Stand: 10.12.2015 17:30 Uhr

Franco Clivios Wunderkammer des Alltäglichen

von Ruth Asseyer

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg zeigt eine Ausstellung mit Dingen, die wir normalerweise in Küchenschubladen, Werkzeugkisten, im Keller oder im Garten finden: Gebrauchsgegenstände wie Messer, Scheren, Brillen, Hammer, Taschen oder Regenschirme, insgesamt 1.000 Objekte. Gesammelt hat sie der Schweizer Produktgestalter Franco Clivio. "No Name Design" heißt die Ausstellung, eine Wunderkammer des Alltäglichen, das man hier ganz neu entdecken kann.

Impressionen von der Ausstellung "No Name Design"

Ein Designer will er nicht sein

Franco Clivio sammelt, seit er Hosentaschen hat. Die Welt alltäglicher Gegenstände fasziniert ihn. Der Schweizer hat für namhafte Firmen Kugelschreiber und Lampen entworfen und dafür Preise bekommen, aber die Berufsbezeichnung Designer mag er trotzdem nicht: "Ich bin eigentlich gar kein Designer, ich bin Gestalter", sagt er: "In der deutschen Sprache gibt es das Wort 'gestalten', und es beinhaltet eigentlich viel mehr als Design. Heute ist jeder Bäcker, jeder Frisör ein Designer - und es gibt auch den Konflikt-Designer, das ist der Psychiater."

Design, das klingt für Franco Clivio modisch, und Moden interessieren ihn nicht. Aber wenn etwas gut funktioniert, seinen Dienst erfüllt, dann ist er begeistert. "Wir sehen hier zum Beispiel einen Naturschwamm und dieser Naturschwamm hat die Eigenschaft, dass er 20 mal sein Eigengewicht an Wasser aufnehmen kann", erzählt er. Der Naturschwamm liegt in einer der dreißig Vitrinen. In langen Reihen aufgestellt füllen sie den Raum. Darin steht lauter Krimskrams, sorgfältig arrangiert nach bestimmten Themen. Unter der Überschrift "natürliche Materialien" gibt es beispielsweise einen Feuerfächer aus Gänsefedern oder einen Teppichklopfer: "Das ist Weide, das ist Holz und durch das Wasser wird das Holz geschmeidig", erklärt Clivio. "Ich kann das flechten wie ich will, und wenn es dann trocken ist, ja, habe ich ein unglaublich elastisches, ein perfektes Werkzeug."

Vielfältiges aus Draht

Etwa 1.000 Objekte liegen in den Vitrinen, darunter 17 verschiedene Taschenmesser. Aber das einfache Klappmesser, so Franco Clivio, ist immer noch das Beste. Unter der Überschrift Verbindungelemente sieht man Zwirnsfäden, Angelhaken und: Druckknöpfe - die gibt es schon seit 125 Jahren. Ein paar Schritte weiter steht man vor lauter Objekten aus Draht, wie zum Beispiel einem geflochtenen Untersetzer. "Das finde ich das Phänomenale", schwärmt Clivio: "Das Produkt wiegt 70 Gramm und ich kann es mit 100 Kilo belasten. Es geht um die Vielfalt von Möglichkeiten, was ich mit Draht machen kann, von der Brille bis zur Mäusefalle bis zu einem gewobenen Drahthandschuh für den Metzger, für den Austernöffner."

Stündlich Neues im Brockenhaus

Franco Clivio ist Dozent an der Hochschule für Gestaltung in Zürich. Mit Hilfe seiner Sammlung sollen die Studierenden Sehen und Begreifen lernen. Und er bringt ihnen immer etwas Neues: Denn gleich um die Ecke ist das sogenannte Brocken-Haus, das Nachlässe kauft. "Anstatt einen Kaffee zu trinken bin ich da schnell vorbeigelaufen, weil in so ein Brockenhaus kommen stündlich neue Sachen rein und stündlich sind sie auch wieder weg", erzählt er.

Flohmärkte am Zürcher See sind auch eine Fundgrube: "Heutzutage werden ja alle Produkte mit Namen verkauft, und mich interessiert das Produkt. Es interessiert mich nicht, welche Firma das gemacht hat, sondern wie gut das Produkt ist. Wie erfüllt das meine Anforderungen?"

Und so zeigt diese Ausstellung gutes zeitloses Design. Wie raffiniert eine Schnapsflasche ist, deren Verschluss zugleich als Glas funktioniert, wie faszinierend schön und einfach ein Modellflugzeug aus Federn ist: Franco Clivio führt es in seiner Wunderkammer des Alltäglichen vor.

Franco Clivios Wunderkammer des Alltäglichen

Der Produktgestalter Franco Clivio sammelt seit seiner Kindheit. Sein Herz gehört dabei nicht Markenprodukten, sondern Alltagsgegenständen. 1.000 davon zeigt das Museum für Kunst und Gewerbe.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz 1
20099  Hamburg
Telefon:
(040) 42 81 34 - 880
E-Mail:
service@mkg-hamburg.de
Preis:
10 Euro, ermäßigt 7 Euro, Do ab 17 Uhr 7 Euro, unter 18 Jahre frei
Öffnungszeiten:
Di - So 10-18 Uhr
Do 10 - 21 Uhr (an oder vor Feiertagen: 10-18 Uhr)
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 10.12.2015 | 19:00 Uhr

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