Stand: 03.08.2017 11:46 Uhr

Dangast - die populäre Künstlerkolonie

Es führt nur eine einzige Straße nach Dangast. Stauhinweisschilder lassen erahnen, dass man am Ziel nicht der Einzige sein wird: Es ist Sommer und Dangast ist eben nicht nur Künstlerkolonie, sondern auch ein beliebter Badeort. Seit den 20er-Jahren schrieb der weltbekannte Künstler Franz Radziwill hier mit seinem "magischen Realismus" Kunstgeschichte.

Im "Kurhaus" waren sie alle  

Das bedeutende Künstlerdorf erkennt man in Dangast nicht auf den ersten Blick. An einigen wenigen Orten jedoch kann man die Vergangenheit spüren. Das "Kurhaus" ist so einer. Eine kleine Allee mit alten Bäumen führt zu dem großen alten Haus, direkt über dem Strand. Hier waren sie alle.

Die Dresdner Brücke gründete sich im Juni 1905. Erich Heckel und Karl Schmidt-Rotluff, die beide auch in Dangast arbeiteten, gehörten zu den Gründungsmitgliedern. Die Architekturstudenten wollten die akademische Malweise hinter sich lassen und der Kunst eine völlig neue Richtung geben. Nach dem Umzug nach Berlin löste sich die Gruppe 1913 auf.

Angefangen hat es in den Jahren 1907 bis 1911 mit den Expressionisten der Dresdner "Brücke": Allen voran Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel. Für sie wurde Dangast eine wichtige Station auf der Suche nach einer Malerei, die ihrem Lebensgefühl entsprach. Es entstand eine vereinfachende Malerei, die das Vorhandene nicht bloß impressionistisch widerspiegeln wollte, sondern die erlebte Natur in ausdrucksstarke Visionen verwandelte. "Die Landschaft am Jadebusen hat durch ihre Herbheit und die Kraft ihrer Farben wesentlichen Einfluss auf uns ausgeübt", schreibt Schmidt-Rotluff später.

"Kein Bild ohne Dangast"

Mit dem Ende der Brücke-Gemeinschaft im Jahr 1913 wird es zunächst ruhiger um Dangast. Auf eine Empfehlung Schmidt-Rottluffs kommt fast zehn Jahre später Franz Radziwill nach Dangast.

Dangast - Die Spuren der Kunst

Im "Kurhaus" besorgt man ihm eine Bleibe, und hier lernt er auch seine Frau kennen. Der Maler bleibt bis an sein Lebensende im Ort. "Kein Bild von mir wäre ohne Dangast entstanden", erklärt er 1970.

Die Freie Akademie Oldenburg gründete sich im Februar 1975. Den Gründungsmitgliedern Anataol und Eckart Grenzer ging es nach dem Vorbild des Joseph Beuys darum, die kreative Neugier bei den Menschen zu wecken und zu fördern. Jeder sollte Lehrer und Schüler zugleich sein, ohne ein festes Gebäude in Anspruch zu nehmen. Das "Kurhaus" in Dangast wird zum wiederkehrenden Treffpunkt der Künstlergruppe, die sich offiziell bis heute nicht aufgelöst hat.

Am Jadebusen produziert er detailgenaue Landschaftsmalereien von beinahe fotografischer Präzision, fast immer gebrochen durch surreale Elemente, die Radziwill zu einem bedeutenden Vertreter des "magischen Realismus" werden lassen.  

Das Kurhaus bleibt auch später der zentrale Treffpunkt für die Menschen aus Dangast und Umgebung: Die 70er sind die wilden Jahre der Gruppe Freie Akademie Oldenburg in Dangast, deren künstlerische Resultate noch heute weithin sichtbar am Strand stehen.  

Franz Radziwill: "Strand von Dangast mit Flugboot" (1929) © VG Bild-Kunst, Bonn Strand von Dangast © NDR Fotograf: Harald Ganswindt
Der Künstler Franz Radziwill malte den "Strand von Dangast mit Flugboot" 1929 - und so sieht es dort heute aus etwa derselben Perspektive aus. Für einen Vergleich können Sie einfach den Schieberegler auf den beiden großen Bildern bewegen (linke Maustaste gedrückt halten oder mit dem Finger auf Smartphone/Tablet).

Dangast verändert sein Gesicht

Jahrelang galt das malerische Dangast als Geheimtipp. Inzwischen strömen - gerade während der Ferien und an Wochenenden - immer mehr Tagesgäste und Urlauber dorthin.

Gerade am Wochenende staut sich der Verkehr schon jetzt bis weit vor das Ortsschild. Parkplätze sind in der Hauptsaison und bei schönem Wetter nur schwer zu bekommen. Das Problem könnte sich schon bald verschärfen - denn in Dangast wird eifrig gebaut. Zu den bereits vorhandenen 2.500 Betten sollen 800 neue hinzukommen.

Doch der einst malerische Ort verändert nicht erst jetzt sein Gesicht. "In Dangast herrscht ein Verkehr, der es manchmal unmöglich macht, überhaupt noch über die Straße zu kommen, ganz abgesehen von dem damit verbundenen Krach, der hier eingezogen ist", schreibt Franz Radziwill schon 1975.

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