Stand: 23.11.2017 00:01 Uhr

Vorurteilsfreier Blick auf Kunst aus der DDR

von Lenore Lötsch
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Jörg-Uwe Neumann leitet die Kunsthalle Rostock seit 2009 und gibt auch Werken aus der DDR einen Raum.

Es ist das Jahr 28 nach dem Mauerfall, und immer noch wird heftig diskutiert über die Kunst, die in der DDR entstanden ist. In Dresden ist in diesem Monat die alte Diskussion um den deutsch-deutschen Bilderstreit wieder entflammt. Anlass war ein Artikel in der "Sächsischen Zeitung", in dem ein Kunstwissenschaftler sich darüber erregte, dass im Dresdner Albertinum fast kein Bild mehr hängt, das in der Zeit der DDR entstand. Der Vorwurf: Ostkunst wird ins Depot entsorgt, und zwar von einem, wie er schrieb, "westdeutsch dominierten Kunstbetrieb". Ist das tatsächlich so?

"Bilder als Botschaft" - dieser Schriftzug sitzt Jörg-Uwe Neumann gewissermaßen im Nacken. Er steht auf dem Plakat, das hinter seinem Schreibtisch in der Rostocker Kunsthalle hängt. "Bilder als Botschaft" war der Titel der mit 15.000 Besuchern erfolgreichen Sommerausstellung im Haus: Eine Retrospektive des Künstlers Wolfgang Mattheuer. Der wäre in diesem Jahr 90 Jahre geworden.

Eine Leerstelle füllen

In Leipzig, Mattheuers Wirkungsstätte, wagte man sich nicht an eine solche Schau. "Ich habe von Anfang an gesagt: diese Positionen sind mir sehr, sehr wichtig, sie sind einem großen Publikum bekannt, aber sie wurden lange nicht mehr gezeigt. Das habe ich als Leerstelle empfunden.", sagt Jörg-Uwe Neumann. Er ist eigentlich Zahnarzt und übernahm 2009 die Direktion der Rostocker Kunsthalle, die damals beinahe vor der Schließung stand.

"Kunst in der DDR ist sehr vielschichtig"

Neumann ist hier aufgewachsen, auch mit den Bildern von Willi Sitte, Werner Tübke, Wolfgang Mattheuer oder Arno Rink. Ihn treibt nicht die Nostalgie, sondern ein Kunstverstand, der nicht in Lagern denkt. Neumann ärgert sich maßlos, wenn in westdeutschen Feuilletons über die "DDR-Kunst" geschrieben wird, denn schon dieser Begriff wertet. Eine "DDR-Kunst" gibt es aus Neumanns Sicht nicht: "Es gibt Kunst in der DDR und die ist sehr vielschichtig und unterschiedlich, es gibt ja auch nicht bundesdeutsche Kunst. Das ist eine Verallgemeinerung, die nicht richtig ist. Wenn man gerade die sehr gelungene Ausstellung in Potsdam sieht, die jetzt die Bandbreite der Kunst in der DDR aufzeigt, ist es spannend, was in diesen vierzig Jahren passiert ist."

Einen zweiten Blick wagen

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Erst vor Kurzem zeigte die Rostocker Kunsthalle eine Retrospektive des Leipziger Künstlers Wolfgang Mattheuer.

Reflexartig sind die Urteile über diese Kunst: Auftragskunst, staatstragender, sozialistischer Realismus. Der zweite Blick wurde lange nicht gewagt, und das Interesse an Entdeckungen ist im Westen Deutschlands nach wie vor eher gering. Auch bei der großen Mattheuer-Retrospektive suchte Neumann vergeblich nach einem Partnermuseum in den alten Bundesländern. Nun wird sie im holländischen Zwolle gezeigt.

Museen tragen Handschrift ihrer Direktoren

Das neu erwachte und an vielen Stellen schmerzhafte Dresdner Selbstbewusstsein dieser Tage hat auch im deutsch-deutschen Bilderstreit ein neues Kapitel eröffnet: Laut und teilweise pöbelnd wurde dort der Museumsdirektorin Ignoranz gegenüber der ostdeutschen Identität unterstellt.

Jörg-Uwe Neumann kann das nicht verstehen: "Wenn man auf die Museumsrealität guckt, ist es auch nicht ganz unbegründet, dass sich manche etwas unterrepräsentiert fühlen; das liegt sicherlich auch an der Politik und daran, wer damals in den großen Häusern eingesetzt wurde. Das waren häufig Kunsthistoriker aus dem alten Bundesgebiet, die diese Posten von den 'verbrannten' DDR-Direktoren übernommen haben, und die haben natürlich erst mal ihre eigene Handschrift eingebracht."

"Einen guten Raum für die Kunst schaffen"

Auch in Rostock kamen in den 90er-Jahren neue Museumsdirektoren, die durchaus auch mal Bilder aus der Sammlung an Künstler zurückgaben, weil "solche" Kunst jetzt nicht mehr interessiere. Und in Schwerin, wo das Staatliche Museum eine große Kunstsammlung aus DDR-Zeiten besitzt, wurden die Bilder aus dieser Zeit lange gar nicht gezeigt - und wenn, dann in den unsanierten Wirtschaftsräumen des Güstrower Schlosses.

Das Publikum spürte die spitzen Finger der Direktion und schluckte die Zurücksetzung. Jörg-Uwe Neumann arbeitet, wenn es um die 12.000 Arbeiten umfassende Sammlung der Rostocker Kunsthalle geht, am liebsten mit jungen Kuratoren zusammen, solchen, die vorurteilsfrei auf die Kunst blicken. Und sein Ratschlag geht nach Dresden und Leipzig, aber auch nach Hamburg und Hannover: Die Bilder sind die Botschaft! Neumanns Plädoyer lautet: "Es geht um Kunst, und für die sollen wir einen guten Raum schaffen."

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