Stand: 02.06.2015 15:45 Uhr

Kritzelbilder und Mosaiken

von Melanie von Bismarck

Die Geschichte des Zeichnens geht zurück bis zur Höhlenmalerei. Schon unsere Vorfahren zeichneten magische Bilder auf die Felsen und beschworen damit ihr Jagdglück. Später sollte sich aus Zeichnungen die Schrift entwickeln. Erst seit der Renaissance wird sie als künstlerische Gattung ernst genommen. Wie Künstler heute zeichnen - das zeigt jetzt die Jahresausstellung "Strich oder Linie" des BBK, des Bundes Bildender Künstler. 39 Hamburger Künstler des BBK wurden ausgewählt, ihre Arbeiten im Kunsthaus der Hansestadt zu präsentieren. Herausgekommen ist ein buntes breites Spektrum.

Die fantastische Welt der Striche und Linien

Der Charakter des Ursprünglichen

"Ich glaube Zeichnung hat diesen Charakter des sehr Ursprünglichen, es ist Idee, die sich manifestiert. Das ist auch das Faszinierende, dieses vielleicht nicht ganz Perfekte, nicht komplett Ausgearbeitete, dafür aber sehr Ursprüngliche und Direkte", erklärt Manfred Kroboth vom BBK. Er steht vor einem farbenfrohen Blickfang der Ausstellung. Wie ein Schwarm bunter Fische verteilen sich leuchtend orange-gelbe Figurenbildchen über eine weiße Wand - Telefonkritzeleien.

Wenn man bei langen Telefonaten gedankenverloren Männchen oder Muster zu Papier bringt, landen die in der Regel im Papierkorb. Wenn aber die Hamburger Künstlerin Maria Fisahn telefoniert, entstehen fantastische Figuren und Fabelwesen, die sie hier zu einem bunten Reigen verbindet. "Sie hat das professionalisiert und diese Zeichnungen danach ausgeschnitten und koloriert", beschreibt Manfred Kroboth die Arbeit der Künstlerin.

Schwungvolle Linien, magische Striche

Wie Zeichnung in den Raum gehen kann, zeigt Sigrid Gruber. Sie hat dünne rote Holzstangen als "aufstrebende Linien" zu einer Art Zelt gebündelt. In gerahmten Zeichnungen an der Wand entdeckt man farbige Striche, die sich zu kompakten Gebilden verdichten. Bei manch einer kolorierten Arbeit möchte man eher von Malerei sprechen. "In der Ausstellung wurde auch probiert, die ganze Vielfältigkeit von den Möglichkeiten der Zeichnung aufzuzeigen. Zumindest was Hamburg betrifft und die Bildende Kunst, gibt es natürlich auch diese Grauzonen, wo man nicht mehr so genau weiß: Ist das noch Zeichnung? Ist es schon Malerei? Ist es Skulptur? Oder ist es Video?", so der Kurator.

Strich und Linie - ist das nicht dasselbe? Die Leiterin des Kunsthauses Katja Schröder steht vor großen dynamischen Grafit-Zeichnungen mit dem Titel "Wind und Licht". Hat man das gelesen, verwandeln sich die schwungvollen Striche in Gräser, die sich im Wind bewegen. Für Katja Schröder wird hier der Unterschied zwischen Strich und Linie ganz deutlich: "Der Strich ist eher das, was Anfang und Ende hat, und die Linie ist das, was das Unendliche intendiert oder eine Weiterführung. Bei dieser Arbeit ist das ein wunderbares Beispiel, wie aus einzelnen Strichen eine Linie wird."

Historisches Material und aktuelle Bezüge

Sogar Keramik ist vertreten. Auf alten Fliesenscherben findet man Gesichter, Briefe und Tagebuchtexte in blauer Farbe. "Erinnerungsmosaik" nennt Dagmar Nettelmann-Schuldt ihr Werk. Manfred Kroboth dazu: "Es sind wirklich Fliesen aus alten Hamburger Häusern, die im Zweiten Weltkrieg zerstört und von ihr gefunden worden, wo natürlich zum Teil auch schon was drauf war. Dieses spezielle Blau hat sie genommen, um das in dieser Art und Weise auch weiter zu führen."

Als sehr aktuell erweist sich ein zunächst abstrakt wirkendes Geäst aus hellen geraden Strichen. Anja Witt hat sie mit einem spitzen Gegenstand tief in dunkle Acrylfarbe geritzt. "Tracking" heißt die Arbeit. Tracking - darunter versteht man das Ausspähen von Menschen, um zum Beispiel Daten über ihr Kaufverhalten zu gewinnen.

"Als es zum ersten Mal veröffentlicht wurde, dass Apple-Geräte das passiv mitgemacht haben, bevor es abgeschaltet wurde, haben Leute ihre Lebenswege veröffentlicht - es gab eine Software zum Auslesen - und die hatten eine hohe Ähnlichkeit. Da sieht man dann die Ostküste von Amerika und genau diese Spuren von einer Person - über drei Monate hinweg", erinnert sich Werner Schöffel. Er gehört zu der Jury, die unter den 100 Einsendungen 39 Hamburger Künstler ausgesucht hat. Zu sehen ist nun eine Vielfalt individueller künstlerischer Handschriften, die in ihrer Gesamtheit und der schönen Hängung überzeugt.

 

Kritzelbilder und Mosaiken

Wie Künstler heute zeichnen, das zeigt die Ausstellung "Strich oder Linie" im Kunsthaus Hamburg. 39 Hamburger Künstler präsentieren ihre Arbeiten - vom Kritzelbild bis zum Erinnerungsmosaik.

Art:
Ausstellung
Datum:
Ende:
Ort:
Kunsthaus Hamburg
Klosterwall 15
20095  Hamburg
Telefon:
(040) 33 58 03
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 11 - 18 Uhr
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 02.06.2015 | 19:02 Uhr