Stand: 30.07.2015 10:00 Uhr

Günther Förg: Malen nach Zahlen

von Benedikt Scheper

Ral 1018, Ral 1005, Ral 5008: Fachbezeichnungen für Zinkgelb, Honiggelb, Graublau - drei monochrome Rechtecke, 5,20 Meter mal sechs Meter groß. So empfängt einen die Günther Förg-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen. Ein ambitionierter Ansatz des Direktors Dirk Luckow - und eine Herausforderung für den Betrachter, denn die schier endlosen Farbquader sind vom Künstler selbst nicht symbolisch aufgeladen.

Günther Förg (1952-2013) ging es um etwas anderes, um die Präsenz der Farbe. "Dass sie nichts ist als sie selbst, nämlich Farbe als Material auf der Wand und ihre Dimension im Raum. Die Wucht und Vehemenz der Farbe, die spürt man hier, die berührt einen unmittelbar", erklärt Luckow. Farbauswahl und -kombination stehen im Vordergrund, wenn etwa Cremeweiß von Gelbgrün und Tieforange gefolgt wird. Darüber ein giftgrüner Strich, der von einer angrenzenden Wand gebrochen wird, aber auf der anderen Seite weiterführt, hier allerdings über kräftigem Signalblau und Zinkgelb.

Wände im Dialog mit dem Raum

Frisch gemalte Kopien?

Ein farbtheoretisches Experiment, das sich allerdings nur an früheren Ausstellungen orientiert, denn alle gezeigten Werke sind lediglich frisch von Malern gestrichen. Dabei musste bei der Vergrößerung auf eine maßstabsgerechte Umsetzung geachtet werden. Mit Originalen hat das jedoch nichts mehr zu tun. So sprengt die Deichtorhallen-Ausstellung Grenzen, die bei anderen Künstlern unverrückbar scheinen.

Erst ein Blick auf die wenigen optischen Abwechslungen erklärt diesen vermeintlich abseitigen Weg. Neben reinen Farbflächen enthält die Schau auch ansatzweise gegenständliche Werke, wie drei schwarze, ikonografische Fensterkreuze aus Basel mit einem roten Gitter, das an die Schweizer Nationalflagge erinnern soll. Oder auch eine selbst für die riesige Ausstellungshalle großformatige gestische Arbeit. Das Besondere dieser Kopie einer 1999 entstandenen Wandmalerei.

Das Original existiert noch in einer Bank in Amsterdam: eine schultafellackschwarze Grundierung, "darauf dann - wie er sagte mit einer grauen Tunke - noch einmal gestische Akzente. Die spannende Frage war für uns, wie kriegen wir das hin? Der Gestus ist eigentlich ja sehr an den Künstler gebunden, ist etwas Authentisches, Persönliches. Es war ihm klar, dass seine Werke temporär sind. Er hatte eine Assistentin, die war trainiert. Er musste die Arbeit nicht selbst ausführen und hat auch nur sehr wenige Wandarbeiten selbst ausgeführt", so Luckow.

Der Künstler als Auftraggeber

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Der Direktor der Deichtorhallen, Dirk Luckow, verfolgt mit der Ausstellung einen ambitionierten Ansatz.

Und so wurde das Werk von Malern und zwei Bühnengestalterinnen nach einem Foto gemalt. Trotzdem bleiben Ursache und Begründung der Ausstellung etwas fraglich: "Der Vertreter des Günther Förg Estates, Michael Neff, hat mich schon vor einiger Zeit angesprochen, ob wir nicht diese Wandarbeiten mal in den Deichtorhallen zeigen könnten. Und wir hatten ja mit 'Picasso in der Kunst der Gegenwart' eine bestimmte Wandkonstellation hier gegeben, die ich perfekt fand für die Umsetzung der Wandformationen und Raumaufteilung", sagt Luckow.

Günther Förgs Ouevre zeichnet sich durch Vereinfachung aus, die sich fast jeglichem Interpretationsansatz verweigert. Biografische Deutungen von schwarzen Blockstreifen, die an eine vogelperspektivische Treppen-Fotografie erinnern, oder der starke Duktus des Farbauftrags zur Betonung der künstlerischen Arbeit sind möglich. Ob diese aber selbst aufgeschlossene Besucher wirklich befriedigen, wird sich an den Eintrittszahlen zeigen. Die Deichtorhallen wagen eine Ausstellung, die mehr Fragen hinterlässt als Antworten zu geben, kommt damit aber den bewusst entsymbolisierten Farbkonzepten des Künstlers sehr nah.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 30.07.2015 | 16:20 Uhr