seiten wollen Amandine Beyer und ihr Ensemble Gli Incogniti auf dieser CD verbinden. Vivaldis Konzerte haben eine theatralische Dimension - das präsentieren die Musiker mitreißend. Dieser - in bestem Wortsinn - mitunter theatralische Umgang mit der Musik wird in vielen Stücken deutlich. Konzertsätze, die wie eine Ouvertüre, wie eine Affektarie, oder wie eine Bravourarie wirken, zeigen die enge Verbindung zwischen Oper und Instrumentalstück.

Wie eine Sängerin nimmt Beyer unterschiedliche Rollen an und spielt mit den Möglichkeiten von zwei Violinen, die sie je nach Anforderungen an den Klang wechselt. Die Geigerin und die Musiker ihres Ensembles scheinen mit den Besonderheiten barocker Klangsprache von der Wiege an vertraut zu sein und sich wortlos zu verstehen. Das ist packend, pulsierend und immer wieder überraschend.

Und genau wie an einem guten Theaterabend, lässt man sich ein und bleibt fasziniert dabei, bis die letzte Geschichte zu Ende erzählt ist.

Antonio Vivaldi - Teatro Alla Moda

Genre:
Klassik
Label:
harmonia mundi

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue CDs | 26.10.2015 | 06:40 Uhr