Stand: 11.10.2016 11:10 Uhr

Vegan leben: Der halbe Supermarkt ist tabu

von Katharina Jetter
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Vegan bedeutet: Verzicht auf alles, was vom Tier kommt. Also: kein Fleisch, kein Käse, keine Milch, keine Eier, kein Honig.

Sag mir, was du isst und ich sage Dir, wer du bist: In Zeiten des totalen Überflusses an Lebensmitteln wählen immer mehr Menschen ihre Nahrung genau aus, essen zum Beispiel kein Fleisch mehr, meiden Weizen oder Gluten, schwören auf Rohkost oder ernähren sich vegan.

Vegan. Das bedeutet kein Fleisch, kein Käse, keine Milch, keine Eier, kein Honig. Vegan bedeutet: Verzicht auf alles, was vom Tier kommt. Und so kauft die 35-jährige Isie auch keine Lederschuhe, keine Wollpullover und keine Daunenjacke. Sie arbeitet auch nicht zufällig im veganen Restaurant Froindlichst in Hamburg. "Es ist eigentlich eine Herzensentscheidung gewesen", sagt sie.

Ein Zeitungsartikel gab den Ausschlag

Im Froindlichst kann Isie mit gutem Gewissen Pattys braten. Die Einlage für die veganen Bürger wird aus Tofu hergestellt, den Cappuccino schäumt sie mit Soja-, Mandel- oder Hafer-Milch auf. Die Entscheidung, Veganerin zu werden, sei ganz abrupt gekommen, erzählt sie. Ein Zeitungsartikel gab den Ausschlag. "Die Titelzeile war 'Politiker fordern: Kükenschreddern beenden'. Und da hat mich plötzlich ein totaler Ekel befallen, vor diesem Prozess des Kükenschredderns und in dem Moment habe ich gedacht: Ich will damit nichts zu tun haben. Gar nichts mehr."

Isie findet es absurd, dass wir zwischen Haus-und Nutztieren unterscheiden. Die einen lieben wir, die anderen essen wir auf. "Mein Hund, der träumt, hat Angst, freut sich - das sind ganz menschliche Gefühle", sagt sie. "Da wird mir jeden Tag bewusst: Eine Kuh träumt bestimmt auch. Und ein Schwein träumt. Das sind Kreaturen mit so viel Tiefe. Was für eine menschliche Hybris das ist, sich darüber zu erheben und zu sagen: Die sind jetzt dafür da, dass ich was essen kann."

"Das kulinarische Erlebnis hat sich vergrößert"

Deshalb hat Isie die Seite gewechselt. Ist, wie sie sagt, ein besserer Mensch geworden. "Ab dem Moment, wo durch mein Handeln weniger Leid geschieht, finde ich das für mein persönliches Karma einfach wunderbar", meint sie. "Ich kann viel besser in den Spiegel gucken, weil ich das Gleichgewicht besser halte. Und trotzdem, obwohl jetzt die Hälfte des Supermarktes für mich eine Tabu-Zone ist, hat sich meine Welt des kulinarischen Erlebnisses vergrößert und intensiviert."

Isie probiert viele neue Lebensmittel aus: zum Beispiel Süßkartoffel-Pommes, Schwarzbohnenmus, Käseersatz aus Mandeln, oder Quinoa, eine Pflanze, die in den Anden wächst. Sie nimmt aber auch in Kauf, dass sie in normalen Restaurants keine Auswahl hat und bei Einladungen oft nur die Beilagen essen kann. Und auch die manchmal nicht.

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Sehr, sehr oft kreisen ihre Gedanken um die nächste Mahlzeit. "Man denkt viel über Essen nach. Das finde ich aber auch nicht schlimm", meint sie. "Andere Leute definieren sich über die PS-Stärke ihres Autos. Das ist auch ein Fetisch. Da habe ich zehn Mal lieber Menschen, die sich mit ihrem Essen auseinandersetzen und zehn Sorten Quinoa im Regal haben."

Mal wieder ein Wiener Schnitzel essen? Eierkuchen oder ein Käsebrot? Nein, sagt Isie und bleibt stark. Für die gute Sache, glaubt sie. "Deswegen sind Veganer auch so unbeliebt, weil sie den Menschen immer vor Augen führen, was sie selber für eine absurde Lebensführung haben, und, dass sie das eigentlich wissen. Sie wissen selbst, dass in der Lasagne, die es für zwei Euro gibt, nur Mist drin ist."

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 12.10.2016 | 06:55 Uhr

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