Stand: 20.01.2017 14:50 Uhr

Beispiel DR: Konstruktiver Ansatz, bessere Quoten

von Carsten Schmiester, Stockholm

Ulrik Haagerup ist nicht der alleinige Erfinder des konstruktiven Journalismus, gilt aber als einer der Vordenker dieses Konzepts, das auch in Haagerups Heimat Dänemark seine Wurzeln und inzwischen Tradition hat. Haagerup ist Nachrichtenchef beim Dänischen Rundfunk und Autor des Buches "Constructive News" mit der ebenso länglichen wie überzeugten, wenn auch nicht für alle überzeugenden Unterzeile: "Warum 'bad news' die Medien zerstören und wie Journalisten mit einem völlig neuen Ansatz wieder Menschen berühren".

Nachrichten mit konstruktiven Ergänzungen

In einem Erklärvideo der Europäischen Rundfunkunion, kurz EBU, stellt Haagerup diesen neuen Ansatz vor: "Wir arbeiten hier seit ein paar Jahren mit dem Konzept der 'konstruktiven Nachrichten' und es wird immer besser, ist längst fester Bestandteil aller Gespräche im Newsroom. Früher haben wir nach dem Kern einer Geschichte gefragt, nach einer Person, die sie verkörpert. Heute fragen wir auch: Wo ist der konstruktive Aspekt, wie können wir den hinzufügen?"

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Aus schlechten Nachrichten gute machen - dieses Modell des Dänischen Rundfunks fand schnell viele Anhänger.

Journalismus also nicht mehr wie zu "bösen" alten Zeiten nur nach dem Motto "Bad news are good news" -  nur schlechte Nachrichten sind gute Nachrichten. Stattdessen in freier Abwandlung: "Make bad news good news" - mach' aus schlechten Nachrichten gute. Durch entsprechende konstruktive Ergänzungen. Gern durch Beispiele, wie am liebsten im eigenen Land den zu Beginn einer Geschichte beschriebenen Missständen erfolgreich der Kampf angesagt worden ist.

Neuer Ansatz fand schnell viele Fans

Das Modell hat schnell Schule gemacht, zunächst in Skandinavien. Neben den Dänen waren auch die Leute vom öffentlichen Rundfunk in Schweden früh dabei, ohne dass sie allerdings konstruktive Berichterstattung besonders kennzeichnen. Sie ist, wie von Haagerup beschrieben, gelernter und inzwischen auch gewohnter Teil der ganz alltäglichen Arbeit von Journalisten. Wie auch - von Skandinavien inspiriert - in anderen europäischen Ländern. Die EBU nennt den Flämischen Rundfunk als Beispiel für den Erfolg des Konzeptes. Björn Soenens war dort bis vor kurzem Chefredakteur: "Wir denken, dass konstruktive Nachrichten eine enorme Wirkung haben. In dieser Zeit nachlassender Begeisterung für Demokratie und polarisierter Meinungen brauchen wir solche Geschichten, um für mehr Klarheit zu sorgen angesichts des immer chaotischeren Informationsflusses."

So neu ist die Idee gar nicht

Klarheit, das heißt auch: Abstrakte Dinge und komplizierte Zusammenhänge anschaulich machen. Das geht am besten mit einem Kunstgriff, den es allerdings schon vor der "Erfindung" des konstruktiven Journalismus gab. "Wir suchen nach humanen Geschichten mit ganz normalen Leuten und kleinen Helden. Geschichten über menschliche und wissenschaftliche Errungenschaften. Zukunftsweisende Geschichten", bekräftigt Björn Soenens.

Spätestens hier wird klar: So völlig neu ist die Idee konstruktiver Nachrichten nicht, das gab es ansatzweise schon immer. Aber die Skandinavier haben das Ganze auf eine einheitliche theoretische Basis gestellt, sie haben es definiert, auch formatiert. "Konstruktive Geschichten zeigen Zusammenhänge auf, vermitteln Hintergrundwissen, lassen uns Nuancen erkennen und verstehen. Sie sind der Lichtstrahl im Dunkel, erweitern das Wissen der Mediennutzer und machen sie stärker", erklärt Soenens.

Nutzen für Rezipienten und Journalisten?

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DR-Nachrichtenchef Haagerup versucht nicht nur zu erklären, warum sich die Menschen von den Medien abwenden. Er sucht auch nach Lösungen, das zu ändern.

Die Anhänger dieser "neuen" Form der Nachrichtenvermittlung sind hörbar begeistert und es gibt tatsächlich kaum Kritik. Wenn, dann warnt sie vor der Gefahr, dass Geschichten buchstäblich "schön geschrieben" werden, dass Autoren bewusst oder unbewusst negative Aspekte ab- oder ganz ausblenden. Es gibt auch bei "constructive news" natürlich immer zwei Seiten einer Medaille. Ein Bericht über freiwillige Flüchtlingshelfer freut Verfechter der Willkommenskultur und ärgert deren Kritiker. Damit müssen auch konstruktive Journalisten leben. Können sie aber gut, zumindest beim Dänischen Rundfunk.

Für Ulrik Haagerup hat das Konzept trotz alledem den klassischen Win-Win-Effekt: Es nützt Hörern, Zuschauern oder Lesern und auch Nachrichtenmachern, eben weil die nicht länger als Miesmacher dastehen: "Wir haben unsere Quoten verbessert und auch unsere gesellschaftliche Position. Wir sind jetzt die Nachrichtenmarke, der die Dänen am meisten vertrauen. Unsere Nachrichtensendungen haben das seit Jahren größte Publikum. Die Leute waren es leid, so wie wir früher die Welt dargestellt haben, und sind zurück gekommen, weil unsere Arbeit jetzt mehr Sinn macht für sie. Andere Redaktionen haben das übrigens auch so erlebt."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | 23.01.2017 | 10:55 Uhr

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