Stand: 07.06.2015 10:49 Uhr

Politisches Pianoforte mit Igor Levit

von Robert Colonius, Student an der Universität Hannover
Musik ohne das Politische? Geradezu "gefährlich", sagt Pianist Igor Levit. Gerade als Künstler könne man nicht neutral sein.

Hannover Herrenhausen, Orangerie: Zwischen dem Lärm von Bauarbeiten und Straßenbahn ertönt Beethoven durch den leeren Saal. Die Bühne sieht aus wie ein Studentenwohnheim, das man unangekündigt betritt: Eine Jacke, Ukulele, Flasche, einige Noten und ein Tisch mit zwei langen Ketten liegen dort verstreut. Dazwischen spielt Igor Levit sich für sein abendliches Konzert ein.

Beethoven vom Tondrama zum Seelensturm

"Die Appassionata ist das revolutionärste Stück, das heute auf dem Programm steht", sagt Levit, nachdem der letzte Ton verklungen ist. "Jeder hört dabei etwas anderes. Aber alle Werke Beethovens sind unzertrennlich mit dem verbunden, was ihn täglich umgeben hat." Klassisch-tragisches Tondrama in Shakespeare-Manier, Seelensturm, Virtuosenvehikel - ja, die Fülle der Deutungen dieser Sonate ist enorm. Beethoven war nun mal kein Freund der platten Programmmusik.

"Ich frage mich, ob Cardew sein Stück selber spielen konnte"

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Levit probt weiter. Süßlich, beinahe kitschig klingt der Anfang der "Thälmann-Variationen" von Cornelius Cardew, der mit diesem Werk dem einstigen KPD-Vorsitzenden und 1944 hingerichteten Ernst Thälmann ein Denkmal setzen wollte. "Ich frage mich, ob Cardew sein Stück selber spielen konnte - das ist am Ende doch sehr anspruchsvoll", sagt Levit. In der Tat: Hier mischt sich schon fast Pop-artige Harmonie mit virtuosen Klavierzutaten. Da mag es schwerfallen, die Musik ernsthaft zu interpretieren, wobei das ernste Thema dies im Grunde verlangt. Doch wenn Levit seine Finger im Spiel hat, hält man es für große Musik.

Alltag ohne Politik? - "Gefährlich"

Sollte man eigentlich Politik und Musik vermischen? Viele Künstler (und auch Zuhörer) begreifen Musik als Flucht aus dem Alltag. Das ist für Levit völlig unverständlich. Musik und die gesamte Kunst überhaupt entstamme dem Alltag. "Und zum Alltag gehört nun einmal auch Politisches. Sich davon zu verabschieden, halte ich für falsch und gefährlich."

Wenn das Klavier zum Schlaginstrument wird

20 Uhr, Konzert: Auf den Cardew folgt Rzewskis große Ballade "It Makes A Long Time Man Feel Bad", der das gleichnamige Lied schwarzer Zwangsarbeiter im Amerika der 1930er-Jahre zugrunde liegt. Doch anders als bei Cardew muss Levit hier nicht nur Tasten drücken, sondern das Klavier (und sich selbst) regelrecht als Schlaginstrument benutzen, dazu pfeifen, schnipsen, mit der Zunge schnalzen und gegen Ende mit der Kette vom Vormittag rasseln. Levit führt das alles mit einer Ernsthaftigkeit und Leidenschaft auf, dass das Geschehen auf der Bühne nicht eine Sekunde lang lächerlich wirkt, sondern hochspannend und mitreißend gelingt. Man spürt die Mittagshitze, wie sie die ohnehin schwere Arbeit noch quälender macht, die völlig aussichtslose Lage, aus der man sich nicht befreien kann. Hat man am Ende der Ballade die Ketten der Unterwerfung doch noch ablegen können? Bei Levit scheint es der Fall zu sein.

Flügel droht unter "Lyon" zu zerbersten

Liszts "Lyon", an sich ein naives, donnerfreudiges Frühwerk in Doppeloktaven, soll an die niedergeschlagenen Proteste der Seidenweber in Lyon 1834 erinnern. Diese Streiks waren übrigens die ersten ihrer Art im Arbeitskampf. Levit spielt dieses Stück wie im Rausch, der Flügel droht zu zerbersten. Das pathetische Motto "In der Arbeit leben oder im Kampf sterben", das Liszt seinem Werk einst voranstellte, hat Levit in diesem Moment vollkommen verinnerlicht.

Ein ganz anderes Bild zeichnet hingegen Dessaus "Guernica". Hier werden die Kriegsschrecken hörbar, die auch Picasso zu seinem berühmten Bild inspirierten, als die deutsche Luftwaffe 1937Gernika zerstörte. Dissonante Akkorde, die sich nie auflösen, lassen einen auf der Suche nach jeglicher Harmonie im Stich. Am Ende läuft alles ins Nichts.

"Da kann man doch hören, was man will"

Doch dann, ohne Pause, beginnt Levit die Appassionata mit ihrem leisen Motiv, das im Lauf der Sonate immer mehr an Kraft gewinnt. Das Pochen und die wüsten Ausbrüche des ersten Satzes, der Choral des zweiten und das scheinbar ewige Kreisen des Finales: Das alles macht Levit zwingend und doch auf spontane Art hörbar. Endet die Sonate nun in einer Katastrophe oder im Triumph? "Da kann man doch hören, was man will", meint Levit. "Die Hauptsache ist, dass man etwas hört."

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