Stand: 15.06.2017 17:21 Uhr

Eintauchen in die Tagträume der Alice Teichert

von Nadine Dietrich

Sie malt, sie komponiert, sie baut Installationen und sie stellt ihre Werke weltweit aus: die kanadische Künstlerin Alice Teichert. Ihre gemalten Bilder leuchten äußerst intensiv und haben eine große Tiefe - sie lohnen definitiv den Besuch im Museumsquartier St. Annen, wo sie bis zum 15. Oktober in der Ausstellung "Zwischen den Zeilen. Die Kunst von Alice Teichert im Dialog mit dem Mittelalter" zu sehen sind.

Die 59 Jahre alte Künstlerin spielt aber auch gern mit Buchstaben und dem Klang von Worten und Sprachen. Sie hat dazu eine Installation entwickelt - und die hat sie neben ihren Bildern in der Lübecker Kunsthalle aufgebaut.

Mit dem Akku-Schrauber öffnet Alice Teichert die letzte der 65 Kisten, in denen ihre Kunst aus Kanada nach Lübeck gekommen ist. In dieser letzten Kiste befinden sich die Einzelteile der Installation, die die Künstlerin als ihr Lebenswerk bezeichnet.

Die Faszination des Klangs

Bei der Installation geht es um Klang und Widerhall von Stimmen und Sprachen, denn das fasziniert Alice Teichert. Geboren ist sie in Paris, aufgewachsen in Brüssel, mit einem deutschen Vater und einer niederländischen Mutter, die Pianistin war. Später wanderte sie nach Kanada aus.

"Wenn man als Kind vier Sprachen gleichzeitig lernt, dann lernt man auch seine eigene Position wahrzunehmen. Jede Sprache hat ihre Grammatik und Regeln. Und wie geht man damit um, wenn man von einer Sprache auf die andere ständig wechselt? Der gemeinsame Nenner ist die Musik, ein Verstehen eines Klanges und die Kurven, die jede Sprache in sich hat", erklärt die Künstlerin.

Dreidimensional durch Licht

Alice Teichert schraubt lange, dünne Aluminiumstäbe auf ein kniehohes Podest. Entlang jedes Stabes sind einzelne Buchstaben in unregelmäßigen Abständen befestigt. Sofort beginnen die Augen damit, die Buchstaben zu Worten zusammenfügen zu wollen, nach einem Textsinn zu suchen. Aus der Distanz ist zu lesen: "A form of resonance" - zu deutsch: "Eine Art von Resonanz". Die Künstlerin stellt links und rechts des Podests Lampen auf - eine mit warmem und eine mit kaltem Licht. Die Buchstabenschatten fallen dadurch in verschiedenen Grautönen auf die Leinwand - Dreidimensionalität entsteht.

Die Installation ist Teil eines Musikwerkes, das Alice Teichert geschrieben hat. Studierende der Musikhochschule Lübeck haben es erarbeitet und werden die Komposition am 8. Juli im Museumsquartier St. Annen aufführen.

Rückbesinnung auf Europa

Es geht um das Spiel mit dem Klang von Vokalen, von Konsonanten, von menschlichen Lauten, auch mal ganzen Wörtern. "Alice Teicherts Werke sind in der ganzen Welt präsent, von Kanada über Amerika bis nach Australien, in der Schweiz", sagt Dagmar Täube, die Leiterin des Museumsquartiers St. Annen in Lübeck. Sie hat sich intensiv mit Alice Teicherts Kunst beschäftigt. Zur Ausstellung erscheint Dagmar Täubes Monografie zur Künstlerin.

Sie freue sich ganz besonders, "dass diese Künstlerin mit europäischen Wurzeln, die seit vielen Jahren in Kanada lebt, jetzt hier erstmals mit einer großen Retrospektive zu sehen sein wird. Ich schätze an ihr ihre Vielfalt, ihre vielfältigen Beziehungen auch zur alten Kunst, diese Wurzeln, sowohl die grafische Kunst, als auch die Malerei und die Literatur."

Leuchtkraft und Tiefe

Für die Ausstellung im Museumsquartier St. Annen hat sich Alice Teichert mit den mittelalterlichen Altären dort beschäftigt, mit den Farben und Schriften jahrhundertealter Bücher. Ihre großformatig gemalten Bilder hängen häufig neben wertvollen mittelalterlichen Bänden - sie korrespondieren mit den jeweils aufgeschlagenen Seiten, den farbenprächtigen und oft mit Gold verzierten Drucken und Schriften.

Da sie mit flämischer Kunst aufgewachsen sei, sei das für sie ein überwältigendes Erlebnis, erklärt die Künstlerin. In Kanada habe sie wahrgenommen, wie nah ihr diese Welt stehe und wie das Mittelalter sie inspirierte.

Wer all dies nicht weiß, wer sich lediglich vor Alice Teicherts Bilder stellt und schaut - auch der wird seine Freude haben: Die Bilder haben eine intensive Leuchtkraft, sie sind von faszinierender Tiefe, sie wirken teilweise so weich und plastisch, als könne man die Hand hineintauchen. Sie laden zum Tagträumen ein - was der Künstlerin, wie sie selber sagt, sehr recht wäre.

"Visuelle Poesie" im Lübecker St. Annen Museum

Eintauchen in die Tagträume der Alice Teichert

Die Kanadierin Alice Teichert spielt gern mit Farben und dem Klang. Ihre großformatigen Werke hängen nun neben wertvollen mittelalterlichen Bänden im Lübecker St. Annen Museum.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthalle St. Annen
St. Annen-Straße 15
23552  Lübeck
E-Mail:
mkk@luebeck.de
Preis:
6 Euro, ermäßigt 3 Euro; bis 18 Jahre 2 Euro
Öffnungszeiten:
01.04. bis 31.12. - dienstags bis sonntags, 10 - 17 Uhr
Hinweis:
Zwischen den Zeilen. Die Kunst von Alice Teichert im Dialog mit dem Mittelalter

Zur Ausstellung erscheinen:
eine Monografie von Dagmar Täube "In Formation. Zur Philosophie und Kunst von Alice Teichert. Deutsch, Englisch | 144 Seiten | ca. 34,90 Euro)
und das Begleitheft "Zwischen den Zeilen. Die Kunst von Alice Teichert im Dialog mit dem Mittelalter." hrsg. von Dagmar Täube | 48 Seiten | 7,80 Euro)
In meinen Kalender eintragen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 15.06.2017 | 19:00 Uhr

Weitere Ausstellungen im Museum

mit Video

Stilikonen der Designgeschichte in Lübeck

26.03.2017 19:30 Uhr

In Lübeck sind die sehr unterschiedlichen Schätze von vier Sammlern zu bestaunen: jahrhundertealtes Porzellan, Silber, Kunstvolles aus Rinderknochen und Ur-Omas Toaster.  mehr

Region

mit Video

Lübeck: UNESCO-Welterbe seit 30 Jahren

Gotische Kirchen, enge Gassen, moderne Museen: Lübeck trumpft mit einem großen Kulturangebot auf. Seit 30 Jahren gehört die Hansestadt zum Welterbe. Das wird jetzt gefeiert. mehr

Mehr Kultur

02:22

Porträt: Die Fotografin Anna Zuidema

20.08.2017 20:15 Uhr
Landpartie - Im Norden unterwegs
02:38

Heimatkunde: Portugiesen

19.08.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal
02:07

Matsch und Glitzer: MS Dockville gestartet

19.08.2017 19:30 Uhr
Hamburg Journal