Stand: 13.10.2016 17:34 Uhr

Nobelpreis für Bob Dylan - wofür eigentlich?

Bob Dylan erhält den Literaturnobelpreis 2016. Diese Nachricht hat Freude, Erstaunen, aber auch Unverständnis hervorgerufen. Katharina Mahrenholtz und Ocke Bandixen von NDR Info haben sich ihre Gedanken dazu gemacht:

Literaturnobelpreis für Songtexte?

"Nee, oder? Nicht Bob Dylan!" findet Katharina Mahrenholtz von NDR Info.

Wenn jetzt schon Musiker den Literaturnobelpreis bekommen, wird das Ganze noch undurchschaubarer! Man ist ja ohnehin Kummer gewöhnt, jedes Jahr im Oktober, wenn in Stockholm mit unbewegter Miene der Preisträger bekannt gegeben wird.

Denn möglicherweise hat man den Namen noch nie zuvor gehört. Seamus Heaney, Wisława Szymborska, Gao Xingjian, Jean-Marie Gustave Le Clézio, Mo Yan - sicher, sicher - allesamt bewundernswerte Literaten, aber müssen sie gleich den Nobelpreis bekommen?

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Popsängerin und Songschreiberin Lady Gaga - Literaturnobelpreisträgerin 2017?

Bob Dylan, jaaa, tolle Texte, aber jetzt mal ernsthaft? Literaturnobelpreis? Und nächstes Jahr dann Paul McCartney? Phil Collins? Lady Gaga? Was ist denn mit den tollen Autoren und Autorinnen? Philip Roth, Ian McEwan, Joyce Carol Oates, Margaret Atwood, Jonathan Franzen. Preisträger, die Menschen zum Lesen animieren. Das wünscht man sich doch vom Literaturnobelpreis!

Deshalb große Begeisterung vor drei Jahren, als tatsächlich der Name Alice Munro verkündet wurde. Kennt man, mag man. Liest man gern, verschenkt man gern. Ebenso Mario Vargas Llosa oder Doris Lessing. Aber polnische Lyrik, chinesische Märchen, absurde Theaterstücke?

Es gibt Literaturnobelpreisträger, die Verlage und Buchhandlungen ins Unglück gestürzt haben. Weil sie die Werke irgendwie vorrätig haben mussten, aber niemand kam und kaufte. Tja. Unwahrscheinlich, dass Bob Dylans obskurer Gedichtband mit dem Titel "Tarantula" in einer Neuauflage - mit dem Aufkleber Nobelpreis 2016 - ein Bestseller werden kann.

Warum eigentlich nicht Bob Dylan?

"Natürlich. Na endlich", findet Ocke Bandixen von NDR Info.

Bob Dylan bekommt den Literaturnobelpreis. Keiner hat ihn so verdient wie er - aus der gesamten Klasse der populären Musik, meine ich. Natürlich gibt es große Schriftsteller, Romanautoren, Dichterinnen, Dramatiker, die ihn alle verdient hätten, diesen Preis. Und: die ihn hoffentlich auch bekommen, im nächsten oder übernächsten Jahr.

Aber: Warum eigentlich nicht Bob Dylan? Ein fahrender Poet. Ein Sänger seiner eigenen Gedichte, die vom Staub der Straße handeln, von Dieben und Pistolenhelden. Von falschen Versprechen und echten Enttäuschungen. Die auch keine Antwort auf die wichtigen Fragen haben, aber: sie neu gestellt haben, und das sehr originell und überaus poetisch: Was will der Mensch? Wann kommt der Frieden? Was wird aus dieser zerrissenen Welt?

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Welcher Autor hat so viele Fans wie Folksänger und Lyriker Bob Dylan?

Wahrscheinlich haben seine Zeilen mehr Menschen erreicht als alle in allen erschienenen Lyrikbänden des 20. Jahrhunderts. Und ist das schlimm oder schädlich, nur weil es im Radio war, über Schallplatten, CDs, auf Konzerten?

Oder: weil er so komisch aussieht, merkwürdig singt oder weil einen die Mundharmonika nervt?

Und, wen es beruhigt: Bob Dylan ist und war immer der wohl ungewöhnlichste, unvorhersehbarste Musiker, der die Massen erreichte, den es gab. Also, ein Star dieser Branche, der am wenigsten Star war. Hat sich den Erwartungen seiner Fans und Kritiker immer wieder entzogen, viele enttäuscht, hat sich schon alle paar Jahre neu erfunden, als David Bowie, Madonna und Prince noch richtige Namen hatten, hat seine eigene Legende immer weiter verwischt und verwoben. Hat aus sich selbst eine Karikatur und Legende gleichzeitig gemacht. Und beinahe eine literarische Figur, jawohl.

How does it feel - Literaturnobelpreis für Bob Dylan? Gut. Und richtig.

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kommentare | 13.10.2016 | 17:08 Uhr

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