Stand: 16.02.2017 11:07 Uhr

Warten als kreativer Zustand

von Melanie von Bismarck

Ob wir nun auf den Bus warten, auf den Messias, auf den Frühling oder auf einen Pass in einem Bezirksamt - warten gehört zum Leben. Die Hamburger Kunsthalle widmet diesem spannenden Phänomen jetzt eine große Themenausstellung mit Skulpturen, Filmen, Fotografien und Installationen von 23 internationalen Gegenwartskünstlern. "Warten - zwischen Macht und Möglichkeit", so der Titel.

Warten als Thema in der Kunst

Das Foto von einer Frau, fast lebensgroß. Worauf sie wartet, ist unübersehbar, denn ihr hochschwangerer Bauch wölbt sich dem Betrachter entgegen. Sie ist entspannt. Ihr Warten ist Teil eines natürlichen Prozesses. Wie anders stellt sich das Warten auf den Fotos von Paul Graham dar! Zur Regierungszeit von Margret Thatcher, als die Arbeitslosigkeit in England massiv anstieg, hat er wartende Menschen in Arbeitsämtern fotografiert.

Wer Macht hat, lässt Warten

"Die Uhren an den Wänden, die Schäbigkeit der Möbel, die Rest von Chipstüten, oder Getränken auf dem Boden, dann natürlich diese abgeschlaffte, verzweifelte und ausdruckslose Körperhaltung und Mimik - da zeigt sich das Warten als ein absolutes Machtinstrument und auch ein Zeichen sozialer Ungleichheit", das im Warten soziale Ungleichheit ihren Ausdruck findet - das hat Kuratorin Brigitte Kölle an dem Thema besonders interessiert.

Menschen mit Macht warten nicht - sie lassen warten. "Das hat auch sehr viel zu tun mit dem Begriff des Wartens, wo er herkommt, nämlich vom Dienen. Bis zum 16. Jahrhundert haben wir das Verb warten synonym mit dienen verwandt. Es klingt noch so ein bisschen an in dem englischen Begriff waiter, der Kellner, oder auch in dem deutschen altmodischen Begriff 'die Aufwartung machen'", erklärt Kölle.

Warten unter widrigen Bedingungen

Ganz aktuell zum Thema gehören die Geflüchteten an den Grenzen Europas, "wo Menschen wirklich unter widrigsten Bedingungen in der winterlichen Kälte ausharren müssen." Das sei auch eine Form von Macht, die wir auf andere ausüben, erklärt die Kuratorin.

Der Berliner Künstler Jens Ulrich hat die chaotischen Zustände erlebt, als sich im Jahr 2105 in Berlin vor dem völlig überforderten Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) immer mehr Flüchtlinge ansammelten. Er hat die Szenen fotografiert. Dann sei ihm irgendwann klar geworden, dass er als Künstler etwas dazu machen müsse, meint der Künstler.

So hat er eben diese Kombination gefunden: Jens Ullrich hat seine Fotos von den Flüchtlingen hinein montiert in Bilder von hochherrschaftlich eingerichteten Räumen einer Fabrikantenvilla. Höchst irritierende Bilder sind so entstanden. In vielen Religionen, so im Christentum und im Islam, gilt Geduld als hohe Tugend. In unsere Zeit mag sie nicht passen.

Vom Warten freikaufen

"Da ist schon zu beobachten, dass wir heute in unserer schnelllebigen Zeit eigentlich alles tun, um uns vom Warten freizukaufen. Beispiel Privatversicherte, die beim Arzt eben nicht so lange warten müssen wie Kassenpatienten oder wir haben den Priority Check oder Fastlane am Flughafen." - Gerade Künstler, so Brigitte Kölle, kennen sich mit dem Thema Warten bestens aus. "Künstler müssen tagtäglich mit diesem Leerlauf auch zurande kommen, oder einfach damit, den eigenen Gedanken auch nachzukommen, oder auch damit, dass man sich im Warten selber begegnet". Das sei auch nicht einfach, meint Kölle, denn man erlebe sich ja selbst nicht immer als großartig, sondern auch in seinen ganzen Unzulänglichkeiten und Beschränktheiten.

Begegnungen beim Warten

Wie warten zur Quelle von Kreativität wird, zeigt ein zauberhafter Zeichentrickfilm von Jochen Kuhn. An einer Bushaltestelle beobachtet ein älterer Herr einen jungen Mann und eine junge Frau, die sich unvermutet ihre Liebe gestehen. "Das ist ein wunderbares Beispiel, weil da gezeigt wird, wie in Situationen, in denen wir warten, auch die Fantasie mit uns durchgehen kann, wie die Kreativität plötzlich übersprudeln kann. Und wir wissen nicht genau: Hat dies Begegnung nun wirklich stattgefunden oder ist das nur ein Hirngespinst des Erzählers", beschreibt der Filmemacher die Handlung seines Films "6 min".

An jeder Ecke hält der Rundgang durch diese Ausstellung Überraschungen bereit. Ein Genuss - und ungemein anregend.

Warten als kreativer Zustand

Warten - nicht nur ein Zustand, sondern auch Quelle von Kreativität. Die Hamburger Kunsthalle widmet diesem Phänomen Skulpturen, Fotografien und Installationen von 23 internationalen Künstlern.

Datum:
Ende:
Ort:
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall (am Hauptbahnhof)
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 428 131 200
E-Mail:
info@hamburger-kunsthalle.de
Preis:
12,- Euro, am Wochenende und Feiertags 14,- Euro, Donnerstags 18 bis 21 Uhr 8,- Euro / ermäßigt 6,-/7,- Euro / Kinder und Jugendliche frei
Öffnungszeiten:
Di. bis So.: 10 - 18 Uhr
Do.: 10 - 21 Uhr, vor Feiertagen 10 - 18 Uhr
Montag geschlossen
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Abendjournal | 16.02.2017 | 19:20 Uhr

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