Stand: 24.04.2017 14:51 Uhr

Stiftungen: Die Privatisierung der Bildung?

von Daniela Remus

2001 wurden die ersten PISA-Ergebnisse veröffentlicht. Entsetzt mussten bundesdeutsche Bildungspolitiker damals anerkennen, dass die Schülerinnen und Schüler hierzulande längst nicht so gut abgeschnitten hatten, wie erwartet. Seit diesem sogenannten PISA-Schock hat sich viel verändert in der Bildungslandschaft, auch an den Schulen. Vor allem der Einfluss privater Geldgeber hat deutlich zugenommen, etwa der von Stiftungen.

Nachholbedarf bei Bewerbungstraining

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Petra Wördehoff ist Leiterin des Projekts "Zukunft mit Plan".

Viele Jugendliche fühlen sich beim Übergang von Schule zu Studium oder Beruf überfordert. Vor allem Jugendliche, die wenig familiäre Unterstützung haben, brauchen Orientierung und Begleitung durch die Schule.

Deshalb finanziert die Stiftung Plan das Projekt "Zukunft mit Plan" , erklärt die Projektleiterin Petra Wördehoff: "Es geht darum, Bewerbungstraining durchzuführen, überhaupt den Überblick zu bekommen, welche Schritte ich eigentlich abarbeiten muss, damit ich zu einer sicheren und fundierten Entscheidung komme und dergleichen. Bei dieser vertieften Berufs- und Studienorientierung gibt es Nachholbedarf in der Oberstufe."

Das Projekt ist nur eins unter vielen: Stiftungen finanzieren in Schulen auch Mittagessen oder Computer, legen Schulgärten an oder bezahlen Sportgeräte. Das klingt gut und ist es vielfach auch. Aber es gibt auch negative Beispiele: Coca-Cola unterstützt die Stiftung Lesen und bringt neben Büchern auch das Werbelogo in die Schulen. Und die Bertelsmann Stiftung macht Druck bei den Bildungspolitikern, damit Schulen dem Fach Wirtschaft mehr Aufmerksamkeit schenken.

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Für viele Schulen ist das eine schwierige Situation, sagt Andreas Giese, Leiter der Fortbildungsabteilung am Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg: "Das Feld wird immer komplexer und größer, deshalb wissen wir mittlerweile, dass die Schulen auch noch mehr Unterstützung brauchen als sie haben und auch gerne auf externe Unterstützung zurückgreifen", meint er.

Die Schülerschaft ist in den letzten Jahrzehnten deutlich uneinheitlicher geworden, und auch das, was Schulen leisten sollen, wird immer mehr. Da gleichzeitig von staatlicher Seite immer weniger Geld bereitgestellt wird, kommt die private Unterstützung gerade recht. Die Stiftungen in Deutschland besitzen ein Vermögen von rund 100 Milliarden Euro. Und über ein Drittel davon setzen sie ein, um sich im Bildungsbereich zu engagieren.

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"Der Staat zieht sich aus bestimmten Bereichen zurück. Die Kooperation mit Stiftungen, als privaten zivilgesellschaftlichen Partnern, ist erwünscht und wird von staatlicher Seite auch politisch gefördert", sagt Thomas Höhne, Professor für Erziehungswissenschaft an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. Er forscht seit Jahren zum Einfluss privater Geldgeber auf das Bildungssystem und beobachtet eine schleichende Privatisierung im Bildungswesen: "Es ist eine Strategie des Staates Stiftungen miteinzubauen, auch weil man das Bildungssystem privatisiert."

Bildung wird so zum Markt, auf dem Stiftungen scheinbar uneigennützig Hilfsdienste anbieten. Trotzdem profitieren sie davon: Unternehmen sparen durch Stiftungen Steuern, machen sich damit einen guten Namen und erhalten Einfluss und politische Macht. So haben es einige große Stiftungen geschafft, wie beispielsweise Bertelsmann, Bosch oder die Telekom Stiftung, sich zu nahezu gleichberechtigten Partnern im Bildungswesen hochzuarbeiten.

Das kann gefährlich sein, wenn damit der staatliche Erziehungsauftrag an Einfluss verliert, sagt Thomas Höhne: "Stiftungen haben ein liberales Selbstverständnis, dass davon ausgeht, dass Individuen Leistungsträger sind. Das ist komplett konträr und gegenübergestellt einem Verständnis von Schule, was erst mal Gleichheit und die Chancengleichheit fördert, was allen Gesellschaftsmitgliedern ermöglichen soll in gleicher Weise an Bildung teilzunehmen und auch zugänglich zu machen."

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